Erfolgreiche KulturinitiativeEin Dorf kauft eine Kirchenorgel

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Sogar ein „Orgelbier“ hat Kirchenmusiker Matthias Niedermair ersonnen, um ein neues Instrument finanzieren zu können.
Sogar ein „Orgelbier“ hat Kirchenmusiker Matthias Niedermair ersonnen, um ein neues Instrument finanzieren zu können. (Foto: Christian Endt)
  • Kirchenmusiker Matthias Niedermair hat in fünf Jahren 180 000 Euro für eine neue Orgel in Straußdorf gesammelt, weil das hundert Jahre alte Instrument völlig marode ist.
  • Niedermair organisierte Haussammlungen, Benefizkonzerte und verkaufte sogar "Orgelwein" und "Orgelbier", um die benötigten 239 000 Euro zusammenzubekommen.
  • Die neue mechanische Orgel wurde bei der Firma Schreier in Auftrag gegeben und soll 2028 fertig eingebaut sein.
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Weil das alte Instrument völlig marode ist, hat der Straußdorfer Kirchenmusiker Matthias Niedermair bereits 180 000 Euro für ein neues gesammelt. Sein Erfolgsrezept: „Es darf einem nichts zu blöd sein.“

Von Anja Blum, Grafing

Ein einfaches Kirchenlied könne man noch spielen, ja. „Aber alles darüber hinaus geht einfach nicht“, sagt Matthias Niedermair, nachdem er ein paar Takte hat anklingen lassen, und lächelt gequält. Der 46-Jährige steht auf der Empore der Straußdorfer Kirche, sie ist sein zweites Zuhause. Hier dirigiert er mit Begeisterung den Chor, hier spielt er die Orgel. Das allerdings mit eher wenig Begeisterung. Denn das rund hundert Jahre alte Instrument, nun ja, war noch nie wirklich gut, und ist mit der Zeit nicht besser geworden.

„Solistisches Spiel oder eine Interpretation von auch nur kleineren Werken der Orgelliteratur sind hier nicht durchführbar. Ein Lob auf die Organisten, die sich trotz all der Imponderabilien an dieses ‚Instrument‘ begeben und willens sind, Gottesdienste so weit als möglich einigermaßen würdig zu gestalten.“ So urteilte ein Orgelsachverständiger der Erzdiözese München-Freising im Jahr 2018. Von weiteren Reparaturen riet er aufgrund der schlechten Substanz ab. Sein Fazit: „Ein Orgelneubau für diese wunderschöne Kirche wäre natürlich die optimale Lösung.“

Das Problem jedoch ist, dass Orgelrenovierungen oder -neubauten stets Sache der Pfarrgemeinde sind. Lediglich zehn Prozent Zuschuss gebe es von der Diözese, erklärt Niedermair. Straußdorf jedoch, ein Dorf bei Grafing, ist ziemlich klein, der Kirchenmusiker und Pfarrgemeinderat spricht von rund 400 Katholikinnen und Katholiken. Das Gemeindeleben aber sei sehr lebendig, gerade auch in musikalischer Hinsicht. Weswegen es eben besonders schade sei, dass man sich schon so lange mit einem so schlechten Instrument herumschlagen müsse.

Die Registerwippen am Spieltisch brechen immer wieder ab. Die improvisierte Lösung: Wäscheklammern.
Die Registerwippen am Spieltisch brechen immer wieder ab. Die improvisierte Lösung: Wäscheklammern. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Also fasste Matthias Niedermair vor fünf Jahren den geradezu verwegenen Plan, das nötige Geld für einen Orgelneubau irgendwie zu beschaffen. Ein Unterfangen, an dem sein Großvater, der Chorregent August Niedermair, in den Siebzigerjahren bereits gescheitert war. „Und natürlich haben viele gedacht, dass das diesmal sicher wieder eine Bauchlandung wird“, sagt der Enkel. Doch Matthias Niedermair hat es nun tatsächlich geschafft: Anfang Januar wurde bei der Firma Schreier in Thierhaupten eine neue Orgel für die Straußdorfer Kirche in Auftrag gegeben.

Das Schlimmste sei die Pneumatik, die Verbindung zwischen Taste und Pfeife mittels Luftdruck, sagt Niedermair. Diese führe beim Spiel stets zu einer eklatanten Verzögerung.
Das Schlimmste sei die Pneumatik, die Verbindung zwischen Taste und Pfeife mittels Luftdruck, sagt Niedermair. Diese führe beim Spiel stets zu einer eklatanten Verzögerung. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

„Eine knappe Viertelmillion“ werde diese kosten, erzählt Niedermair. Um genau zu sein: 239 000 Euro. Diesen Betrag hat der Kirchenmusiker zwar noch nicht beisammen, sondern nur 180 000 Euro. 60 000 Euro fehlen also noch. Doch sowohl Niedermair selbst als auch die Pfarrei und das Ordinariat scheinen optimistisch zu sein. „Wir haben in fünf Jahren so viel gesammelt – und es wird weiter gut laufen!“, sagt der Initiator des Projekts, während er mit den silbernen Pfeifen hinter sich um die Wette strahlt. Schon bald werde er wieder 400 Flaschen „Orgelwein“ bei sich zu Hause haben – um sie gewinnbringend weiterzuverkaufen, versteht sich.

Denn ja, dieser Kirchenmusiker geht auch ungewöhnliche Wege, um seiner Gemeinde ein besseres Klangerlebnis zu ermöglichen. Niedermairs Credo für ein gelungenes Spendenprojekt: „Man muss es wirklich wollen, man muss absolut überzeugt sein von der Machbarkeit und vor allem: Es darf einem nichts zu blöd sein.“ Klar, habe sich das Ganze zwischendurch immer mal wieder angefühlt wie eine verfluchte Sisyphusarbeit. „Aber mein Stein bleibt oben liegen, irgendwann!“

Das neobarocke Orgelgehäuse wird restauriert, das Innenleben komplett ausgetauscht.
Das neobarocke Orgelgehäuse wird restauriert, das Innenleben komplett ausgetauscht. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Das Wichtigste, sagt Niedermair, sei die Haussammlung gewesen: Mit einem Infobrief bewaffnet, habe er alle Adressen in Straußdorf abgeklappert, katholisch oder evangelisch, zugezogen oder alteingesessen, völlig egal. „Aber den Zettel in den Briefkasten zu werfen, reicht nicht. Man muss klingeln, sich Zeit nehmen, Rede und Antwort stehen.“ Insofern sei das eine unglaublich schöne, intensive Zeit gewesen, mit tollen Gesprächen, viel Kaffee und sogar dem ein oder anderen unverhofft langen Abend.

Und es wundert nicht, dass Niedermair offenbar häufig Erfolg hatte: Mit ganz einleuchtenden Vergleichen kann er erklären, woran es bei der alten Orgel hakt, und vor allem, warum ein Neubau die einzige sinnvolle Option ist. Sehr gerne zieht er dafür Vergleiche aus der Automobilwelt heran. Dieses Instrument sei wie ein 20 Jahre alter Kleinwagen, der zwar noch fahre, aber bereits diverse grobe Mängel aufweise. „Da wird ihnen die Werkstatt auch sagen, dass sich Reparaturen überhaupt nimmer lohnen.“

Sankt Johannes der Täufer ist ein mit hochbarockem Schmuck reich verziertes Gotteshaus.
Sankt Johannes der Täufer ist ein mit hochbarockem Schmuck reich verziertes Gotteshaus. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Doch nicht nur auf Hausbesuche hat Niedermair gesetzt. Er hat obendrein diverse Benefizkonzerte und andere Aktionen organisiert, den „Orgelwein“ und ein „Orgelbier“ herausgebracht, ortsansässige Firmen zum Sponsoring überredet und Förderungen durch die öffentliche Hand akquiriert. „Der Gamechanger waren 50 000 Euro von der bayerischen CSU-Fraktion“, das habe man dem Landtagsabgeordneten Thomas Huber aus Grafing zu verdanken. Der Kirchenmusiker selbst hat „Aberhunderte Stunden“ in seinen Traum investiert. „Mir war von Anfang an klar, dass das eine One-Man-Show wird, weil niemand so sehr daran geglaubt hat wie ich.“

2028 soll die neue Orgel fertig eingebaut sein. Das hübsche, neobarocke Gehäuse bleibt erhalten, das gesamte Innenleben wird erneuert. Anstatt einer schwerfälligen pneumatischen Orgel wird in Sankt Johannes der Täufer dann ein hochwertiges, komplett mechanisches Instrument erklingen, „so, wie es jahrhundertelang üblich war“, sagt Niedermair. Und weil diese Art Orgeln sehr widerstandsfähig sei und man mit der Firma Schreier natürlich einen Wartungsvertrag schließe, sei das Ganze eine sehr langfristige Investition. „Diese Orgel wird mich weit, weit überleben.“

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