Der eine montiert die Deko schon, sobald irgendwo das erste Mal "Last Christmas" erklingt, die andere macht auf den letzten Drücker am 23. noch schnell ein paar Platzerl ... Wir haben für unsere Serie "Bunter Advent" Menschen aus dem Landkreis Ebersberg gefragt, wie sie die Tage ab dem 1. Dezember begehen und was auf keinen Fall fehlen darf.
Eine Pyjamaparty. Das ist Weihnachten für Sharon Kastner. Zumindest, wenn die Grafingerin an die Feste mit ihrer schottischen Familie denkt. Da nämlich ist erst der 25. Dezember der große Tag, und der beginnt schon ganz in der Früh. "Gleich um sieben Uhr ist mein Daddy immer an die Treppe gelaufen und hat uns gerufen, auch noch, als ich schon längst erwachsen und selbst Mutter war." Und dann habe man sich eben gleich bei Weihnachtsmusik unterm Christbaum versammelt und jene Geschenke ausgepackt, die Santa Claus über Nacht geliefert hatte. "Deswegen zeigen meine Weihnachtsbilder uns alle immer im Schlafanzug."
Für Santa Claus übrigens lag im Elternhaus von Sharon Kastner stets ein kleines Tablett mit ein paar Gaben bereit, auch das eine gute angelsächsische Tradition. "Anfangs gab es Milch und Cookies sowie eine Karotte - für Rudolph, the red nosed Reindeer", erzählt die Schottin. "Irgendwann haben meine Eltern dann die Milch gegen Whiskey ausgetauscht. Warum, das habe ich aber erst später verstanden", sagt die 50-Jährige und lacht. Klar, jemand musste das Glas ja statt des Weihnachtsmann leeren, und der Vater mochte Whiskey offenbar lieber als Milch. Außerdem gab es für alle Familienmitglieder einen "kleinen Nipp" vom hochprozentigen Geschenk für Papa, vormittags unterm Baum, "da haben wir auf den Tag angestoßen".
Verbringt Sharon Kastner Weihnachten in Deutschland, so gelten andere Gesetze. Dann ist ganz klassisch der 24. Dezember der Heilige Abend. Drei Bräuche aus ihrer Heimat aber hat sie in das deutsche Prozedere integriert. Erstens: Es gibt immer einen schön verzierten, samtenen Strumpf für den zwölfjährigen Sohn, mit Naschkram, Orangen, Nüssen und einer Kleinigkeit als Geschenk drin. Zweitens: Am 25. macht die Schottin ein großes Christmas-Dinner mit Truthahn und allem drum und dran, "ähnlich wie an Thanksgiving in den USA". Und drittens, was dabei in Kastners Augen nicht fehlen darf: die sogenannten Christmas-Cracker. Bunte, große Knallbonbons aus Pappe, in denen ein Papierhut steckt, ein paar Witze und ein kleines Geschenk, beziehungsweise Spielzeug. "Von diesen Crackern hat jeder einen vor sich auf dem Tisch liegen", erklärt die 50-Jährige, "und wer den Hut nicht aufsetzt, der ist ein Spießer!"
Eine andere, in Großbritannien und Schottland wichtige Tradition hat die Grafingerin indes nicht übernommen: das exzessive Verschicken von Weihnachtspost. "Das ist bei mir daheim wirklich ein riesen Ding, man schreibt praktisch jedem, den man mal kannte, eine Karte", erklärt sie. "Die Wände hängen voll damit, manchmal sind sogar noch die Türen beklebt." Die entsprechende Liste ihrer Mutter umfasse gut und gerne 120 Adressaten. "Aber da mache ich nicht mit. Ich schreibe nur den Engsten, das reicht völlig." Ansonsten ist bei Sharon Kastner schon alles für Weihnachten vorbereitet. Der Baum steht, die Lichter leuchten, die Wohnung ist geschmückt. "Alle meine schönen Termine im Advent wurden wegen Corona abgesagt", erzählt sie, deswegen brauche sie heuer die stimmungsvolle Dekoration umso mehr. Und Vorfreude herrscht auch. Denn dieses Mal kommt nicht nur das Christkind nach Grafing, sondern auch die Mama aus Schottland.
