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Grafing:Stadhallen-Chef möchte Ebersberger "Kulturkartell" gründen

Kulturbetriebe ziehen die Vorhänge zu

Will nicht nur jammern: Sebastian Schlagenhaufer.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Sebastian Schlagenhaufer hofft auf neue Fördermöglichkeiten: "Es darf nicht sein, dass wir als Kulturbetriebe wieder einmal die letzten sind."

Von Anja Blum, Grafing

Die Kultur dürfe nicht warten. Irgendwann werde es Lockerungen geben, und dann müsse man bereit sein. Konzepte und Fördermöglichkeiten griffbereit in der Tasche haben. Das sagt jedenfalls Sebastian Schlagenhaufer, künstlerischer Leiter der Grafinger Stadthalle und selbst Schauspieler, Regisseur, Kabarettist. Deswegen ruft der Grafinger nun all seine Kollegen, vor allem die Veranstalter im Landkreis, dazu auf, ein "Kulturkartell" zu gründen - zumindest für eine begrenzte Zeit, bis der Corona-Spuk irgendwann vorüber und auf den Bühnen wieder Normalbetrieb möglich ist. Jeder soll sich der Initiative anschließen können, denn gemeinsam lässt sich schließlich immer mehr bewirken.

Es sind desaströse Zeiten für Kunst und Kultur, die als nicht systemrelevant gelten und daher sehr stark von den Restriktionen der Pandemiebekämpfung betroffen sind. Darüber klagen viele - und manche lassen den Worten auch Taten folgen. Erst jüngst hatte sich, ebenfalls auf Initiative Schlagenhaufers, eine Abordnung der Kulturszene im Landkreis an die beiden Ebersberger Landtagsabgeordneten gewandt, mit der eindringlichen Bitte, sie nicht zu vergessen, sondern so bald als möglich auch Theatern, Kleinkunstbühnen und Museen wieder eine Öffnung zu ermöglichen. Mit im Boot waren da Markus Bachmeier vom Alten Kino, Kabarettist Hans Klaffl, Liedermacherin Edeltraud Rey und Musiker Rudi Baumann gewesen.

Und nun wird Schlagenhaufer erneut politisch aktiv. "Es darf nicht sein, dass wir als Kulturbetriebe wieder einmal die letzten sind", sagt er. Deswegen müsse man jetzt schon überlegen, wie ein Betrieb bei Lockerungen möglich sein könnte - selbst wenn dafür jetzt noch kein Termin anvisiert werden könne. "Denn klar ist auch: Normalbetrieb von Null auf Hundert wird nicht möglich sein." Doch die Politiker seien in diesem Punkt "relativ hilflos und auch nicht sehr tief ins Thema eingearbeitet", so der Grafinger, der auch schon bei Vertretern des Kulturausschusses des bayerischen Landtags vorstellig war. "Deswegen sind sie aber für Vorschläge dankbar." Ein Ebersberger Kulturkartell nun könnte gemeinsam nach Lösungen für die Herausforderungen der Pandemie suchen. Ziel wäre, ein kurzes Konzept zu schreiben und es dann an die entsprechenden Stellen weiterzuleiten.

Eine Idee Schlagenhaufers ist, neue örtliche Kooperationen einzugehen. "Häuser wie die Stadthalle, der Alte Speicher oder die Theaterhalle in Markt Schwaben werden es bei einer Wiedereröffnung leichter haben als etwa die Schrottgalerie oder das Metatheater, allein aufgrund ihrer Größe." Deswegen wolle er anbieten, dass die Stadthalle im Frühjahr - wenn möglich - auch von kleineren Bühnen im Landkreis genutzt werden kann. "So könnte der Veranstalter sein Publikum anschreiben, nach Grafing einladen und dort eine eigene Veranstaltung durchführen." Die Stadthalle nämlich habe derzeit viele freie Kapazitäten - sei sie doch normalerweise viel von Vereinen belegt, lauter Termine, die nun pandemiebedingt oft abgesagt würden.

Sogar für größere Projekte, die etwa mit einer Probephase einhergingen, würde der Saal zur Verfügung stehen. Außerdem könne das Haus als städtische Einrichtung unabhängiger agieren als so manch andere Bühne - und daraus erwachse auch eine Pflicht. "Grafings Bürgermeister Christian Bauer übrigens findet die Idee ebenfalls gut." Auch was die finanzielle Umsetzung angeht, zeigt sich Schlagenhaufer optimistisch: "Ich denke, wir bekämen da entsprechend finanzielle Unterstützung von den staatlichen Stellen, sodass die Gastbühnen Eintrittsgelder generieren und unsere Betriebskosten gedeckt werden könnten."

Einer, an den sich das Angebot richtet, ist Axel Tangerding vom Meta Theater in Moosach. Ob er sich vorstellen kann, eine Veranstaltung in der Stadthalle anzubieten? "Naja", sagt er, "irgendwie sind das alles natürlich nur Trostpflaster, egal ob man ins Internet geht oder ins Exil." Trotzdem nennt er den Vorstoß aus Grafing "prinzipiell wunderbar", die Idee sei schlau und großzügig. "Man muss Visionen haben - in diesen Zeiten erst recht."

Auch er habe schon Ideen, zum Beispiel, dass ein Netzwerk von Kultur im ländlichen Raum ganz neue Fördermöglichkeiten eröffnen könnte. Außerdem sei Austausch immer ein Pluspunkt. "Aber in normalen Zeiten hätten wir den vermutlich nicht hergestellt", so Tangerding. Nun aber seien alle miteinander verbunden durch "ein großes Manko: Geld und Publikum".

Dass für das Meta Theater, die Schrottgalerie oder andere Veranstalter ein Umzug nach Grafing nicht optimal ist, weiß freilich auch Schlagenhaufer. "Aber so wäre zumindest ein wenig Publikumsbindung möglich und das vielfältige Angebot im Landkreis widergespiegelt." Und seiner Erfahrung nach seien die corona-geplagten Menschen sehr froh, wenn überhaupt etwas stattfinde. Der nächste Schritt soll jedenfalls eine Videokonferenz mit möglichst vielen Kulturakteuren aus dem Ebersberger Landkreis sein. Wer sich beteiligen möchte, kann Kontakt aufnehmen per Mai an sebastian.schlagenhaufer@stadthalle-grafing.de.

© SZ vom 16.01.2021/koei
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