Kultur und Corona:Neustart mit Folgen

Lesezeit: 3 min

Kultur und Corona: Adam und Hamlet Ambarzumjan aus Grafing haben trotz Pandemie Konzerte organisiert und gespielt.

Adam und Hamlet Ambarzumjan aus Grafing haben trotz Pandemie Konzerte organisiert und gespielt.

(Foto: Max Sonnenschein/oh)

Die beiden in Grafing aufgewachsenen Brüder Hamlet und Adam Ambarzumjan, Klavier und Klarinette, wollen als Duo auch jene Menschen erreichen, die sonst nicht in klassische Konzerte gehen. Nun sind sie in Kirchseeon zu Gast.

Von Anja Blum, Grafing/Kirchseeon

Es gibt Menschen, die ihr Schicksal beklagen - und solche, die es in die Hand nehmen. Adam und Hamlet Ambarzumjan gehören definitiv in die zweite Kategorie. Denn als die Pandemie das Kulturleben plötzlich lahmlegte, ergriffen die beiden jungen Musiker die Initiative und gründeten das Projekt "Neustart Konzerte". Von der Ostseeküste bis ins Allgäu gingen sie als Duo Hamlet & Adam auf Tournee, spielten, wo immer man sie wollkommen hieß, und entfachten überall Begeisterung, bei Publikum wie Kritikern. Sowohl Pianist Hamlet als auch Klarinettist Adam, beide gerade mal Anfang 20, haben bereits mehrere internationale Preise gewonnen und wurden mit Stipendien bedacht. Doch diese Brüder sind nicht nur hochbegabt am Instrument, sondern offenbar auch äußerst engagiert in Sachen Musikvermittlung.

Bei den "Neustart Konzerten" nämlich ging es nicht nur darum, irgendwie das Corona-Vakuum zu füllen, sondern auch um einen möglichst niederschwelligen Zugang zur Musik für alle Altersgruppen. "Wir wollen Menschen erreichen, die sonst keine Möglichkeit haben, in Konzerte zu gehen", erklärt Adam Ambarzumjan. Sei es wegen einer Pandemie - oder aber wegen eines schmalen Geldbeutels, fehlender Affinität oder Mobilität. Dass also zum Beispiel eine Mariam im digitalen Gästebuch schreibt, das Duo habe ihr den allerersten Besuch eines Klassikkonzertes beschert und sie "voll und ganz begeistern und inspirieren" können, wird die in Grafing aufgewachsenen Brüder besonders freuen.

Die Programme des Duos bieten Musik verschiedener Epochen und Stile

Doch wie kann es gelingen, Menschen für klassische Klänge zu gewinnen? Erst einmal, indem man nicht nur in großen Konzertsälen spiele, sagt Adam Ambarzumjan, sondern auch in anderen, kleineren Räumen in kleineren Städten - und darüber hinaus keinen Eintritt verlange. Außerdem stellt das Duo besonders abwechslungsreiche Programme zusammen, die verschiedene Epochen und Stile bieten, von Bach bis Piazzolla, von Prokofjew bis Chopin, von Opernmelodien über Klezmer bin hin zu Jazz. Dazu gibt es von den beiden Instrumentalisten jeweils Erläuterungen - "nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel".

Adam Ambarzumjan ist Soloklarinettist in Reutlingen, Hamlet Ambarzumjan debütierte 2022 mit dem zweiten Klavierkonzert von Schostakowitsch im Herkulessaal München. Gemeinsam auf der Bühne zu stehen, bedeutet den Brüdern aber freilich besonders viel. Sie musizieren bereits seit Kindertagen miteinander, deswegen ist das Vertrauen besonders groß. "Aber auch der Spaß kommt da nie zu kurz", sagt Adam, der ein Jahr älter ist als Hamlet Ambarzumjan. Und dass sie ihre Talent am Instrument zum Beruf hätten machen können, sei vor allem ihren Eltern, die aus Armenien stammen und in Grafing leben, zu verdanken.

Großer Aufwand: Das Hygienekonzept musste immer wieder überarbeitet werden

Ihre Tournee quer durch Deutschland im Lockdown hatten die Brüder komplett selbst organisiert. Viele Kommunen und andere öffentliche Einrichtungen hätten da den Kulturbetrieb ja komplett eingestellt, aber "externe, sozusagen privat initiierte Konzerte waren oftmals möglich". Allerdings habe man das Hygienekonzept immer wieder überarbeiten müssen, um es an die jeweiligen Regelungen vor Ort anzupassen. "Das war ein ziemlich großer Aufwand - hat sich aber gelohnt", sagt Adam Ambarzumjan. "Die Konzerte waren gut besucht und die Menschen froh, dass endlich mal wieder etwas stattgefunden hat." Und einen anschließenden Corona-Ausbruch habe man dank großer Vorsicht nie verzeichnen müssen.

Nun ist die Pandemie, zumindest vorübergehend, in den Hintergrund getreten, kulturelle Veranstaltungen dürfen wieder ohne Auflagen stattfinden. Außerdem ist das bundesweite Programm "Neustart Kultur", mit dem auch das Projekt der Ambarzumjans gefördert worden war, ausgelaufen. Trotzdem treten die beiden weiter als Duo auf, am Sonntag, 6. November, sind sie zum Beispiel im evangelischen Gemeindehaus Kirchseeon zu Gast. Denn ihr "Neustart" soll langfristig Früchte tragen: "Wir sammeln nun Spenden für die soziale Komponente unseres Projekts", erklärt Adam Ambarzumjan. Bereits während der Pandemie hatten die Brüder begonnen, in sozialen Einrichtungen zu spielen, deren Bewohner aufgrund ihrer Lebensumstände keine Konzerte besuchen können. In Pflegeheimen oder Gefängnissen etwa. "Neulich waren wir in einem Hospiz", erzählt Adam Ambarzumjan, "und das war eine ganz besondere Erfahrung". Mit Keyboard anstatt Klavier musizierten die Brüder dort, auch eine Bühne gab es nicht, die Klänge drangen nur durch die offenen Türen zu ihrem geschwächten Publikum. "Aber wir merken ganz deutlich: Musik kann trösten und heilen, wie es Yehudi Menuhin immer gesagt hat."

Kammerkonzert: "Duo Hamlet & Adam" mit Musik für Klavier und Klarinette am Sonntag, 6. November, um 18 Uhr im evangelischen Gemeindehaus Kirchseeon. Eintritt frei, Spenden erbeten.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema