Im Internetlexikon werden in der Rubrik „Persönlichkeiten“ wichtige Söhne und Töchter des jeweiligen Ortes aufgelistet. Ehrenbürger, Sportler, Künstler. Den Namen „Rüdiger Szonell“ sucht man im Grafinger Eintrag vergeblich. Dabei war der im Januar 2023 gestorbene akademische Bildhauer und Zeichner weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt, stellte nicht nur europaweit aus, sondern auch in den USA, Japan und Ägypten.
Keine Frage also, dass der Leiter des Grafinger Stadtmuseums, Bernhard Schäfer, gleich „Ja“ sagte, als Josef Rothmoser die Idee an ihn herantrug, Szonells künstlerischen Nachlass zu zeigen. „Zumal sich viele Bürgerinnen und Bürger an den Künstler aus der Baumgartenmühle erinnern werden, weil er als ‚letzter Hippie von Grafing‘ das Stadtbild mitgeprägt hat“, wie der Archivar beim Pressegespräch scherzhaft bemerkt. Anwesend sind auch Maria Seeleitner, 38 Jahre lang Lebensgefährtin des Verstorbenen, und Künstler Thomas Hager, der Szonell lange sehr nahestand, vor allem im Jahr nach dessen schwerem Verkehrsunfall im Jahr 1983.

Darum hat der Weggefährte von „John“, wie ihn die Freunde nannten, auch die Ausstellung kuratiert. Zeichnungen, Objektkästen, Plastiken und Holzskulpturen spiegeln – ergänzt durch Fotografien von Werken, die man aus Platzgründen nicht unterbringen konnte – unter dem Titel „Home Sweet Home“ Szonells künstlerisches Schaffen wider. Das passe deswegen so gut, weil er sich stets viele Gedanken über die Heimat gemacht habe, „nicht traditionell gesehen, sondern inhaltlich“.

Der Grund dafür liegt vielleicht in Szonells Lebensgeschichte. Geboren wird er am 11. Juni 1945 in Wolferode bei Eisleben – „auf einem LKW“, so der Freund – während der Flucht aus Ostpreußen. Mit Mutter, Großmutter und den Geschwistern landet er kurze Zeit später in Straußdorf.
Der Vater, ein Mediziner, findet Arbeit im Krankenhaus Oberelkofen, damals Außenstelle der Kreisklinik Ebersberg. Sein Tod trifft den damals 18-Jährigen schwer, so die Lebensgefährtin. Doch auch das Leben des früheren Militärarztes hat den Künstler stark beschäftigt. Wohl darum ist eine Kiste mit dem militärischen Nachlass des Vaters ein „Herzstück von Johns Arbeiten“, wie Hager sagt. Unter anderem enthalten: viele zeitgenössische Fotografien. „Vergangenheitsbewältigung“ hat Szonell das einmal gegenüber der Presse genannt.

Der Ausbildung zum Holzbildhauer folgt ein Bildhauerei-Studium an der Akademie der Bildenden Künste München bei Professor Robert Jacobsen – als Meisterschüler und mit Stipendium. Danach arbeitet Szonell als Zeichner, Grafiker und Künstler.
Wie in der Ausstellung zu sehen ist, entwirft er Plakate, illustriert Bücher, gestaltet Objekte, vor allem aber widmet er sich mit großer Leidenschaft der Frottage.

Dabei wird per Lösungsmittel ein „Umdruck“ von einer auf Zeichenpapier aufgelegten Zeitungsseite angefertigt. „Das braucht viel Feingefühl, denn du hast nur einen Versuch. Nimmst du zu viel Lösungsmittel, verwischt alles, ist es zu wenig, geht die Farbe nicht durch“, erläutert Hager. Szonell geht sogar noch einen Schritt weiter, fertigt Collagen an aus mehreren, nebeneinanderliegenden Umdrucken, verstärkt dann händisch Linien und fügt Zeichnungen hinzu.

Passende Motive findet der Künstler häufig im Magazin Stern; reißt dazu gerne Seiten aus den Lesezirkel-Ausgaben in dem Café, das er täglich morgens aufsucht, bevor er dann diszipliniert seiner Arbeit nachgeht. „Jetzt darf man das erzählen, das ist verjährt“, so Hager augenzwinkernd.
Auch wenn er nicht auf diese Weise auffällt, macht Szonell im Landkreis doch immer wieder von sich reden. Oft als „unbequemer Künstler“, der aufzeigt, was ihn bewegt: Umweltverschmutzung, Klimawandel, Kalter Krieg, aber auch Leistungsdenken und gesellschaftliche Verrohung. 1978 gründet er zusammen mit Bernd Obereigner den Kunstverein, wird ab 1980, nach der offizieller Eintragung ins Register, erster Vorsitzender.
Gleichzeitig bedenkt man den laut seiner Freunde, „höchst belesenen John“ international mit Preisen – aufgelistet in der Ausstellung –, das Landratsamt Ebersberg erwirbt Werke und für die Elkofener gestaltet er honorarfrei den Maibaum. Auch ist er als Restaurator in Kirchen aktiv.

Mit seinen Werken will Szonell zeigen, wie er die Welt sieht. Etwa bevölkert von androidenhaft angelegten Figuren in Grau – wie dem in Grafing ausgestellten Jäger mit Hund, der in einen Fernseher starrt. Anfang der 80er beginnt er, sein eigenes TV-Programm zu machen, indem er alte Röhrenapparate ausschlachtet und die Hüllen wie eine Bühne mit Inhalt füllt. Auch davon sind einige Teil der Ausstellung – für manche Details muss man, wie bei den Bildern, ziemlich genau hinsehen.
Ab 2007 wird es still um den Künstler, seine Krankheit, Multiple Sklerose, „machte es schwer für ihn, lange zu stehen und auch handwerklich exakt so zu arbeiten, wie er es gewohnt war“, sagt Seeleitner. Davor aber hätte so manche Ausstellung im legendären Atelier im Speicher der Baumgartenmühle stattgefunden: „Wobei ... nicht jeder traute sich rauf, manche waren zu schockiert.“



Solche extremen Gefühle werden die Exponate im Museum wohl nicht hervorrufen – zu sehr hat man sich angesichts der Nachrichtenlage an verstörende Anblicke gewöhnt. Aber nachdenklich werden die Werke machen, die Betrachtenden manchmal lächeln und ganz oft staunen lassen. Vor allem aber werden sie dafür sorgen, dass man diesen Rüdiger „John“ Szonell so schnell nicht mehr vergisst.
Die Eröffnung der Sonderausstellung „Home Sweet Home“ zu Leben und Werk des Grafinger Künstlers Rüdiger Szonell ist am Freitag, 25. Oktober, um 18 Uhr. Vinissage ist am Sonntag, 9. Februar. Zum Begleitprogramm gehören Vorträge, Führungen und ein Workshop mit der Künstlerin und Kunstpädagogin Ingrid Köhler (Anmeldung erforderlich). Das ganze Programm gibt es auf der Homepage des Museums. Öffnungszeiten: sonntags, 14 bis 16 Uhr sowie donnerstags, 18 bis 20 Uhr.

