Als im Mai 2014 der damals neue Grafinger Stadtrat zur konstituierenden Sitzung zusammentritt, überreicht Josef Wieser (Freie Wähler) der neuen Bürgermeisterin Angelika Obermayr (Grüne) einen dicken Blumenstrauß. Aus 25 verschiedenen Blumen sei der Strauß gebunden, wendet sich Josef Wieser an die Runde. Jede Blume so einmalig wie jedes Mitglied des neuen Gremiums. Doch zusammen würden sie ein schönes Bild abgeben. Auf das es im Stadtrat auch so würde. Von der Szene wird wahrlich nicht zum ersten Mal geschrieben – aber sie darf auch bei einem traurigen Anlass nicht fehlen: Am Wochenende ist Josef Wieser im Alter von 73 Jahren gestorben.
Denn Josef Wiesers 30-Sekunden-Auftritt steht so sinnbildlich für einen Mann, wie es ihn selbst im lokalpolitischen Geschäft selten gibt: Rundum aufrichtig, respektvoll, ehrlich. Nie bevormundend, nie besserwisserisch, nie drohend. „Ich will so vor meinem Gegenüber stehen, wie ich es mir wünsche, dass er vor mir steht“, beschrieb er die Maxime seines Daseins – weltlich, kirchlich, politisch. Der Satz klingt wie Kants Kategorischer Imperativ, aufs wesentliche entschlackt und frei ins Verständliche übersetzt.
„Man muss überzeugen – oder man muss sich überzeugen lassen“, sagte er einmal
In den Gremien der Stadt fällt Josef Wieser durch Ruhe und Besonnenheit auf. „Es kommt nicht drauf an, wie viel man redet, sondern was man redet“, sagte er einmal. Viel wichtiger sei eine unvoreingenommene Herangehensweise an politische Themen. „Wie soll man vor einer Diskussion schon meinen, das Beste zu wissen?“ Das müsse sich doch in eben ihr erst noch herauskristallisieren. „Man muss überzeugen. Intern, in der Fraktion, im ganzen Stadtrat – oder man muss sich überzeugen lassen. Wichtig ist nicht der Stadtrat oder seine Partei. Wichtig ist das Wohl der Stadt.“
Aktives Vereinsleben, lebendiger Marktplatz, die Städtepartnerschaft mit St. Marcellin. Für Josef Wieser zählten stets die großen Leitlinien. „In den Details brauchen die Stadträte gar nicht besonders mitreden. Das wissen die Leute, die direkt damit zu tun haben, doch viel besser.“ Wäre Josef Wieser Straßenbauer geworden, anstatt als 21-Jähriger sehr erfolgreich das Autohaus seines erkrankten Vaters zu übernehmen, würde er womöglich im Bild bleiben und sagen: Die Lokalpolitik habe sich um die Leitplanken zu kümmern.
Nach 30 Jahren Stadtrat für die CSU tritt Wieser 2008 aus der Partei aus – im Gremium bleibt er
Wenn Hilfe nötig wird, steht Josef Wieser, meist hinter den Kulissen, schnell zur Seite. Informiert ist er immer exzellent. Oft von den eigenen Kindern oder Enkeln, die von Musikstunde, Fußball-, Eishockey- oder Tennistraining heimkommen. Oder sich gerade auf den Weg dorthin machten.
Je länger Josef Wieser im Stadtrat sitzt, desto zuwider wird ihm die Parteipolitik. So sehr, dass er 2008 nach über 30 Jahren seine Mitgliedschaft bei der CSU kündigt. Die christlich-sozialen Werte würden dort nicht mehr als notwendige Grundlage angesehen, schreibt er in der Erklärung zum Austritt. Josef Wieser, aber auch weite Teile der CSU, bringen das Kunststück fertig, die Trennung nicht im stadträtlichen Hickhack fortzuführen. Bei der folgenden Stadtratswahl 2014 zieht Wieser für die Freien Wähler erneut ins Gremium ein und wird zum Dritten Bürgermeister gewählt.
Als im Mai 2020 der nächste und aktuelle Grafinger Stadtrat zusammentritt, sitzt Josef Wieser zum ersten Mal seit 42 Jahren nicht in der Runde. Welche Pläne er jetzt habe? „Es ist einfach eine Freude, den Enkeln beim Großwerden zuzuschauen.“ Etwas länger als vier Jahre ging sein Wunsch noch in Erfüllung.
Das Requiem für Josef Wieser findet am Freitag, 20. September, um 10 Uhr in der Stadtpfarrkirche St. Ägidius in Grafing statt, anschließend ist die Beerdigung auf dem Pfarrfriedhof.

