Volksfest in Grafing:Die Angst vor dem Exzess

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Volksfest in Grafing: Attraktion mit zweifelhaftem Ruf: Das Grafinger Volksfest eröffnet heuer nach zwei Jahren Pause wieder die Saison.

Attraktion mit zweifelhaftem Ruf: Das Grafinger Volksfest eröffnet heuer nach zwei Jahren Pause wieder die Saison.

(Foto: Christian Endt)

Nach einer illegalen Party von rund 250 Jugendlichen ist die Befürchtung groß, dass das Grafinger Volksfest aus dem Ruder laufen könnte. Wie eine Stadt versucht gegenzusteuern.

Von Anja Blum, Grafing

Eine illegale Party, wie sie am Wochenende rund ums Grafinger Freibad stattgefunden hat, sei durchaus "starker Tobak", sagt Jugendpfleger Ibrahim Al-Kass. "250 Jugendliche - sowas hatten wir vor Corona nicht." Und offenbar seien da "genau die Richtigen" aus dem ganzen Landkreis zusammengekommen: Der Fußballplatz war laut Polizei total verdreckt, es gab Schlägereien und Diebstähle. Damit befeuert der Vorfall eine Sorge, die in der Stadt ohnehin umgeht: dass die jugendlichen Exzesse beim diesjährigen Volksfest besonders schlimm werden könnten.

Schon seit langem hat "das Grandauer" in Grafing einen eher zweifelhaften Ruf. Es läutet jeden Sommer die Saison der Volkfeste in der Region ein, deswegen scheint es gerade für junge Menschen eine große Anziehungskraft zu haben. Vorglühen im Stadtpark, weiterfeiern im Zelt, später in die Urtel fallen - so das Programm. Seit 2018 steuern die Behörden jedoch entschieden gegen: Die Polizei ist fix vor Ort, vor dem Zelt kontrollieren Securitymitarbeiter Altersnachweise, auf den Straßen und Plätzen rund um das Grandauer gilt Alkoholverbot und auf dem Festgelände gibt es einen Präventionscontainer mit einem großen sozialpädagogischen Team. "Ein großes Paket, das durchaus Erfolg gebracht hat", lobt Ingo Pinkofsky vom Kreisjugendamt: Unter den Jugendlichen habe es keine Schlägereien und kaum Ausfälle mehr gegeben.

Volksfest in Grafing: Illegale Partyzone in Grafing: der Sportplatz neben Freibad und Eisstadion.

Illegale Partyzone in Grafing: der Sportplatz neben Freibad und Eisstadion.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

"Trotzdem sind wir jetzt alle sehr angespannt, denn wir wissen nicht, was auf uns zukommt", so Pinkofsky weiter. Nun nämlich liegen zwei pandemische Jahre hinter den Jugendlichen, von denen "viele zuhause durchgedreht sind". Deswegen habe sich auch schnell eine neue Mode etabliert, nämlich sich heimlich zum Feiern zu treffen, unter freiem Himmel. "Insofern war ich von der Party am Freibad nicht wirklich überrascht", sagt der Jugendschützer - "auch wenn das natürlich schon ein Ausreißer nach oben war". Dass so viele junge Menschen zu der illegalen Party kamen, sieht Grafings Jugendpfleger Ibrahim Al-Kass auch indirekt in Corona begründet: Weil soziale Kontakte oftmals nur digital möglich waren, seien die Jugendlichen nun noch besser vernetzt als ohnehin schon.

Eine "Spaßbremse" aber will Grafings Bürgermeister Christian Bauer nicht sein

Wie bereits 2018 und 2019 hat das Grafinger Rathaus jetzt alle Eltern von Jugendlichen angeschrieben - ab Jahrgang 2009, das heißt, es sind auch solche dabei, die momentan noch zwölf sind. In dem dreiseitigen Schreiben heißt es, dass man heuer - nach zwei Jahren pandemischer Pause - mit besonders großem Zulauf beim Volksfest rechne, vor allem von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. "Da wird wahrscheinlich der ganze Landkreis einlaufen", sagt Al-Kass. Und der "Nachholbedarf" sei diesmal "sicher recht groß", heißt es in dem Brief des Bürgermeisters weiter. "Klar, die Jugendlichen konnten den Sturm und Drang zuletzt gar nicht ausleben", so der Jugendpfleger. Kürzlich habe er einen Jungen gefragt, ob er denn nun eine Freundin habe. "Seine Antwort war ein immer lauter werdendes Stakkato: Wie denn? Wo denn? Es war doch nichts möglich!"

Eine "Spaßbremse" aber will Grafings Bürgermeister Christian Bauer (CSU) nicht sein. Freunde zu treffen und zu feiern sei schön, gut und richtig, schreibt er deshalb - allerdings lasse "diese Situation manchen jungen Menschen nicht mehr so präzise abschätzen, wie viel Alkohol gut ist - gut für sie und für das Umfeld". Deswegen seien sowohl die Verantwortlichen der Stadt als auch die Eltern gefragt, diese Grenzen ins Bewusstsein zu rufen. Die Devise laute: zusammen zum Wohle der Jugendlichen vorsorgend zu handeln. Die Eltern werden gebeten, mit ihren Kindern entsprechende Gespräche zu führen und für den Volksfestbesuch klare Regeln aufzustellen. "Dieses Schreiben soll einfach ein Problembewusstsein schaffen und zu Eigenverantwortung anregen", erklärt der Jugendpfleger der Stadt. "Auch wenn sehr viele 13-Jährige noch sehr brav sind: Prävention ist immer gut."

Jugendliche Testeinkäufer waren zuletzt sehr erfolgreich: Jeder bekam eine Flasche Schnaps

Das sieht auch sein Kollege vom Jugendamt so. Außerdem könne er bestätigen, dass der Alkoholkonsum von Jugendlichen zunehmend zum Problem werde, sagt Pinkofsky. "Unsere jüngsten Testeinkäufe in den Supermärkten waren jedenfalls sehr frustrierend: Teils gab es hundert Prozent Ausfälle." Das heißt: Jeder der geschulten jungen Einkäufer kam mit einer Flasche Schnaps aus dem Laden. "So schlecht war es noch nie." Und auch der steigende Alkoholkonsum liege vermutlich in der Pandemie begründet: Weil so lange vieles nicht erlaubt war, hätten die Jugendlichen bei der Gestaltung von Freizeit große Defizite, so Pinkofsky. "Es fällt ihnen leider oft nichts anderes mehr ein, als sich zu betrinken."

Volksfest in Grafing: Zur Volksfestzeit in Grafing kein ungewöhnliches Bild - obwohl auf den Straßen rund ums Grandauer ein Alkoholverbot gilt.

Zur Volksfestzeit in Grafing kein ungewöhnliches Bild - obwohl auf den Straßen rund ums Grandauer ein Alkoholverbot gilt.

(Foto: Christian Endt)

50 belegte Semmeln hat Al-Kass nun schon beim Metzger bestellt, für den ersten von drei "erfahrungsgemäß problematischen Tagen". Das sind: der Freitag mit dem Anstich, der Mittwoch vor Christi Himmelfahrt und der letzte Freitag. An diesen Tagen wollen viele Engagierte gemeinsam den Jugendlichen auf dem Volksfest eine Anlaufstelle bieten. In dem Container können die Minderjährigen zum Beispiel mit einer kostenlosen Brotzeit und Wasser dem Bier entgegenwirken. Oder freiwillig ihren Atemalkoholgehalt testen. Die "Promille-Karte" zeigt dann auf, was der jeweilige Wert mit Körper und Geist anstellen kann. "So kommt man dann schnell miteinander ins Gespräch über Wohl und Wehe des Alkoholkonsums", sagt Al-Kass. Diese Präventionsarbeit lasse sich die Stadt auch einiges kosten: knapp 4000 Euro koste der Betrieb des Containers.

"Wir sind da, um sie zu informieren und aufzufangen, nicht für eine Standpauke"

Wichtig ist ihm, dass das Team im Container sehr breit aufgestellt sei - "denn jeder kennt ja seine Pappenheimer". Mit von der Partie sind Mitarbeiter des Schüler-Cafés Chaxter, des Kreisjugend- und des Gesundheitsamtes, der Beratungsstelle Frauennotruf sowie der Jugendpflege Ebersberg. Hinzu kommen Vertreterinnen und Vertreter des Grafinger Jugendforums - also junge Helfer, die laut Al-Kass besonders schnell Kontakt knüpfen könnten zu anderen Jugendlichen. "Und wir sind diesmal alle noch mehr in hab Acht."

Den erhobenen Zeigefinger indes muss kein betrunkener Jugendlicher fürchten. "Wir sind da, um sie zu informieren und aufzufangen, nicht für eine Standpauke", sagt Al-Kass. Im Notfall, wenn einer nicht mehr stehen könne, werde der Sanitätsdienst eingeschaltet, in ganz schweren Fällen informiere man die Eltern. Generell aber sei seine Hoffnung, so Pinkofsky, "dass wir immer wieder neue, interessante Zugänge finden - und am Ende das Leben in seiner Fülle doch spannender ist als Schnaps".

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