„Die Künstler und Kunstfreunde des Landkreises Ebersberg wollen nicht hinnehmen, dass die Stadt Grafing die Villa des verstorbenen Künstlerehepaars Schöpffe dem Verfall preisgibt.“ Es müsse umgehend eine faire Lösung für einen verantwortungsvollen Käufer gefunden werden, der den letzten Willen der Schöpffes erfüllen wolle. So heißt es in einer Petition, die seit einigen Tagen online zu finden ist und bislang von 72 Menschen unterzeichnet wurde.
Initiiert wurde die Petition von Reinhard Riederer aus Grafing, selbst Sammler, Galerist und Maler. Er schreibt, die Villa sei nicht nur ein historisches Gebäude, sondern auch ein bedeutendes Zeugnis für das künstlerische Erbe der Region. Und weiter: „Leider sehen wir mit Besorgnis zu, wie die Stadt Grafing es versäumt, dieses wichtige Kulturgut zu erhalten. Stattdessen droht die Villa dem Verfall anheimzufallen, was einen unwiederbringlichen Verlust für die Kultur und Geschichte unserer Region darstellen würde.“

Alfred und Elisabeth Schöpffe lernten sich einst an der Kunstakademie in München kennen. 1967 heirateten sie und bauten sich kurz darauf in Grafing ein Heim – nach eigenen Entwürfen. Das bedeutet: Die Schöpffe-Villa ist ein echtes Künstlerhaus. Es beherbergt ein stattliches Atelier, das über zwei Stockwerke reicht, mitsamt großer Fensterfront und Galerie. Auch erzählt das Gebäude an der Ecke Kothmüllerweg/Großottstraße von der Kreativität seiner früheren Bewohner: An der Fassade prangt ein kubistischer Heiliger Franziskus mit Friedenstaube, der bronzene Knauf der Haustür zeigt ein möglicherweise göttliches Auge.
Die Schöpffes haben die Region als Künstlerpaar wesentlich geprägt. Alfred Schöpffe gestaltete Kirchenräume und unter anderem Glasfenster für Rathaus und Stadthalle, seine Frau unterrichtete Kunst am Grafinger Gymnasium. Da die beiden keine Kinder hatten, vermachten sie sowohl ihren umfangreichen künstlerischen Nachlass als auch das Haus der Stadt – mit dem Wunsch, dass dieses Erbe der Kunst und Kultur zugutekommen möge.

Künstlerhaus bei München:Lost Place wider Willen
Eine Villa zu erben, ist eine reine Freude? Nicht unbedingt, jedenfalls nicht für die Stadt Grafing: Sie hat das ungewöhnliche Haus eines Künstlers erhalten, voller Gemälde - allerdings nicht bedingungslos.
Alfred Schöpffe starb bereits 1992. Seit 2017 steht das Gebäude leer, denn damals musste Elisabeth Schöpffe in ein Pflegeheim umziehen. 2020 starb auch sie, das Erbe ging damit an die Stadt. Doch weil das mit dem Testament wohl kompliziert war, ging die Angelegenheit erst Anfang 2024 weiter. Dann konnte der Stadtarchivar Bernhard Schäfer damit beginnen, die vielen Kunstwerke im Haus zu sichten, zu katalogisieren und in ein sicheres Depot zu bringen.
Der Plan der Stadt sei, berichtete er damals, das Haus mit wenig Aufwand zu sanieren und – ganz im Sinne der Schöpffes – an einen Künstler oder eine Künstlerin zu vermieten. Schließlich biete es mit seinem großen Atelier die besten Voraussetzungen für kreatives Schaffen. Ein paar Interessenten gebe es schon, sagte Schäfer Anfang 2024. Und Grafings Bürgermeister Christian Bauer versprach, dass die Schöpffe-Villa auf keinen Fall verkauft werde.
Doch mittlerweile sieht es anders aus: Die Stadt möchte das Anwesen jetzt doch verkaufen. Man rechne mit Einnahmen von etwa 700 000 Euro, schreibt der Bürgermeister auf Nachfrage. Und weiter: „Der Aufwand, um das Haus vermietbar zu machen, wäre zu hoch und stünde in keinem Verhältnis.“ Geplant sei, das Anwesen in einem Bieterverfahren zu verkaufen, sprich: Das höchste Gebot erhält den Zuschlag. Auch dann, wenn es sich dabei um einen Investor handelt, der das Gebäude vermutlich wegreißen würde. Trotzdem, erklärt Bauer, widerspreche ein solcher Verkauf dem Testament der Schöpffes nicht, weil mit dem Erlös dann eine Rücklage für das Museum der Stadt gebildet werde.
Bis heute ist also nichts mit der Villa passiert. Keine Sanierung, keine Vermietung – weswegen sich eben diverse Kunstliebhaber um das Erbe der Schöpffes sorgen. In der Kommentarspalte zur Petition jedenfalls herrscht Einigkeit: Das Haus müsse als Kulturstätte, die Kunst und Geschichte der Region würdigt, erhalten bleiben. Überdies brauche es in Grafing dringend Räume, in denen Austausch und Kreativität entstehen und wachsen könnten. „Wir wünschen uns, dass das Gebäude instand gesetzt wird und eine Nutzung findet, die den Bürgern zugutekommen wird.“ Diese Erbschaft sei eine einmalige Gelegenheit, etwas Neues zu schaffen: „Als Kunstverein, als Ateliergemeinschaft, als Schöpffe-Museum und Ausstellungsort, als Wohn- und Kulturprojekt...“

Die Unterzeichner der Petition fordern die Stadt Grafing daher auf, „umgehend eine faire und transparente Lösung zu finden, um einen verantwortungsvollen Käufer für diese Villa zu gewinnen. Dieser sollte die Vision und den letzten Willen der Schöpffes respektieren und die Villa im Sinne der Kunst wiederbeleben.“ Ein naives Hirngespinst? Idealistische Träumerei?
Nicht unbedingt. Denn es gibt tatsächlich eine Interessentin, die entsprechende Pläne hat. Simona Thiele, die bereits ein Atelier mit Kunstkursen in Grafing betreibt, sagt, sie würde die Schöpffe-Villa sehr gerne kaufen und kernsanieren, um daraus eine Kunstakademie zu machen. „Dafür habe ich bereits diverse Unterstützer und ein tolles Konzept“, sagt sie. Überdies seien die Wartelisten für ihre aktuellen Workshops lang – sodass sie durchaus Potenzial für eine Expansion des Angebots sehe.

Simona Thiele ist Kinderpflegerin, Pädagogin sowie Diplom-Grafikdesignerin. Seit vielen Jahren arbeitet sie, neben ihren Kursen, als Kunstlehrerin an Grund- und Mittelschulen in Kirchseeon und München. Auch an der Akademie in Grafing solle es um die Vermittlung ästhetischer Bildung und die Freude am künstlerischen Schaffen gehen, sagt sie. „In entspannter Atmosphäre und ohne Leistungsdruck sollen alle Interessierten in professionell ausgestatteten Atelierbereichen verschiedene kreative Techniken kennenlernen können.“ Hier würden Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen – unabhängig von deren Herkunft und finanziellen Möglichkeiten – „Momente geschenkt, in denen die Zeit stillsteht und sie sich weiterentwickeln können“. So steht es jedenfalls im Konzept. Der Bürgermeister sagt, er kenne dieses bislang nicht, es sei aber bereits ein Treffen mit Simona Thiele vereinbart.


