Drei Konzerte Anfang Juli:Eine Blechbüchse fürs Grafinger Jugendorchester

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Das "Grafinger Jugendorchester" kann viel mehr als Klassik, zum Beispiel "Mambo Number Five". (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Seit Jahren suchen die 80 Musiker einen Saal für ihre Proben und Auftritte. Nun sind sie am Stadtrand fündig geworden. Möglich gemacht haben das ein Politiker und ein Noah, der ohne Arche auskommt.

Von Korbinian Eisenberger, Grafing

Über die "Sintflut von Maxlrain" steht in der Bibel nichts geschrieben. Und so hat dieses Ereignis zumindest hier eine Erwähnung verdient. Es geht um Zukunftsmusik. Genauer um zukünftige Töne, die von einer Musikantengruppe aus dem Ort Grafing zu erwarten sind. Töne, die in der Sintflut von Maxlrain einen, wenn man so will, rettenden Noah fanden. Ein Noah, der nicht auf Schiffbau spezialisiert ist - sondern auf etwas doch recht anderes.

Die Sintflut von Maxlrain geschah im Sommer 2021 auf einem Golfplatz im Landkreis Rosenheim. Während das Ensemble namens Grafinger Jugendorchester (GJO) dort ein Freiluft-Konzert zum Besten gab, entleerte sich der Himmel urplötzlich wie ein allzu durstiger Bierzeltgast. Es hätte der Anfang vom Ende der preisstarken Soundanlage samt Zubehör sein können. Doch dann kam der erwähnte Noah, der eigentlich Stefan Linnerer heißt.

August 2021 in Maxlrain (Kreis Rosenheim). Zu diesem Zeitpunkt war es noch trocken. (Foto: Grafinger Jugendorchester)

Linnerer rettete die Soundanlage, indem er sie zerlegte, die Elemente trocknete und wieder zu einem Ganzen zusammensetzte. Ein noahesker Boxenstopp im Starkregen. So fanden sich die Grafinger Musiker und ihr künftiger Techniker. Der Mann, der nun eine zentrale Rolle im Orchester hat: Er soll das Kunststück vollbringen, wie Orchesterleiterin Hedwig Gruber es formuliert, "eine Blechbüchse in ein Konzerthaus zu verwandeln".

Bereits Anfang Juli gibt es drei Auftritte in der neuen Halle

Die "Blechbüchse" ist eine der größeren ihrer Art und steht westlich des Grafinger Stadtgebiets neben einem großen Gartencenter. Es handelt sich dabei um das neue Lagergebäude des städtischen Bauhofs, das, um bei der Wahrheit zu bleiben, aussieht wie eine der Länge nach halbierte Metalldose, nach unten liegend. Hier drin sollen von Samstag, 2. Juli, bis Montag, 4. Juli, drei Konzerte des Grafinger Orchesters über die Bühne gehen. Die Frage ist: Gelingt das? Und wenn ja, wie gut?

Die Grafinger Bauhofhalle von innen: Hier werden Anfang Juli drei Konzerte gespielt. (Foto: Grafinger Jugendorchester)

Man braucht keine hellseherischen Ambitionen, um zu prognostizieren, dass Dirigentin Gruber und ihren 80 Musikanten das Vorhaben nicht restlos missglücken dürfte. Hinweise dafür lassen sich aus einem vorvergangen Projekt schließen: Als das GJO vor vier Jahren mit 60 Musikern und deren Instrumenten nach Johannesburg flog und dort gemeinsam Konzerte mit südafrikanischen Gruppen in großen Sälen vollführte. Nun bekommen sie selbst einen Saal.

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Das Grafinger Jugendorchester besucht eine Schule in Soweto. Die Kinder lernen dort musizieren - aber nicht mit solch einer Ausrüstung. Über einen Tag für die Ewigkeit.

Fotos und Text: Korbinian Eisenberger

Auch deshalb ist die Premiere in der halbierten Büchse mehr als eine Nebensächlichkeit: Die Grafinger Musiker hatten nie einen solchen Saal. Einen, in dem sie für längere Zeit proben und vor Publikum performen konnten. Jahrelang waren Grubers Gefolgsleute eher mehr als weniger wanderndes Volk. Nur, dass es sich mit einem großen Orchester-Equipment eben nicht so leicht wandern lässt, dass einen des Müllers Lust überkommt.

Das Publikum der drei Auftritte am Samstag, 2. Juli, Sonntag, 3. Juli, und Montag, 4. Juli, erwartet - so der Titel - "Filmmusik und andere Spezialitäten". Im Ensemble wird ein 85-Jähriger zu sehen und hören sein, der Älteste auf der Bühne. Und ein zwölf Jahre altes Mädchen - eine von drei neu akquirierten Ukrainerinnen in Grubers Team, und aus Altersgründen Küken.

Wie bekommt man eine "Blechbüchse" präsentabel?

An allen drei Tagen beginnt die Show um 19 Uhr vor der großen Blechbüchse mit kleineren Metallgegenständen wie etwa Schlagzeug-Becken: Es spielt die dem Orchester angehörige Drumline Grafing Hotstix, um 19.30 Uhr beginnt dann das Hauptkonzert, welches Wiedererkennungswert haben dürfte: Geplant ist eine bunte Mixtur aus Showtanz, Gesang, Klassik und Moderne - darunter die GJO-Interpretationen von "A Million Dreams" aus dem Film "The Greatest Showman" oder von der "Freischütz-Ouvertüre" nach Carl Maria von Weber.

Eine nicht unspannende Frage dürfte sein, wie das Orchester, ihr Techniker und sonstige Gehilfen die halbierte Büchse von innen präsentabel machen. Sie übernehmen das Gebäude sauber und so gut wie leer, was dem Saal den Charme eines verlassenen Fliegerhangars verleiht. GJO-Chefin Gruber, deren Optimismus-Qualitäten in zwei Jahren Pandemiepause bisweilen arg auf die Probe gestellt wurden, ist in dieser Hinsicht jedoch alte Stärke zu attestieren. Sie betont die positiven Aspekte und sagt: "Da drin herrscht die Akustik vom Kölner Dom." Besagter Bischofskirche wird eine besonders gute Klangqualität nachgesagt.

Orchesterchefin Hedi Gruber hat offenbar zu ihrem alten Optimismus zurückgefunden. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Was wird man den Grafingern und ihrer Büchse mal nachsagen? Vielleicht nicht wenig Gutes. Gruber jedenfalls wird zu Beginn etwas aussprechen, und zwar vermutlich einen Dank an Grafings Bürgermeister Christian Bauer. Der nämlich stellt den Bauhof zur Verfügung und hatte dem Vernehmen auch die innovative Idee. "Es hat mich immer geärgert, wenn die großen Konzerte der Grafinger im Alten Speicher in Ebersberg waren", sagt Bauer bei einer Pressekonferenz. Und der Grafinger Landtagsabgeordnete Thomas Huber zieht bei dieser Gelegenheit einen Vergleich zum Gasteig-Chaos in der Landeshauptstadt: "Jetzt kriegt Grafing ein Konzerthaus - und in München wird es wieder gestrichen."

Gestrichen wird in der Blechhalle nichts, da muss Bauhof-Chef Marinus Greithanner sich offenbar keine Sorgen machen. Aus optischen Gründen aber soll das Metall schwarz verhangen werden. Auch der Himmel kann an den drei Konzerttagen verhangen sein wie er will. Das dürfte die GJO-Sponsoren freuen. Möge der Regen auch noch so biblisch sein: In der Grafinger Konzertbüchse werden die Menschen ausschließlich von innen befeuchtet.

"GJO back in Concert: Filmmusik und andere Spezialitäten" am 2., 3. und 4. Juli in der Halle des Bauhofs Grafing, Glonnerstraße 43. Einlass um 18.30 Uhr, Drumline um 19 Uhr, Konzertbeginn um 19.30 Uhr. Eintritt 22 Euro, ermäßigt 12 Euro. Tickets in der Bücherstube Slawik in Grafing oder unter www.jugendorchestergrafing.de .

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