Kultur in Grafing:Raus aus dem Elfenbeinturm, rein in die Schwemme

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Alle Masken des zivilisierten Bürgertums sind gefallen: "Der Gott des Gemetzels" gewährt einen tiefen Blick in menschliche Abgründe. (Foto: Victoria Jungblut/oh)

Schauspieler Sebastian Edtbauer und sein Ensemble spielen in Grafing "Der Gott des Gemetzels" auf Bairisch. So soll das Erfolgsstück zum Volkstheater im besten Sinne werden. Kann das Ensemble nun an seinen früheren Erfolg anknüpfen?

Von Anja Blum, Grafing

In diesem Text soll es zwar um eine waschechte Komödie gehen - doch deren Entstehungsgeschichte ist ein Krimi. Hinter Sebastian Edtbauer und seinem Ensemble liegen jedenfalls Jahre voller schier überwindbarer Hindernisse und überraschender Wendungen. Doch nun sieht es so aus, als ob es in Grafing ein Happy End geben könnte. Zumindest für die Münchner Schauspieltruppe. Die Komödie an sich nämlich endet stets im Desaster, denn "Der Gott des Gemetzels" ist mächtig. Auch in der bairischen Version, um die es hier gehen soll.

Doch von Anfang an. "Eigentlich hatte ich mir meinen Dialekt schon abtrainiert", erzählt Sebastain Edtbauer. Der Schauspieler ist im Chiemgau aufgewachsen, an der Otto-Falckenberg-Schule in München hatte das Bairische allerdings keinen Platz. Die Wende kam erst 2008, dann da nahm Edtbauer an einem Seminar für Volksschauspiel teil, wo der Dialekt ganz selbstverständlich gewesen sei, wie er erzählt. Das sei für ihn eine Art Erweckungserlebnis gewesen: "Von da an hatte ich den dringenden Wunsch, das zeitgenössische Sprechtheater mit dem Bairischen zu verbinden - und so einen ganz speziellen Effekt zu erzielen." Die Mundart habe schließlich großes Potenzial. Sie sei aufgrund ihrer Knappheit viel direkter und griffiger als die Hochsprache und habe einfach einen ganz besonderen Charme. "I verstäh ned, dass du di vor andre Menschen so blamiern muast", sagt Edtbauer im Stück zu seiner Frau, gespielt von Ina Meling. Ihre durchschlagende Antwort: "Hoits Maul."

Sebastian Edtbauer und Ina Meling (Mitte) gastieren nun bei Theresa König in der Stadthalle Grafing. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Es ist "Der Gott des Gemetzels", auf den Edtbauer auf seiner Suche nach Stücken, die sich ins Bairische übertragen ließen, irgendwann stößt. "Und ich muss sagen: Diese Version hat sich quasi wie von allein geschrieben." Als dann auch noch der Regisseur Johannes Rieder mit seiner Begeisterung für das Projekt hinzukommt, steht für Edtbauer fest: "Wir wollen den Komödienstadl revolutionieren!" Sogar der Bayerische Rundfunk habe großes Interesse gehabt.

"Der Gott des Gemetzels" der französischen Autorin Yasmina Reza ist eines der international meistgespielten Stücke der vergangenen Jahrzehnte und wurde von Roman Polanski verfilmt. In dem Kammerspiel treffen sich zwei Ehepaare, deren Söhne Ärger miteinander haben: Der eine hat dem anderen zwei Vorderzähne ausgeschlagen. Die Erwachsenen indes beschließen, sich gütlich zu einigen. Doch die Situation eskaliert, es kommt zu einer verbalen Schlammschlacht, bei der alle Masken des zivilisierten Bürgertums fallen.

Alle plumpen bayerischen Klischees werden in der Mundart-Adaption vermieden

"Dieses Stück ist unglaublich lustig und sehr gut geschrieben", schwärmt Edtbauer. "Und in seiner bairischen Übersetzung stoßen zwei eigentlich strikt getrennte Kulturen aufeinander: Das zeitgenössische Sprechtheater hat ein tête à tête mit dem Volkstheater." Doch alle plumpen bayerischen Klischees würden dabei tunlichst vermieden, die Konversationskomödie bleibe erhalten. "Der Dialekt ist so genau und intelligent, dass die Figuren nie in die Nähe von Lederhose und Co. rücken, sondern sich irgendwo zwischen Paris und Trostberg treffen." Die bayerischen Figuren seien wie ihre französischen Zwillinge in der modernen Welt beheimatet, das Schmale, Hintergründige und Boshafte bleibe vollständig erhalten. "Die Rauheit der bairischen Sprache verleiht den Figuren jedoch eine Wirkung, der man sich kaum entziehen kann", ist Edtbauer überzeugt.

Doch dann muss die eilig zusammengetrommelte Truppe um den Chiemgauer einen herben Rückschlag einstecken: Autorin Reza untersagt jedwede Mundart-Adaption ihres Erfolgsstücks. "Ich kann das schon verstehen, sie will nicht, dass es irgendwie folkloristisch verhunzt wird", sagt Edtbauer, "gerade bei so einem humorvollen Text ist das Kasperltheater nämlich nicht weit." Und eben weil er um dieses Problem weiß, gibt der Schauspieler nicht auf, sondern schreibt Reza persönlich einen Brief, in dem er das Vorhaben erklärt - und bekommt tatsächlich grünes Licht von ihr. Ein Ritterschlag.

Zwar wird aus der BR-Sendung leider nichts, weil nach Polanski niemand mehr Rezas Gemetzel verfilmen darf, doch nun kann Edtbauer seine bayerische Version endlich auf die Bühne bringen. Neben ihm und Regisseur Rieder sind drei weitere Schauspieler an Bord: Cornelia von Fürstenberg, Ina Meling und Matthias Ransberger. 2018 findet in München die Premiere statt, im Heppel und Ettlich. Und das Gemetzel in Mundart schlägt ein wie eine Bombe. Schnell ergeben sich Gastspiele hier und da, vom Saal im edlen Schloss Nymphenburg bis zur Brettlbühne einer Brauerei in Aldersbach.

"Wir wollen ja Volkstheater im besten Sinne machen", sagt Edtbauer, "deswegen müssen wir hingehen zu den Leuten." Also: raus aus dem Elfenbeinturm, rein in die Schwemme. Und die ersten Vorstellungen zeigen: Das Gemetzel auf Bairisch kommt in allen Gesellschaftsschichten an, "vom Anzug bis zum Dirndl, von den ohnehin Kulturaffinen bis hin zur Tante Ernie, die vielleicht noch nie im Theater war. Alle sind gleichermaßen begeistert", erzählt Meling und strahlt. Auch die "Übersetzung" versuche, alle zu erreichen: Der Text sei für Nichtbayern durchaus verständlich, versichert Edtbauer, biete aber auch so manches Schmankerl für Eingefleischte. "Des Verklaghaferl zum Beispiel, das ist so schön", schwärmt Meling. Kein Wunder also, dass die Inszenierung ausgezeichnet wird mit dem Innovationspreis Volkskultur der Landeshauptstadt München.

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Doch dann überrollt Corona das Land - und bremst auch Edtbauer und sein Team, das jenseits aller subventionierten Bereiche unterwegs ist, komplett aus. "Wir haben jeden Schwung verloren", sagt er, und ohne Geld sei es eben schwierig gewesen, ein solches Projekt wieder neu anzuschieben. Doch nun hat sich eine Lösung gefunden, in Gestalt von Thomas Luft. Dessen Tourneetheater haben sich Edtbauer und Co. nun nämlich mit ihrer Produktion angeschlossen und können so eine hochprofessionelle Infrastruktur nutzen. Unter anderem bedeutet das, dass das Ensemble jetzt in der Stadthalle Grafing proben und dort dann auch gleich zwei Vorstellungen spielen wird, die ersten ohne pandemische Hindernisse.

"Das wird eine tolle Wiederauferstehung", ist sich Edtbauer sicher, "wir jedenfalls sind alle total motiviert." Jetzt müssen also nur noch die Grafinger mitspielen. Übrigens, wer sich zwei der Darsteller schon mal im Fernsehen anschauen möchte: Sebastian Edtbauer ist in der ZDF/ORF-Koproduktion "Die Toten von Salzburg" zu sehen, die nächste Folge gibt's am 21. Februar, und Ina Meling spielt in den "Neuen Geschichten vom Pumuckl" von Markus H. Rosenmüller eine Hauptrolle. Das Bairische? Liegt offenbar voll im Trend, egal ob Komödie oder Krimi.

"Gott des Gemetzels", Schauspiel von Yasmina Reza in bairischer Sprache, am Freitag, 23. Februar, und Samstag, 24. Februar, jeweils um 20 Uhr in der Grafinger Stadthalle . Die Tickets kosten 35 Euro.

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