bedeckt München

Geschenk für Grafing:Ein Mann archiviert seine Heimat

Stadtarchiv - Forthuber Zeitungssammlung

Gabe ans Grafinger Stadtarchiv: Bernhard Schäfer (im Hintergrund) erhält von Franz Forthuber einige Laufmeter alte Zeitungsbände.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Seit mehr als fünfzig Jahren sammelt der Grafinger Franz Forthuber alles, was für Grafing von Relevanz ist. Nun hat er seine Dokumentation dem Stadtarchiv vermacht.

Von Karin Pill, Grafing

Meterlang stehen große, gebundene Bücher in den Regalen des Grafinger Stadtarchivs. Doch kein Wunder, dass die Sammlung so beträchtlichen Raum einnimmt, umfasst sie doch in den mehr als 260 Bänden alle je erschienenen Ausgaben der Ebersberger Zeitung im Zeitraum von 1950 bis 2015. Zudem türmen sich im Archiv neuerdings gut 120 Ordner mit Bildern und Textdokumenten zur Grafinger Städtepartnerschaft mit dem französischen Ort Saint-Marcellin, allerhand Infomaterial über die Leonhardifahrt sowie die Amtszeiten der vier Bürgermeister Franz Xaver Huber, Josef Obermeier, Alois Kleinmaier und Rudolf Heiler sowie Bildbände zur Grafinger Stadterhebung im Jahr 1953. Doch wer nun meint, diese imposante Sammlung sei der Nachlass eines bedeutsamen Historikers oder promovierten Archivars, der irrt. Denn sie stammt von einem gelernten Kunstschmied und späterem Bahnbeamten, der seit jeher alles Bedeutsame für "seine" Stadt Grafing zusammentrug.

Geboren am 18. Mai 1939 in Glonn als Sohn des Bahnbediensteten Franz Forthuber senior und seiner Frau Anna, begann Franz Forthuber junior in den Siebzigerjahren mit dem Sammeln von Briefmarken und Büchern aus dem Ersten Weltkrieg. Diese bekam er damals von seinem Großvater geschenkt. Doch schon bald standen auch Bücher aus dem Zweiten Weltkrieg und Literatur über den Freiheitskämpfer Andreas Hofer in seinen Regalen. Irgendwann reichte der Platz dort nicht mehr aus, sodass Forthuber seinen Schätzen im Kleiderschrank Platz machte - sollten eben die Klamotten weichen. Auf die Frage, was seine Frau Georgine zu seiner Leidenschaft gesagt habe, lacht Forthuber. Grundsätzlich habe sie seine Passion immer unterstützt, doch ab und zu schon gesagt: "Jetzt deafst aber moi aufhern."

Doch ans Aufhören war da noch lange nicht zu denken. Erst vor zwei Jahren erwarb Forthuber jene 260 Bände umfassende Zeitungssammlung von Helmut Wohner, in den Sechzigern und Siebzigern der einzige Pressefotograf im Landkreis. Die beiden Männer waren mehrere Jahrzehnte befreundet. Als Wohner 2018 verstarb, überließ Wohners Frau Forthuber für 1000 Euro die Sammlung ihres Mannes. "Wohner war eine Institution", sagt Bernhard Schäfer, Archivar der Stadt Grafing. "Er ging zu jeder Veranstaltung." Das Ergebnis seien Unmengen einzigartiger Fotos. Wohner habe zudem alle Bildnegative chronologisch gesammelt und so bei Bedarf dann entwickeln können, erzählt der 81-jährige Forthuber.

Schäfer bezeichnet Franz Forthubers Vermächtnis an das Stadtarchiv Grafing als "von höchstem Wert für das kommunale Gedächtnis". Doch nicht nur der Historiker, auch Bürgermeister Christian Bauer dankte dem Sammler für sein jahrzehntelanges Engagement und den Entschluss, das Ergebnis seiner mühevollen Arbeit nun dem Gemeinwesen zu übereignen. "In meiner Arbeit ist es immer mal wieder nötig, nachzusehen, was zu einem gewissen Zeitpunkt gerade so passiert ist und wichtig war. Das ist nun dank Forthubers Übereignung möglich", erklärt Schäfer.

Was Schäfer mühevolle Arbeit nennt, betitelte Forthubers Frau übrigens einmal scherzhaft als "Staubsaugerware". Damit meinte sie Forthubers Briefmarken, nach Ländern und Jahrgängen sortiert, lauter winzige Preziosen, aber insgesamt 30 Kilogramm schwer. Inzwischen hat Forthuber seine Tochter "angelernt", wie er das ausdrückt: Sie versteigert seine Postwertzeichen gewinnbringend - und der Vater ist sehr stolz auf sie. Sogar das Gespräch mit der Ebersberger SZ im Grafinger Stadtarchiv unterbricht Forthuber kurz, nur um die Tochter per Telefon zu fragen, wie es bei der Versteigerung an diesem Tag laufe. "Des dauert no", sagt er dann und legt auf.

Wer jahrzehntelang sammelt, darf Geduld sicher zu seinen Kernkompetenzen zählen. Doch wenn es wirklich darauf ankommt, dann kann Franz Forthuber auch ganz anders - zum Beispiel, wenn es um seine Liebsten geht, seine Frau Georgine etwa. Sie habe ihm einst "das Leben gerettet", erzählt Forthuber, nämlich als er wegen eines Herzinfarkts fast erstickt sei. Später, als Georgine Forthuber selbst im Sterben liegt und ihren letzten Wunsch äußert, da scheut Forthuber keinen Aufwand, um ihr diesen zu erfüllen. "Meine Frau wollte den Pfarrer Rainer Maria Schießler persönlich kennenlernen und von ihm die letzte Salbung erhalten." Forthuber machte sich sofort auf den Weg, um den Münchner Geistlichen zu finden.

Georgine und Franz Forthuber hatten Schießler bei einer Veranstaltung der Grafinger Landfrauen kennengelernt, damals sagte Georgine: "Der konn die Leit begeistern." Fortan war die streng gläubige Frau von Schießler angetan. An jenem Tag im Jahr 2014, als sie um die letzte Salbung bat, fuhr Forthuber also in die Heiliggeistkirche. Schießler war auch dort, nahm aber gerade die Beichte ab, vor dem Beichtstuhl standen sechs Frauen. Trotzdem brachte Forthuber sein Anliegen vor.

Als Schießler begriff, wie ernst die Situation war, sagte er zu den wartenden Frauen: "Ihr werd's ja ned so vui Sünden hom" - und vertröstete sie auf einen anderen Termin. So jedenfalls erzählt es Forthuber. Mit seinem Motorrad fuhr der Pfarrer also in die Klinik nach Schwabing, um Georgine Forthuber die letzte Salbung zu geben. "Seitdem ist der Schießler mein bester Freund", sagt Forthuber. Seine Frau aber vermisst er schmerzlich. "Ich habe ja alles mit ihr gemacht und erlebt."

Die Lebensfreude lässt sich der 81-jährige Grafinger trotzdem nicht nehmen. Wie eh und je werkelt Franz Forthuber in seiner Werkstatt im Keller, Messing- und Kupferarbeiten sind seine Passion. Und ab und an darf er sich dann auch noch über ein bisschen Geld für seine sorgfältig gesammelten Briefmarken freuen.

© SZ vom 02.12.2020/koei
Zur SZ-Startseite
Anni und Rudolf Schierl Sauschütt Hohenlinden

Hohenlindener Sauschütt
:Die Wirtin und ihr Förster

Die Hohenlindener Sauschütt zählte zu den beliebtesten Waldlokalen im Großraum München - nun schließt sie nach mehr als sechs Jahrzehnten. Ihre Geschichte ist eng mit jener der Familie Schierl verbunden.

Von Korbinian Eisenberger

Lesen Sie mehr zum Thema