Drei Jahre ist Jonas Pfaller in der Grafinger Adresse Marktplatz 4 ein und aus gegangen. Per Smartphone-App öffnete die Tür Montagmorgen um halb sechs oder Samstagnacht um eins. Je nachdem, wie die Termine eben liegen bei einem Gründerzentrum-Start-Upper. Vor ein paar Tagen zog der 30-Jährige die Tür zum letzten Mal hinter sich zu. Ein Drama? Ganz im Gegenteil!
Pfaller war der erste Gründer, der sich vor gut drei Jahren mit seiner Idee erfolgreich ins Grafinger Zamstarten-Gründerzentrum pitchte. Pitchen bedeutet: In wenigen Minuten Geschäftsidee, Team und Marktpotenzial der Jury vorstellen, um den Zuschlag für einen der begrenzen „Plätze“ im Gründerzentrum zu erhalten. Der Zuschlag ist stets einer auf Zeit. Maximal drei Jahre dürfen Gründer im Zamstarten bleiben. Dann muss sich ihr Unternehmen selbst tragen.

Schöner Jobben in Grafing:Schicke neue Arbeitswelt
Mit seinem Umzug in die Räume am Marktplatz ist das Grafinger "Zamworking" am Ziel - und doch erst am Anfang. Besuch im neuen Gründerzentrum.
Das Start-up von Pfaller heißt SafetyPlanner. Es entwickelt und vertreibt eine Software, mit der Firmen ihre Arbeitssicherheitsthemen managen können. „Ich hab’ meine Ausbildung im Metallbereich gemacht und mich dann zur Fachkraft Arbeitssicherheit weitergebildet“, erzählt der Grafinger. Obwohl die Geschichte im Jahr 2021 spielt, war der Bereich in Deutschland noch kaum digitalisiert. Entweder hätte es am Markt Software nur für große Konzerne gegeben. Oder rudimentäre Docs auf Excel- oder Wordbasis für alle anderen. „Da dachte ich mir: Bauen wir die KMU-Lösung halt selbst.“ KMU steht für kleine und mittlere Unternehmen. Drei Jahre später sind zwei Programmierer mit an SafetyPlanner-Bord, zudem zwei Minijobber.
„Ohne den Platz im Gründerzentrum wäre das niemals so schnell gegangen“, sagt Pfaller. „Du kannst dich einfach voll aufs Geschäft konzentrieren, weil du für den ganzen essenziellen Start-Up-Support nicht ständig irgendwo hinrennen musst.“ Wo ist rechtlich Vorsicht geboten? Wann ist ein zusätzlicher Kredit sinnvoll? Wo lohnt sich vielleicht sogar eine Patentanmeldung? „Das bekommst du hier von Leuten, die selbst erfolgreiche Unternehmer sind und wissen, wie man das anpackt.“ Von Christoph Müller zum Beispiel, Gesellschafter und Geschäftsführer des Grafinger Simulationsspezialisten Cadfem.
Im Grafinger Stadtrat würden manche dem Gründerzentrum gerne den Geldhahn zudrehen
Bei gut 100 000 Euro liegt das jährliche Gründerzentrum-Budget. „Davon erhalten wir ziemlich genau die eine Hälfte von der Stadt und die andere Hälfte aus den Mitgliedsbeiträgen des Zamstarten-Fördervereins“, sagt Zamstarten-Geschäftsführerin Gaby Köhler. Auf etwa 1600 ehrenamtlich geleistete Stunden komme die Mannschaft im Jahr, geleistet von Mitgliedern des Fördervereins, Trainern und teilweise auch Köhler selbst. Warum Köhler die Zahlen trotzdem aufdröselt: Weil im Stadtrat einige der Meinung sind, die Stadt würde zu viel Geld ins Gründerzentrum stecken, aber zu wenig zurückbekommen.

Klammes Grafing:Giftliste als Medizin
Die Grafinger SPD-Fraktion sowie der FDP-Stadtrat Claus Eimer veröffentlichen jeweils Papiere zu Sparvorschlägen im Grafinger Haushalt. Die Diskussion ist bitter nötig – und dürfte ziemlich wehtun.
Thematisch braucht sich Zamstarten jedenfalls nicht vor den großen Geschwistergründerzentren in München oder Rosenheim verstecken: E4S Tech arbeitet vom Marktplatz 4 aus an Tools, „um die Lücke zwischen hochdigitalisierten Fahrzeugen und analogen Geräten zu schließen“. My Jopportunity „vermittelt hochspezialisierte Fachkräfte im Veterinär- und Agrarsektor“. Circular Grain entwickelt eine umweltfreundliche Milchalternative auf Treber-Basis. Medimobility wartet Akkus für E-Bikes, E-Scooter und andere kleine E-Fahrzeuge, damit erst später neue Akkus nötig werden. Etwa 20 Start-ups betreut das Grafinger Gründerzentrum aktuell.
Der dank Zamstarten erfolgreiche Gründer Jonas Pfaller hat seine neue Firma ebenfalls in Grafing angesiedelt
Der jüngste Neuzugang heißt „Philectrify“. Das Start-up von Ben Bartolovic und Sergej Belik gewann den Pitch für die freiwerdenden SafetyPlanner-Flächen. Die beiden wollen eine Induktionsheizung mit einem Katalysator und einem Siliziumcarbid-Werkstoff verbinden und damit eine 1200 Grad Celsius Hochleistungsheizung für die industrielle Versorgung mit Prozesswärme entwickeln. „Emissionsfrei und vollelektrisch“, wie Bartolovic erläutert. Drei Patente halte das junge Unternehmen mittlerweile, zwei davon gar weltweit. Beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Stuttgart laufen bereits Versuche an einem Demonstrator.

Warum sie sich dann nicht gleich ein Gründerzentrum in Stuttgart gesucht haben? „Wir haben uns tatsächlich erst Stuttgart oder München überlegt, uns dann aber für Grafing entschieden“, erzählt Bartolovic. „Ich wohne selbst seit eineinhalb Jahren in der Stadt. Und im Gründerzentrum hat einfach vieles zusammengepasst: Lage, Räumlichkeiten, Spirit – das ist hier wirklich eine gute Mischung.“
Und von wo aus SafetyPlanner-Gründer Jonas Pfaller nach dem Zamstarten-Abschied arbeitet? „Wir haben in Grafing gute Nachfolgeräumlichkeiten gefunden“, sagt Pfaller. Die beiden zuletzt eingestellten Kollegen wohnen in der näheren Umgebung. „Da ziehe ich doch nicht wieder weg!“

