Bauprojekt in GrafingMittendrin und barrierefrei

Lesezeit: 3 Min.

Gertrud Hanslmeier-Prockl (links), Gesamtleiterin des Einrichtungsverbunds Steinhöring, und Andrea Baumgartner, die für die Wohneinrichtungen zuständig ist, begleiten die Planungen für das neue Projekt schon viele Jahre.
Gertrud Hanslmeier-Prockl (links), Gesamtleiterin des Einrichtungsverbunds Steinhöring, und Andrea Baumgartner, die für die Wohneinrichtungen zuständig ist, begleiten die Planungen für das neue Projekt schon viele Jahre. Peter Hinz-Rosin

Der Einrichtungsverbund Steinhöring baut in Grafing ein neues Wohngebäude und eine Tagespflege. Fast 14 Jahre nach Beginn der Planungen wird man voraussichtlich Einweihung feiern können.

Von Barbara Mooser, Grafing/Steinhöring

Alle Beteiligten haben hier einen langen Atem bewiesen: Vor elf Jahren wurde mit der Planung des Projekts begonnen, läuft jetzt alles ganz nach Plan, kann Anfang 2028 Einweihung gefeiert werden. Besonderen Grund zur Freude werden dann diejenigen haben, die in den Neubau in der Nettelkofener Straße in Grafing einziehen dürfen: 27 Menschen mit Behinderung, die größtenteils in den Steinhöringer Werkstätten arbeiten oder gearbeitet haben und jetzt ihre Rente genießen. Für sie werden in Grafing barrierefreie großzügige Wohnräume geschaffen, mit viel Platz zur Begegnung und zum Austausch und so stadtnah, dass die Bewohner auch am Leben in Grafing teilnehmen können.

Andrea Baumgartner, die Leiterin der Wohneinrichtungen im Einrichtungsverbund Steinhöring, kommt ins Schwärmen, wenn sie von dem Projekt spricht. „Die Optik ist total toll“, sagt sie, vor allem die Holzfassade und die Gliederung des Gebäudes gefällt ihr. Die Bewohner haben großzügige Räume für sich, können aber auch jederzeit Anschluss finden, wenn sie das wollen. Die Menschen, die hier einziehen werden, benötigen unterschiedlich viel Betreuung: 20 von ihnen werden in insgesamt drei Wohngruppen leben und rund um die Uhr Unterstützung bekommen. Vier Appartements sind für das sogenannte Trainingswohnen vorgesehen – diese vier Bewohnerinnen und Bewohner können bereits erproben, sich selbständiger zu versorgen. Sie gehören aber noch zur besonderen Wohnform. Und schließlich gibt es drei Appartements für Menschen, die selbst als Mieter auftreten und Unterstützung nur für ein paar Stunden in der Woche benötigen.

Mehr als zehn Millionen Euro wird das Neubauprojekt kosten, gut vier Millionen Euro zahlt dabei die Regierung von Oberbayern dazu, einen großzügigen Zuschuss in Form eines Darlehens gibt es auch vom Bezirk Oberbayern.

Außen hat der Neubau eine Holzfassade, innen viel Platz für private Wohnbereiche, aber auch Gemeinschaftsräume.
Außen hat der Neubau eine Holzfassade, innen viel Platz für private Wohnbereiche, aber auch Gemeinschaftsräume. Peter Hinz-Rosin
Die Erschließung des Grundstücks an der Nettelkofenerstraße hat bereits begonnen.
Die Erschließung des Grundstücks an der Nettelkofenerstraße hat bereits begonnen. Peter Hinz-Rosin

Der Neubau ist eines der größeren Vorhaben des Einrichtungsverbunds Steinhöring und wurde aus verschiedenen Gründen notwendig. Denn eines der Wohnhäuser am Standort Steinhöring ist in die Jahre gekommen, die Zimmer sind eigentlich zu klein für Menschen mit Behinderung, die auf verschiedene Hilfsmittel angewiesen sind. Zum anderen wird in Grafing eine Tagesstätte für 14 ältere Menschen angegliedert, die der Einrichtungsverbund betreut – auch für sie müsse man Angebote bereithalten, sagt Einrichtungsleiterin Gertrud Hanslmeier-Prockl.

Im Prinzip könnte und müsste man von allem mehr machen: mehr Wohnplätze, mehr Arbeitsplätze, „es gibt viele, die verzweifelt nach einem Wohnplatz suchen“, so Hanslmeier-Prockl.  „Doch ein großer Wurf ist uns aus anderer Perspektive verwehrt – weil der Personalmangel inzwischen sehr merklich ist“, so Hanslmeier-Prockl. Zwar gelinge es – noch –, die Stellen zu besetzen. Eine wesentliche Ausweitung des Angebots sei aber aus Personalgründen nicht möglich.

Die Nachfrage nach Wohn- und Werkstattplätzen ist ungebrochen hoch

Ohnehin hat der Einrichtungsverbund Steinhöring seit der Gründung vor 53 Jahren ein rasantes Wachstum hinter sich. Angefangen hatte alles mit drei Mitarbeitern, die sich in Steinhöring um drei Menschen mit Behinderung gekümmert haben. Inzwischen arbeiten im Einrichtungsverbund an verschiedenen Standorten in den Landkreisen Erding und Ebersberg 1080 Beschäftigte. Die 330 Wohnplätze für Menschen mit Behinderung – viele von ihnen in kleinen Außenwohngruppen – sind heiß begehrt, ebenso wie die mehr als 420  Arbeitsplätze in den Werkstätten und 70 Förderstättenplätze für Menschen mit stärkeren Beeinträchtigungen.

Daran hat auch eine aktuelle Debatte nichts geändert, in der vielfach kritisiert wird, dass in Werkstätten für Menschen mit Behinderung Löhne gezahlt werden, die vom Mindestlohn weit entfernt sind. Doch viele, die in den Steinhöringer Werkstätten arbeiten, können laut Hanslmeier-Prockl gerade so das „Mindestmaß wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistung“ – so der Terminus im Sozialgesetzbuch – erbringen, das überhaupt Voraussetzung für die Arbeit in einer Werkstätte für Menschen mit Behinderung ist. „Wir verstehen uns als Reha-Einrichtung, die Leute in Arbeit bringt“, sagt sie. In einer anderen Arbeitsumgebung könnten diese Menschen nicht mithalten – und die Werkstätten könnten nicht im Wettbewerb mit anderen Unternehmen mithalten, wenn sie Mindestlohn zahlen würden, wie die EVS-Leiterin erläutert. Käme der Mindestlohn, könnte man vielleicht noch 100 der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigen, nicht aber alle 420.

Assistenzhunde Bayern e. V.
:„Auch Assistenzhunde brauchen eine Work-Life-Balance“

Als Vereinsvorsitzende und Ausbilderin setzt sich Lena Schmidt für Assistenzhunde in Bayern ein. Wie ein Begleiter auf vier Pfoten helfen kann, warum die Finanzierung oft ein Problem ist und warum nicht alles Training sein darf.

SZ PlusVon Marie Gundlach (Text) und Christian Endt (Fotos)

Ihrer Prognose zufolge wird es aber die Werkstätten noch lange geben, denn auch die Schülerzahlen in der Korbinianschule, einer Schule für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit geistiger und mehrfacher Behinderung, sind unverändert hoch – und viele, die hier unterrichtet werden, wünschen sich später einen Arbeitsplatz, in dem sie so unterstützt und gefördert werden, wie es für sie notwendig ist.

Nicht immer geht es mit den Projekten in dem Tempo voran, wie es sich Hanslmeier-Prockl und ihre Mitstreiter wünschen würden – und immer wieder gilt es, auf neue Gesetzgebung zu reagieren. Waren es ursprünglich neue Vorgaben für die Zimmergrößen in Wohnheimen, die die Planung in Grafing ausgelöst hatte, wurden eben diese Vorgaben wenig später wieder zurückgenommen. Und für das Gebäude in Grafing gab es ursprünglich ein vereinfachtes Genehmigungsverfahren, das ebenso wieder abgeschafft wurde – mit entsprechenden Verzögerungen als Folge. Man sei der Stadt Grafing, aber auch dem Ordinariat sehr dankbar, dass sie den Einrichtungsverbund über den ganzen Prozess hinweg unterstützt hätten und Aufgeben keine Option gewesen sei, sagt die EVS-Leiterin.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Inklusion
:„Wenn es uns nicht mehr gibt, sitzen diese Menschen zu Hause vor dem Fernseher“

Immer häufiger gibt es Kritik an besonderen Werkstätten für Menschen mit Behinderung – sie seien nicht mehr zeitgemäß, die Beschäftigten unterbezahlt, so das Argument. In Steinhöring kann man darüber nur den Kopf schütteln.

SZ PlusVon Merlin Wassermann

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: