Sommerferien, die Sonne scheint, der Geburtstag steht vor der Tür. Eigentlich müsste es jetzt eine unbeschwerte Zeit für Sandra Dichtl sein. Doch seit ein paar Wochen ist für sie, ihren Mann und ihre beiden Kinder, drei und fünf Jahre alt, nichts mehr so, wie es war: Die Diagnose Leukämie hat das Leben der Grafinger Familie erschüttert. Jetzt braucht die 39-Jährige schnell Hilfe – eine Stammzellenspende kann sie wieder gesund machen. Freunde in Grafing haben eine Typisierungsaktion organisiert und hoffen, dass sich trotz des langen Ferienwochenendes viele Menschen finden, die am 16. August ins BRK-Haus nach Ebersberg kommen. Ihr sei schon klar, dass das nicht der ideale Termin sei, sagt Ulrike Endemann, die selbst als Erzieherin beim BRK arbeitet und die Aktion initiiert hat – doch wichtiger war ihr, so schnell wie möglich etwas auf die Beine zu stellen. „Zeit ist etwas, das wir hier nicht haben“, sagt sie.
Deshalb wollen die Organisatoren nun auf allen Kanälen für die Aktion werben, auf Postern und Plakaten, im Radio, in sozialen Netzwerken. Auch Landrat Robert Niedergesäß, der Grafinger Bürgermeister Christian Bauer und der Landtagsabgeordnete Thomas Huber helfen wie viele andere Menschen im Landkreis dabei, Menschen zu mobilisieren.
Huber hat auch die Schirmherrschaft übernommen. Er habe beim Friseur von dem Schicksal der Grafingerin erfahren, die er schon lange auch persönlich kenne und immer sehr geschätzt habe, sagt der CSU-Politiker, der selbst in Grafing wohnt. „Deshalb mache ich alles, um der Aktion zu einem Erfolg zu verhelfen.“ Er selbst ist in der Spenderkartei seit 2017 registriert, als die Moosacher Feuerwehrleute für ihren Kameraden Lucas Weidlich eine große Typisierungsaktion auf die Beine gestellt hatten. 2113 Menschen kamen damals zusammen, um dem jungen Mann zu helfen.
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Auch wenn sich damals kein Spender für Lucas Weidlich fand, demonstriert gerade diese Aktion dennoch, wie wichtig solche großen Typisierungsaktionen sein können. Denn 13 andere schwer kranke Patientinnen und Patienten haben durch die Moosacher Typisierungsaktion ihren genetischen Zwilling gefunden und damit die Chance erhalten, ihre Erkrankung zu überwinden. Die Stammzellen von neun Männern und vier Frauen wurden an Patientinnen und Patienten auf der ganzen Welt vermittelt, Deutschland, Kanada, Italien, USA, Österreich, Frankreich und sogar Neuseeland. Auch für Lucas Weidlich gab es letztlich ein Happy End: Kurz nach der Typisierungsaktion wurde eine Stammzellenspenderin in Großbritannien aufgetan.

„Je mehr Spender in der Kartei sind, desto höher ist die Chance für erkrankte Personen, Hilfe zu bekommen“, betont Verena Spitzer von der Aktion Knochenmarkspende Bayern (AKB), die die Aktion in Grafing organisiert. Sie weiß selbst, wie es ist, nach einer Spende ein neues Leben geschenkt zu bekommen: „Ich war vor Jahren in derselben Situation wie Frau Dichtl“, erzählt sie. Mit der Grafingerin habe sie länger telefoniert und versucht, ihr Mut zu machen, „das hat sie dankbar angenommen“. Durch die Fortschritte in der Medizin seien heute die Heilungschancen viel größer als noch vor einigen Jahren, unterstreicht Spitzer. Dennoch müsse man nun eben erst einen Spender finden, „und das muss relativ schnell passieren“. Bei der Typisierungsaktion werden lediglich Zellen durch einen Wangenabstrich gewonnen, das geht einfacher und schneller als eine Blutspende. Stellt sich heraus, dass eine getestete Person die richtigen Voraussetzungen mitbringt, müssen zu einem späteren Zeitpunkt weitere Untersuchungen erfolgen und schließlich die Stammzellen in einem kleinen Eingriff entnommen werden.
Große Aktionen wie die, die nun in Grafing geplant ist, „sind für uns essenziell“, so Spitzer. Zwar hat die AKB momentan etwa 350 000 Spenderinnen und Spender in der Kartei. Doch immer wieder fallen auch welche heraus, wenn sie das 60. Lebensjahr vollendet haben und daher nicht mehr für eine Knochenmarkspende in Frage kommen. In Grafing können wie bei anderen AKB-Aktionen Menschen im Alter bis zu 45 Jahren zur Typisierung vorbeikommen.
Besonders erfolgversprechend ist es, wenn sich junge Menschen zu einer Stammzellenspende bereiterklären. „Die Zellen teilen sich schneller und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Spender gesund sind“, erläutert Spitzer. Längst wirbt die AKB daher unter anderem an Hochschulen und Berufsschulen um potenzielle Spender.
Auch der Ebersberger Konstantin Pelz ist im studentischen Umfeld auf die Bedeutung von Knochenmarkspenden aufmerksam geworden. Bei Ersti-Tagen sei dafür geworben worden, auch einem Medizinstudenten, der mit ihm im Wohnheim war, sei das Thema sehr wichtig gewesen, erzählt der 26-Jährige. Seit Jahren ist er bereits in einer Kartei, und gerade ist er zum zweiten Mal angefragt worden, ob er konkret für eine Spende zur Verfügung stehen würde. Beim ersten Mal hatte er sich sogar schon beim Transplantationszentrum in Tübingen zur eingehenden Untersuchung vorgestellt und einen Termin zur Stammzellenentnahme vereinbart, der damals aber wieder abgesagt wurde.
Jetzt darf wieder eine schwer kranke Person hoffen, dass die Stammzellen von Konstantin Pelz die erhoffte Heilung bringen. Eine erste Blutuntersuchung hat der junge Ebersberger schon hinter sich, mit weiteren Nachrichten rechnet er kommende Woche. Seine Entscheidung, gegebenenfalls Stammzellen zu spenden, habe er seit der Registrierung noch nie in Zweifel gezogen, sagt der 26-Jährige, der in Bioinformatik promoviert und deshalb im Studium und in der Arbeitswelt schon viel mit Krankheit zu tun hatte: „Wenn ich die Möglichkeit habe, mit einem kleinen Stich für einen anderen einen großen Unterschied zu machen, muss ich nicht lange drüber nachdenken.“
Typisierungsaktion am Samstag, 16. August, von 11 bis 16 Uhr im BRK-Haus, Zur Gass 5, Ebersberg. Willkommen sind alle, die gesund und nicht älter als 45 Jahre alt sowie bisher noch nicht in einer Spenderkartei registriert sind.


