Als sie vor zwei Wochen das aktuelle Grafinger Amtsblatt aufschlugen, herrschte bei den Grafinger Stadträten Christian Kerschner-Gehrling (SPD) und Claus Eimer (parteilos) so einiges an Empörung. Der SPDler klagte über „Falschbehauptungen, die womöglich im justiziablen Bereich liegen“ und aufgrund derer er einen „Schlag in die Magengrube“ verspürt habe. Eimer bewertete Bürgermeister Christian Bauers (CSU) Amtsblatt-Vorwort als „Verunglimpfung gewählter Mandatsträger“, die eines Bürgermeisters „absolut unwürdig“ seien. Was war passiert? Bauer hatte verlangt, dass Stadträte politische Vorschläge erst bei ihm und im Gremium anzumelden hätten, ehe sie öffentlich drüber sprechen dürften. Das ist, wie man in Bayern sagt, freilich Schmarrn. Trotzdem erregte dieser Schmarrn Bauer derart, dass er die parteipolitische Abrechnung übers Amtsblatt wählte. Woraufhin die Gescholtenen eine, wie es sinngemäß hieß, durchdachte, aber robuste Reaktion ankündigten.
Nun ist die Reaktion da – und die lässt sich in der Tat an Robustheit nur schwer überbieten. Rundum „offiziell“ teilte Eimer mit: „Die Grafinger Stadträte aller Parteien (bis auf zwei), sowie auch 2. und 3. Bürgermeister haben in einem Offenen Brief an den 1. Bürgermeister sein Vorgehen verurteilt, und ihn zur Stellungnahme/Entschuldigung aufgefordert.“ Auch Kerschner-Gehrling machte ernst: „Bis zur beziehungsweise auf der nächsten Stadtratssitzung erwarten wir eine Reaktion aus dem Rathaus.“ Dass den Nachrichten der Anhang fehlte, war kein Versehen. Veröffentlichen wolle man den Offenen Brief „aus Fairnessgründen“ erstmal nicht, hieß es auf Nachfrage. So sei man „in der Gruppe“ übereingekommen.
Es ist, bei genauerem Hinsehen, eine eher kleine Gruppe. Bei den „bis auf zwei“ Stadtratsfraktionen handelt es sich um CSU und Grüne, die größte und zweitgrößte Fraktion. Zusammen stellen sie 16 von 24 Mitgliedern des Grafinger Stadtrats. Andersherum gerechnet: Gerade einmal acht Unterzeichner bekamen Eimer und Kerschner-Gehrling zusammen. Jene miteingerechnet, die den Offenen Brief nur unter der Prämisse einer einwöchigen Veröffentlichungssperrfrist unterschreiben wollten.
An diesem Dienstagabend soll die Wohlfühlblase platzen. Selbstredend wieder unter größtmöglicher Robustheit: Man wolle den Brief entsprechen Paragraf 30 der Geschäftsordnung als Anfrage verlesen, hieß es. Dass nur ein förmlicher Antrag Bauer tatsächlich zu einer Stellungnahme gezwungen hätte, fiel erst nach dem Versand auf. Immerhin herrschte bei demselben ein gutes Gespür für Timing. In den Rathausbriefkasten warf die SPD den „Offenen Brief“ am Faschingsdienstag.


