Auf dem „Open Space“ der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in der Ludwigstraße, wo im September sonst alles glänzte und funkelte und LED-inszeniert daherkam, parkte am Stand des bayerischen Wirtschaftsministeriums ein unscheinbares Gefährt. Schwarzgrau, 3,30 Meter lang, 1,50 Meter breit und 1,80 Meter hoch. Wäre eine Waage unter dem Inyo Cab gestanden, hätte sie angezeigt: 700 Kilogramm. Als Markus Zwick, der Geschäftsführer des Grafinger Start-ups Inyo Mobility GmbH, das elektrisch angetriebene selbstfahrende Viersitzer-Leichtbaufahrzeug Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger vorführte, jagten Kinder auf Scootern dem Inyo Cab hinterher.
Dabei ist doch eher das Cab selbst der Jäger. „Ungefähr 98 Prozent aller Fahrten sind kürzer als 100 Kilometer, bei etwa 80 Prozent liegt das Ziel sogar unter 20 Kilometer entfernt“, sagt Zwick und fragt: Warum sollte jemand die Energie aufbringen und ein Auto von zwei, drei Tonnen durch die Gegend fahren – wo doch rechnerisch ohnehin nur 1,4 Passagiere drinsitzen? „Das Inyo Cab ist das fehlende Puzzlestück, das es für einen wirklich ganzheitlichen öffentlichen Personennahverkehr noch braucht.“ Das kleine E-Taxi soll dort ansetzen, wo Bus und Bahn zu unwirtschaftlich und unflexibel sind, nämlich auf der sprichwörtlichen letzten Meile.

Vor ein paar Jahren noch verdiente Zwick im Innovationsmanagement eines großen Technologiekonzerns sein Geld. Dafür pendelte der Wirtschaftsingenieur von Moosach bei Grafing in die Landeshauptstadt. Doch seine Idee des kleinen Cabs passte nicht in bestehenden Strukturen, Produktlogiken und Verantwortlichkeiten.
Zwick gab sich einen Ruck, suchte Partner und startete mit Anfang 50 in die Selbständigkeit. Er selbst kümmert sich zusammen mit Rauno Fuchs um Fahrzeugkonzept und elektrische Antriebsinfrastruktur. Die Technische Hochschule Augsburg am Technologietransferzentrum in Landsberg am Lech und das FZI-Forschungszentrum Informatik aus Karlsruhe zeichnen für die autonome Steuerung verantwortlich. Das Fahrzeugdesign haben die Industriedesigner von „Studioform“ aus Baiern hinter Glonn beigesteuert. Mit dem Simulationsspezialisten Cadfem ist ein Mittelständler als Gesellschafter mit fast 500 Mitarbeitern an Bord. „Mir ist wichtig zu zeigen, zu was wir hier in Deutschland in der Lage sind“, sagt Zwick. „Und dass es sich lohnt, Entwicklung und Wertschöpfung hier zu halten.“
Ein Fahrzeug, viele Varianten
Wie weit Zwick und Fuchs dabei sind, lässt sich seit ein paar Wochen in einer Halle im Grafinger Gewerbegebiet beobachten. Bis vor Kurzem wurden dort Metallbauteile produziert. Mittlerweile stehen sechs Inyo-Cab-Prototypen auf Boden oder Hebebühnen. Manche haben noch ein Lenkrad, andere nicht. „Das hängt von der Cab-Entwicklungsstufe ab“, erklärt Zwick. „Wenn wir selbstfahrend auf öffentliche Straße wollen, braucht es – in Deutschland noch – einen Sicherheitsfahrer.“ Aus Passagierperspektive fürchtet Zwick weniger Bedenken und nennt als Beispiele die fahrerlose U-Bahn in Nürnberg und den automatischen Pendelzug am Flughafen München zum Satellitenterminal. „Wenn die Technik lenkt, ist das doch heute kaum mehr jemandem unheimlich.“

Steifigkeit, Resonanzen und Belastungen oder das Bordsteinkantenverhalten – statt teurer Try-and-Error-Schleifen validierte Cadfem-Simulationstechnik das Leichtbau-Cab. Auch die Erprobung der Steuerung findet auf einem virtuellen Testfeld mit Cab-Software-Schnittstelle statt. Zum Beispiel, damit die Kamera- und Lasersensorik auf dem Dach Verkehrsschilder richtig erkennt und dies die Steuerung die Straßenverkehrsordnung treffend zu interpretieren weiß. Aktuell stehen die elektromagnetischen Verträglichkeitstests im Kalender. Die finden freilich in der realen Welt statt.
„Wir setzen das Cab aus vergleichsweise unkompliziert montierbaren Modulen zusammen“, erklärt Fuchs. „Der Ansatz macht eine spätere Serienfertigung günstiger.“ Auf eine Reichweite zwischen 100 und 150 Kilometern bringt es das Elektrofahrzeug. Ein sinnvoller Kompromiss aus Verfügbarkeit, Ladezeiten und tatsächlichem Bedarf. Die Höchstleistung sei ohnehin nicht entscheidend, vielmehr die Anpassungsfähigkeit des Cabs: Zwei der vier Sitze lassen sich entfernen. Dann wäre Platz geschaffen für einen Kinderwagen oder Rollstuhl. „Die zum Einstieg nötige Rampe könnten wir zum Beispiel in den Fahrzeugboden integrieren“, spinnt Fuchs den Gedanken weiter. „Wenn wir alle Sitze rausnehmen, dann wären wir bei einer fahrenden Paketstation.“
Wenn das Elektrofahrzeug den Einkauf mitnimmt
Auftritte wie im September in der Ludwigstraße sind Fuchs zufolge immer auch eine Art eigene Marktforschung. „Da schaut dann zum Beispiel die 60-plus-Generation sehr genau hin, weil sie eigentlich gerne auf ein Auto verzichten würde, aber nicht jedes Mal teuer ein Taxi rufen will. Oder Eltern fragen, ob so ein Cab nicht vielleicht auch die beiden Kinder vom Fußballtraining abholen könnte?“
Selbst betreiben will die Firma Inyo Mobility keines der Fahrzeuge. „Wir liefern die Plattform, den Betrieb würden Verkehrsverbünde oder Kommunen übernehmen – zusammen mit der passenden Automatisierungstechnologie.“ Die Steuerung könnte über eine App laufen, die Fahrbedarfe bündelt und das passende Fahrzeug disponiert. Die beiden Kinder wollen vom Trainingsgelände nach Hause? Fährt das Cab ohnehin über den Marktplatz, könnten dort zwei Fahrgäste zusteigen, die mit dem Einkauf fertig sind. Ein Schuhgeschäft will eine Auswahl an Schuhen zum Anprobieren an einen Kunden in der Stadt schicken? Die App disponiert ein Taxi, das mit nur zwei Sitzen, dafür aber verschließbaren Transportboxen ausgestattet ist.

Zwick rührt die Werbetrommel weiter: Auch für Hotelbetreiber oder Unternehmen seien die Cabs interessant. „Ein Ski-Hotel könnte zum Beispiel hinten eine Vorrichtung für die Skier anbringen und einen Service zur Talstation anbieten, ein Unternehmen seine Mitarbeiter am Bahnhof abholen.“ Letzteres ist erklärtes Cadfem-Ziel – mit einer Pendellinie zwischen Grafing Bahnhof und der Unternehmenszentrale. Denn die liegt etwas außerhalb von Grafing im Schammacher Gewerbegebiet.
Was jetzt noch fehlt? Für die Antwort muss Zwick nicht lange überlegen. „Ein Investor oder der Auftrag über eine Kleinserie.“ Dann würde das Inyo Cab selbst Reklame machen – allein schon durch seine Sichtbarkeit auch außerhalb der Schammacher Halle.

