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Ebersberg: "Wenn das Prinzip verstanden ist, sind die meisten sehr interessiert"

Kartoffelernte bei der Solawi Daveichtenhof in Krügling.

(Foto: Christian Endt)

Bei Grafing und Neufarn werden neue Solidarische Landwirtschaften gegründet. Ein Vorbild bietet dabei die Solawi in Krügling.

Von Nathalie Stenger

Man nehme ein großes Feld, ein professionelles Gärtnerteam, eine ausreichend große Zahl an engagierten Privathaushalten aus der Gegend und fertig ist sie: Die Solawi - kurz für Solidarische Landwirtschaft. Eine Form der Landwirtschaft, bei der nicht nur die frischen Lebensmittel direkt vom Feld, sondern auch alles drumherum, von der Saat bis zur Maschine, von Mitgliedern bezahlt werden.

Ganz so einfach ist es in der Praxis nicht, aber: "Wenn das Prinzip verstanden ist, sind die meisten Leute sehr interessiert", sagt Valentin Winhart, "es geht darum, den Lebensmitteln wieder mehr Wert zu geben". Er ist Mitgründer einer solchen Gemeinschaft in Grafing/Ebersberg und arbeitet gemeinsam mit Frauke Pietzner unter dem Namen "SoLaWIR" an der konkreten Umsetzung der Idee. Ein Feld, den zukünftigen Ort des Geschehens, habe man schon gefunden, sei aber noch in der "Findungs- und Formphase", heißt es. "Bevor wir genaueres verraten können, muss unser zukünftige Bauer erst noch mit dem Gesamtkonzept an die Stadt herantreten", sagt Frauke Pietzner. Mithelfen könne man aber trotzdem schon.

Ganz neu ist diese Art der Landwirtschaft nicht in der Region. Seit 2018 gibt es eine Solawi in Krügling, einem kleinen Ort im Nachbarlandkreis Rosenheim zwischen Feldkirchen-Westerham und Glonn. Geggründet hat den Verein "fair & teilen" die Glonner Gärtnerin Angelika Gsellmann. Was mit ursprünglich 20 Ernteteilen begann, sei nun eine funktionierende Gemeinschaft mit 58 Ernteteilen, so Mitglied Tanja Clauss, seit Mai habe man sogar ein Gewächshaus für Tomaten, Paprika, Gurken und Auberginen.

Am Daveichtenhof im Nachbarlandkreis wird mit einer bedarfsorientierten Entnahme gearbeitet. Das bedeutet: "Jedes Mitglied kann anhand einer Liste sehen, wie viel vom jeweiligen Obst und Gemüse pro Haushalt entnommen werden darf, wiegt die Ware selbst ab und packt sie in selbst mitgebrachte Körbe oder Kisten", so Clauss. Was man nicht nutzen könne oder wolle, lege man in die Geschenkkiste.

Langfristig geplant in Krügling sei auch der solidarische Verkauf von Fleisch, Milch und Käse. Schon im kommenden Jahr könne es einen größeren Testlauf mit Kalbfleisch geben, verkündet Tanja Clauss.

Genau wie in Krügling soll es auch bei der neuen Grafinger Solawi einen Richtwert für die monatlichen Mitgliedsbeiträge geben. "Hierfür schätzt man Betriebsausgaben, Flächen, Bauern, Gärtner, Pflanzen und Maschinen", erklärt Valentin Winhart. Auch ein professionelles Gärtnerteam werde man für die Feldarbeit anstellen, "am Anfang sollen sie viel anleiten", sagt Frauke Pietzner, "dann werden wir immer mehr selbst übernehmen".

Sie und Winhart, so die Ebersbergerin, kennen sich über ein Projekt von Transitiontown Grafing, darüber sei auch die Idee zur Solawi entstanden - für Frauke Pietzner, weil "ich Lust habe mit Familie und Freunden zu werkeln", und für Valentin Winhart, weil er bereits anderorts - in Krügling - Erfahrung mit dem Konzept gemacht hat, und es jetzt in Grafing in eine neue Richtung lenken möchte. "Zur Permakultur nämlich", so der Glonner, "um der Natur Raum geben". Auf diese Weise seien Artenvielfalt und der Ernteertrag gut zu vereinen, sagt er. Losgehen soll es mit der Aussaat im Frühjahr. Doch zunächst steht der "zache Teil" an, wie Winhart sagt. Zahlen, Vereinsgründung und Planung.

Ähnlich sieht der Zeitplan bei der Solawi "acka lacka" in Vaterstetten aus. Tatsächlich ist die Gruppe aus Grafing nicht die einzige im Landkreis Ebersberg, die in ihren Anfängen steht. Beim Schwoagahof im Vaterstettener Ortsteil Neufarn haben sich mittlerweile acht Leute im Alter von Mitte 20 bis 70 Jahren zusammengefunden, um in Zukunft auf einer Fläche von etwa drei Hektar im Freiland und mindestens einem Gewächshaus den Bioanbau zu starten. Diese Fläche reicht aus, um wöchentlich etwa 700 Gemüsekisten zu bestücken. Theoretisch. Bevor es soweit ist, braucht es - genauso wie in Grafing - noch mehr engagierte Leute, die mitmachen: Professionelle Gärtnerinnen, Juristen, Menschen mit Hintergrundwissen in Sachen Buchhaltung, Medien und Marketing. "Gemüsegärtner werden in Deutschland wohl so schlecht bezahlt, dass das niemand mehr machen möchte", sagt der Projektleiter Jason Podt. "Und dann ist es auch noch ein Knochenjob, wer ihn also ausübt, tut das aus Überzeugung und hat meist schon ein eigenes Projekt."

Sollte sich aber ein Gärtner gefunden haben und mit der Gründungsveranstaltung alles funktionieren - aktuell sieht es wohl nach einer virtuellen Zusammenkunft aus - dann rechne man mit der ersten Ernte im September nächsten Jahres, so Podt. Wie bei den Gleichgesinnten aus Grafing geht aber auch hier erst einmal ums Organisatorische: "Wir kümmern uns aktuell um den juristischen Rattenschwanz, der mit der Gründung einer Genossenschaft einhergeht", so Podt.

Alle drei Solawi im Landkreis nehmen neue Mitglieder auf. "Fair & teilen" erst im April, die anderen beiden Solawi, die in den Startlöchern stehen, können auch jetzt schon viele helfende Hände gebrauchen. Informieren und melden kann man sich per Mail bei frauke@solawir-grafing.de (Grafing/Eberseberg), info@acka-lacka.de (Neufarn) und info@solawi-fair-teilen.de (Krügling).

© SZ vom 04.01.2021/koei
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