bedeckt München

Grafinger Jugendorchester:Das Virus ist eine Arschgeige

Für Weihnachten wurden alle Konzerttermine bereits abgesagt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

2018 erlebten das Grafinger Jugendorchester den bisherigen Höhepunkt seines Schaffens. Nun befindet sich das Ensemble in der schwierigsten Phase seit seiner Gründung.

Von Korbinian Eisenberger, Grafing

Das Arrangement aus Kantinen-Odeur und Geige ist wie ein Glas Wurstwasser zu Mozart: Ein Abend in der Mensa der Grundschule Grafing. Hier proben die Streicher des Grafinger Jugendorchesters. Immerhin dürfen sie überhaupt noch gemeinsam musizieren, an diesem Tag Ende Oktober. Durch die offenen Türen ist Regen zu hören, kalte Luft umgibt die neun Musiker und ihre Dirigentin. Wärme strahlt nur eine Sonnenblume aus, von einem Grundschüler gemalt. Rot-gold-glänzend hängt sie an der Wand. Wie ein Symbol, dafür, dass die Sonne irgendwann auch wieder aufgeht.

Das Konzert auf dem Nelson-Mandela-Platz in Johannesburg 2018 war ein Highlight.

(Foto: Korbinian EIsenberger/oh)

Vor etwas mehr als zwei Jahren sah das Grafinger Jugendorchester - kurz GJO - dem Sonnenuntergang über dem südafrikanischen Busch zu. Im Herbst 2018 erlebten viele Mitglieder bei einer zehntägigen Konzertreise nach Johannesburg die wohl größten Momente ihrer noch jungen Musikerkarriere. Nun, im künstlichen Licht der Neonlampen, ist Südafrika so weit weg wie nie. "Ich kann mich gar nicht mehr an das Gefühl erinnern, wie es war, als man noch in andere Kontinente fliegen konnte", sagt Verena Neumann, 22, die gerade ihre Geige zur Seite gelegt hat.

Heute steckt das "Grafinger Jugendorchester" in einer tiefen Krise.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Ende Oktober besteht noch Hoffnung, dass die etwa hundert Mitglieder des GJO ihre traditionellen Weihnachtskonzerte irgendwie und irgendwo spielen können. Doch Neumann warnt schon: "Dieser Plan ist aktuell genauso schwierig hinzukriegen wie die Afrikareise damals."

Einige Wochen später ist der Plan zunichte. Orchesterleiterin Hedwig Gruber hat alle Termine für Weihnachten abgesagt, zum ersten Mal fallen die Auftritte im Dezember aus. "Der eine traut sich nicht mehr, der andere ist in Quarantäne, und meine Tochter wertet Coronatests im Labor aus", erklärt Gruber. Um es musikalisch auszudrücken: Das Coronavirus ist eine Arschgeige.

Hedwig Gruber und ihr Ensemble befinden sich nicht nur in einer Pandemie, sondern wie viele andere Kulturschaffende in ihrer größten Krise. Seit der Gründung vor 18 Jahren (Verein seit 2014) gab es immer wieder Schwierigkeiten, das Orchester zu besetzen, vor allem Streicher zu finden war stets eine Herausforderung. Nun, da in Bayern das gesellschaftliche Leben wieder zwangsweise ausgesetzt ist, kämpfen viele Künstler um ihre Existenz. Gruber sagt: "Eine Dimension jenseits jeglicher Vorstellung."

Die Streicher des Jugendorchesters proben aktuell in der Mensa der Grundschule.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die Orchesterchefin und ihre Musiker trifft diese Krise besonders hart, denn anders als viele Kapellen, Bands oder Gruppen eint die Mitglieder des Grafinger Jugendorchesters schon lange kein gemeinsamer Ort mehr: Das GJO ist mittlerweile größtenteils aus Musikern zusammengesetzt, die zwar einst in Grafing und Umgebung wohnten und zur Schule gingen, mittlerweile aber weit weg leben. Hedwig Grubers Sohn Matthias (Posaune) etwa studiert seit Jahren in Wien, Sängerin Amelie Jost an einer Universität in Holland. Für die letzte Probe hatte sie schon Zugtickets nach München, "doch dann wurde ihre Region zum Risikogebiet erklärt", berichtet Gruber.

Kurze Pause in der Grundschulmensa, der Regen draußen hat noch nicht aufgehört. Auch die Musiker drinnen machen weiter. Sibylle Opatz-Jeanty, Geige, trägt wie alle eine Schutzmaske. Auf der Reise nach Südafrika sah sie vermutlich wie all die anderen Musiker die Welt mit anderen Augen. Nun verhüllt ein Schleier die Umgebung im Sekundentakt, immer wenn die 63-Jährige durch ihre Maske atmet. Die Brille beschlage ständig, sagt sie, und dann verrutsche man schnell mal in der Notenzeile. "Das irritiert dermaßen, dann fängt man wieder von vorne an".

Neben ihr spielt Sepp Urban, auch Geiger, auch er stand mit seiner Violine auf dem Nelson-Mandela-Square in Johannesburg und spielte beim Konzert auf dem heiligen Platz. Vielleicht ahnt der 61-Jährige an diesem Abend, dass der nächste Lockdown bevorsteht. Und doch hat er sein Grinsen auf, so wie immer, wenn er mit dem Grafinger Orchester unterwegs ist. "Ich war in so vielen Ländern und hab so viel erlebt", sagt Urban. Er habe Vertrauen. "Wir haben in Deutschland nach wie vor ein funktionierendes Gesundheitssystem."

Wie geht es weiter mit dem wahrscheinlich prominentesten Ensemble im Ebersberger Landkreis? "Es gibt Schlimmeres, wichtig ist, dass wir trotzdem irgendwie gemeinsam Musik machen können", sagt Leni Galster aus Kirchseeon, mit 19 einer der jüngsten unter den Streichern. Im Frühjahr, während des ersten harten Lockdowns in Bayern, hatten die Mitglieder Kreativität gezeigt: Jeder performte mit Instrument oder Stimme daheim im Wohnzimmer, trotzdem wurde daraus ein Gemeinschaftswerk.

Indem GJO-Schnittmeister Erich Beschorner die Mosaiksteine zusammenfügte, entstanden die Grafinger Interpretationen von "A Million Dreams" oder "Dreamer". Als hätten sie alle noch nicht ganz vergessen, dass auch die Südafrika-Reise 2018 lange Jahre nur ein Traum war.

Kontakt zum Grafinger Jugendorchester im Netz unter www.jugendorchestergrafing.de oder unter der Telefonnummer (0157) 36 52 34 33.

© SZ vom 21.11.2020/koei
Die Kulturtänzer von "Bokamoso ba Rona" aus Hammanskrall (Vortänzer Johannes Swema, 39) mit einem Reihentanz zusammen mit dem Grafinger "Jugendorchester".

Mit Pauken und Paketen
:Aus der Reihe getanzt

Nach dem Auftritt des "Grafinger Jugendorchesters" wird der Nelson-Mandela-Square künftig für Bands geöffnet. Zum Dank gibt es ein Abschiedsgeschenk einer südafrikanischen Tanzgruppe.

Von Korbinian Eisenberger

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite