Süddeutsche Zeitung

Im Alten Speicher Ebersberg:Wunschkonzert

Lesezeit: 4 min

Das "Grafinger Jugendorchester" meldet sich nach der Corona-Pandemie zurück - mit einem Programm voller gut gelaunter Lieblingsmusik, tollen Spezialeffekten und neu entfachter Zuversicht.

Von Anja Blum, Grafing

Nicht mehr lange, dann werden für eine Menge Musiker und Musikerinnen aus dem Landkreis Ebersberg eine Menge Wünsche in Erfüllung gehen. Dann werden sie Stücke spielen dürfen, von denen sie schon sehr lange träumen. Dann werden sie Spezialeffekte erleben, die ihrer eigenen Fantasie entsprungen sind. Dann werden sie ihn wieder spüren, den Geist des unbedingten Zusammenhalts und der grenzenlosen Zuversicht. Endlich.

Denn auch das Grafinger Jugendorchester, kurz GJO, hat unter der Pandemie sehr gelitten. "Danach war es ganz kritisch", sagt die Chefin des Ensembles, Hedi Gruber. "Da hätten wir uns echt fast aufgelöst." Schließlich habe es zwei Jahre lang quasi keine Proben und erst recht kein Ziel für dieselben gegeben. "Aber in zwei Jahren passiert sehr viel im Leben junger Menschen". Sie beginnen eine Ausbildung oder einen neuen Job, gründen eine Familie, ziehen weg. Nur mit Mühe und Not gelang 2022 ein GJO-Konzert in der neuen Halle des Grafinger Bauhofs. "Das war schon lustig - aber halt auch extremst aufwendig", sagt Gruber im Rückblick.

Doch mittlerweile habe sie, zum Glück, fast alle vom Winde verwehten Mitspieler wieder einfangen können. "Und Whats-App hält uns zusammen." Dort gebe es Chats für alle möglichen Themen, für die verschiedenen Stimmgruppen zum Beispiel und sogar für einzelne Songs. Der gemeinsame Kanal nennt sich "All in one". Überdies sei die Motivation so groß wie nie zuvor, sagt Gruber. "Ein paar der Jungen, die schon lange dabei sind, haben sich inzwischen zu einem Leitungsteam zusammengeschlossen. Da hat sich eine ganz tolle Eigendynamik entwickelt!"

Denn obwohl Gruber unbestritten der Kopf des Orchesters ist, sind seine Strukturen durchaus demokratisch. Jeder darf neue Songs vorschlagen, jeder selbst entscheiden, wann er zu welcher Probe kommt. "Bei uns wird Eigenverantwortung wirklich großgeschrieben", sagt die Chefin. Das ginge wahrscheinlich auch gar nicht anders - gerade weil dieser große Klangkörper so außergewöhnlich divers ist.

Das fängt schon beim Alter an. Das jüngste Mitglied ist noch keine zehn, das älteste über 80. Die allermeisten aber liegen irgendwo zwischen 20 und 30 - genau wie das Ensemble selbst: Es wurde 2002 gegründet. Dementsprechend groß ist der Anteil der Studierenden. Es sind angehende Physiker dabei, Mediziner, Psychologen, Juristen, Lehrkräfte, Archäologen. Die Studienfächer sind genauso bunt wie die Berufsbilder der älteren GJO-Mitglieder. "Musikprofis haben wir nämlich nur ganz wenige in unseren Reihen", sagt Gruber. Und auch geografisch ist das Orchester sehr weit gestreut: Obwohl die meisten Mitspieler Wurzeln in Grafing oder Umgebung haben, sind sie inzwischen ausgeschwärmt. Nach München freilich, aber auch nach Regensburg, Berlin, Wien, Graz, Paris oder Maastricht. Im Orchester zu spielen ist für viele also stets mit dem wunderbaren Gefühl des Heimkommens verbunden.

Für Gruber aber bedeutet das bunte Ensemble einen aberwitzigen Organisationsaufwand, schließlich erachtet sie eine ausgefeilte Logistik als elementare Serviceleistung. "Ich erzähle auch gerne das Gleiche fünf Mal, wenn es notwendig ist." Zur wöchentlichen Probe nämlich komme jedes Mal ein anderer Haufen, zusätzlich gebe es diverse Extratermine und vor dem Konzert zwei Wochenenden sowie eine viertägige Fahrt. Doch wirklich alle GJO-Akteure an einem Tag und an einem Ort, der genügend Platz bietet, zusammenzubringen, sei quasi unmöglich. Deswegen wird vermutlich erst bei der Generalprobe im Alten Speicher endlich alles bis ins Detail wie geplant passieren. "Ja, bei so einem Projekt braucht man schon viel Gottvertrauen", sagt Gruber und lacht.

Weil die 61-Jährige jüngst schwer erkrankte, mussten sogar einige Proben gänzlich ohne sie stattfinden. "Die jeweiligen Stimmführer oder Coaches wie der Trompeter Heinz Dauhrer haben dann die Rolle des Dirigenten übernommen, das hat ganz toll geklappt", schwärmt Gruber. Nicht zuletzt deshalb, weil viele der Musikerinnen und Musiker im Laufe der Jahre eben doch älter und damit besser geworden seien. "Auch deswegen sind wir jetzt so on fire!", sagt die Chefin. Für sie persönlich seien die aktuellen Konzertvorbereitungen - trotz aller Pflicht zur körperlichen Schonung - ein höchst willkommener Schub an positiver Energie. "Dieses Orchester ist einfach die allerbeste Reha."

Auf dem Programm der Konzerte im Alten Speicher steht der GJO-typische, hemmungslose Genre-Mix, denn die Grenzen der Klassik haben dieses einzigartige Sinfonieorchester noch nie interessiert. Unter dem Titel "Life is a Circus" präsentiert es "ein Feuerwerk aus Lieblingsmusik" - "denn wir spielen in erster Linie für uns selbst, also das, was uns Spaß macht", erklärt Gruber. Trotzdem hoffe man natürlich, mit diesem gut gelaunten Crossover-Konzept immer mehr Menschen für Orchestermusik begeistern zu können.

Das Publikum darf sich also freuen auf ein Wechselbad der Gefühle, von der Opernouvertüre zur Tanzmusik, vom Big-Band-Sound zur avantgardistischen Blaskapelle, vom Musical bis zum Filmsoundtrack. Da heißt es "Rock meets Rachmaninoff", bevor ein Lied von Edith Piaf oder eine Ouvertüre von Gioachino Rossini erklingen, zur "Rhapsody in Blue" von George Gershwin gesellen sich "Schüttel deinen Speck" von Peter Fox oder eine große Ballade von Aerosmith. Garniert wird das Ganze wie immer mit einem Auftritt der Drumline, mit Tanz, Videos und humorvoller Moderation.

Wichtig ist Gruber bei Konzerten auch immer, dass alle ihre Stars glänzen dürfen, "deswegen haben wir diesmal besonders viel Gesang und Klavier im Repertoire", verrät sie. Außerdem habe man viel Liebe, Zeit und Geld in Sound und Licht investiert: "Es gibt Effekte ohne Ende!" Natürlich habe man aus finanziellen Gründen nicht alle Ideen umsetzen können, gerade Pyrotechnik sei sehr aufwendig und teuer, doch so mancher Wunsch werde an dem Abend durchaus in Erfüllung gehen.

Apropos Wünsche: Hedi Gruber sagt, sie spiele fleißig Lotto. Und sie wisse auch schon genau, wofür. "Wenn ich gewinne, baue ich einen Konzertsaal im Grafinger Gewerbegebiet. Und dann probe ich dort, wann immer ich will." Endlich keine Terminabsprachen mehr mit anderen Hausherren, kein mühsames Schleppen von Instrumenten und anderem Equipment von A nach B.

Doch so oder so: Was die Zukunft des Grafinger Jugendorchesters angeht, ist Gruber momentan sehr zuversichtlich. "Ich bin davon überzeugt, dass das noch lange weitergeht", sagt sie. Auch das eigene Alter mache ihr keinerlei Sorgen. "Dirigieren ist wie Gymnastik - das hält jung. Und wenn es irgendwann doch schwierig werden sollte, stelle ich mir einen Barhocker hin wie der große Zubin Mehta."

Konzerte des Grafinger Jugendorchesters im Alten Speicher Ebersberg: am Samstag, 24. Juni, um 19.30 Uhr, Sonntag, 25. Juni, Matinee um 11 Uhr, Montag und Dienstag, 26./27. Juni, jeweils 19.30 Uhr. Karten von zwölf bis 22 Euro sind erhältlich über das Ticketsystem des Alten Speichers oder an der Abendkasse.

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