Jugend und Literatur:Im totalen Lesefieber

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Antonia liebt Romance - das sieht man auch an ihrem Bücherregal. (Foto: Christian Endt)

Am 23. April ist Welttag des Buches. Ein echter Fan jedoch lebt die Freude an Lektüre das ganze Jahr über. Die 13-jährige Antonia aus Grafing zum Beispiel verschlingt einen 400-Seiten-Schmöker schon mal an einem Nachmittag.

Von Michaela Pelz, Grafing

Wenn rund um den Welttag des Buches am 23. April rund eine Million Viert- und Fünftklässler gratis neues Lesefutter erhalten, dann ist das für manche das erste eigene Buch. Bei anderen wiederum gehören bedruckte Seiten von frühester Jugend an zum Alltag. Wie bei Antonia aus Grafing. 6896 Seiten hat sie dieses Jahr schon gelesen. Ja, sechstausendachthundertsechsundneunzig.

Die 13-Jährige weiß das so genau, weil sie jeden einzelnen Titel mit Datum, Bewertung und Seitenzahl in ihrem "Book Journal" vermerkt. Dieses spezielle Notizbuch gab es statt eines Adventskalenders von der Mama. Schon im Vorjahr hatte die Achtklässlerin ihre Leseaktivitäten festgehalten - in einem selbst gemachten Heft. Dieses ging Hand in Hand mit neu erwachtem Lesefieber.

Stand 16. Kalenderwoche: Im Buchjournal sind bisher 16 Titel vermerkt. Mit insgesamt 6896 Seiten. (Foto: Christian Endt)

Das war nämlich irgendwann nach der Grundschule eingeknickt, obwohl Antonia ab der dritten Klasse durchaus mit Freude bei der Sache gewesen war. "Sobald sie richtig gut lesen konnte, hat ihr das großen Spaß gemacht", erzählt Mutter Daniela Molle-Thiel, die nicht ganz unschuldig ist am Hobby der Tochter: Die Pädagogin arbeitet seit mittlerweile 34 Jahren in der Stadtbücherei Grafing, zunächst ehrenamtlich, seit elf Jahren ist sie fest angestellt.

Darum geht dieser Familie der Nachschub auch nie aus. Nicht im Regal und nicht auf der Couch, wo stapelweise Bilderbücher liegen. Der fünfjährige Sohn schmökere sich wöchentlich durch etwa zwei Dutzend davon, schätzt die Mama. Auch das abendliche Vorlesen vor dem Zubettgehen ist seit Antonias Kindertagen ein Ritual.

Dennoch brauchte es nach einer Pause, in der sie "wenig bis nichts" las, jenes eine Buch, das die damals Zwölfjährige packte und nicht mehr losließ. "Schattenflügel" heißt es, Autorin Katrin Lange hat darin Hochspannung und Romantik verbunden. Genau diesem Genre ist Antonia seitdem treu geblieben. Über die angesagtesten Neuerscheinungen informiert sie sich bei Bookstagram. "Dort gibt es spannende Videos und Inspirationen", berichtet die Schülerin. Entsprechende Kaufentscheidungen habe sie noch nie bereut.

Damit liegt die junge Grafingerin voll im Trend: Die Generation Z liest wieder - und zwar gar nicht mal so wenig. In einem Artikel der SZ schätzt eine Verlagslektorin, dass die Renner der Zielgruppe, "Romance und Fantasy", in der Paperback-Bestsellerliste "zuweilen bis zu 70 Prozent der Top 20" ausmachen.

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Ihre eigene Faszination fasst Antonia so zusammen: "Man kommt in eine andere Welt, und gerade dann, wenn man viel lernen muss, kann man beim Lesen den Schulstress vergessen, sich ablenken und entspannen." Doch nicht nur Eskapismus steht im Vordergrund: Auch schwierige Themen würden behandelt, etwa Verlust und wie man diesen verarbeitet.

So wie in Antonias aktuellem Lieblingsbuch: "If only I Had Told Her" von Laura Nowlin, der Fortsetzung von "If He Had Been With Me". Für Band eins brauchte sie ein paar Tage, doch als sie damit fertig war, führte sie der erste Weg nach der Schule in die Buchhandlung, um die Fortsetzung zu kaufen. Am selben Nachmittag verschlang sie die mehr als 400 Seiten in einem Rutsch. "Mittlerweile brauche ich pro Seite weniger als eine Minute", sagt Antonia.

Mit Einmerkern werden die besten Stellen markiert und dann die Zitate mit den Freundinnen geteilt. (Foto: Christian Endt)

In den beiden Büchern geht es um zwei Jugendliche, die als Nachbarn miteinander aufgewachsen sind, sich dann aber auseinandergelebt haben. "Dennoch mögen sie sich gegenseitig sehr gern - sagen es sich aber nicht", fasst Antonia den Kern der Sache zusammen. Der erste Band ende hoch tragisch und dramatisch, in Band zwei werde die Geschichte fortgesetzt, diesmal aber aus teils anderen Perspektiven. Die Teenagerin liebt das Buch, weil sie sich in die Figuren und ihre Probleme so gut hineinversetzen kann. "Man ist so mitgerissen, kann alles so gut mitfühlen." Auch die Art und Weise, wie es geschrieben ist, hat die Achtklässlerin fasziniert. "Viele Sätze kann man sich als Zitat merken."

Gelesen wird vor allem abends, aber manchmal schafft die Achtklässlerin auch noch 20 Minuten vor der Schule. (Foto: Christian Endt)

Ihr liebster Leseplatz ist das Bett. "Wenn ich im Buch drin bin und Zeit habe, lese ich auch nachmittags, sonst abends oder morgens noch 20 Minuten vor der Schule." Eine willkommene Ergänzung sind Kontakte zu Autorinnen und Autoren - live erlebt hat Antonie bereits Dagmar Bach oder Benedikt Mirow. Besonders gut in Erinnerung geblieben ist der Gymnasiastin aber eine Schulveranstaltung mit Juliane Breinl: Anfangs seien die meisten Mitschüler nicht besonders begeistert gewesen, sich bei der Lesung von "Mein Mauerfall" mit Geschichte beschäftigen zu müssen - zumal dafür der Sportunterricht ausfiel. "Aber dann hat die Autorin so packend und persönlich erzählt", dass sich alle gebannt "sogar für die Fakten" rund um Breinls sehr persönliche DDR-Vergangenheit interessiert hätten.

Den "sehr guten" Titel, schaltet sich nun wieder die Mama ein, gebe es auch in der Bücherei, er teile aber leider das Schicksal anderer guter Sachbücher, die von jungen Menschen eher nicht ausgeliehen würden. Hoch im Kurs stünden hingegen Thriller, Fantasy und Romance. Hier war Antonia erst unlängst eine unschätzbare Hilfe, indem sie gemeinsam mit einer Freundin den Jugendraum neu sortierte.

Bei der Neugestaltung des Jugendraums der Bücherei Grafing war Antonia eine große Hilfe. (Foto: privat)

Das Viellesen hat übrigens auch einen praktischen Nebeneffekt: Ihre Rechtschreibung habe sich eindeutig verbessert, sagt die Gymnasiastin, außerdem stünden ihr für Texte aller Art nun mehr Formulierungen zur Verfügung. Selbst in den Fremdsprachen. Dann verrät sie noch, dass sie im Herbst angefangen hat, selbst ein Buch zu schreiben. Worum es geht, darf momentan noch nicht einmal die Familie wissen. Nur das Genre ist klar. Romance, was sonst?!

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