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In der Grafinger Stadthalle:Andrea Motis und Scott Hamilton eröffnen Jazz-Festival

EBE-Jazz19 - Opening Stadthalle

Zum Start des Jazz-Festivals begeistern Andrea Motis und Scott Hamilton in der Grafinger Stadthalle.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Zunächst sind die beiden Musiker am Samstagabend noch emotional kontrolliert - und geben dann ordentlich Gas.

Auftaktveranstaltungen vor ausverkauftem Haus folgen festen Ritualen. Bevor Künstler vom wohlgelaunten, weil über den Kunstgenuss hinaus noch vom gesellschaftlichen Miteinander beflügelten Publikum mit viel Vorschusslorbeeren empfangen werden, kommen die Grußredner zu Wort. Frank Haschler zum Beispiel, der Festival-Leiter von EBE-Jazz, der fröhlich jovial die Menschen in der Stadthalle Grafing begrüßt. Oder Robert Niedergesäß, Landrat des Landkreises Ebersberg und ganz volksnaher Politiker mit Tochter auf dem Arm, der konstatiert: "Was zum dritten Mal stattfindet, ist schon eine starke Tradition."

Da wäre aber auch noch Tizian Jost, der in der Rolle des Vorsitzenden des Bayerischen Jazzverbandes die Einbindung der Veranstaltungen in das Netzwerk der Landesjazzfestivals betont und sich besonders bei den Ehrenamtlichen bedankt, die solche lokalen Events organisatorisch überhaupt erst möglich machen. Vor allem aber Angelika Obermayr, die erste Bürgermeisterin von Grafing, die mit einem Blick in den vintage-rustikalen Saal meint: "Dies ist eine Sparbüchse" und daraufhin verspricht, man werde eine Lösung finden, den Veranstaltungsort in verantwortungsvoller Weise als Kulturstützpunkt weiterzuführen.

Das alles ist notwendige Lokalpolitik-Folklore und dokumentiert beiläufig, wie weit es das Festival EBE-Jazz bei seiner dritten Ausgabe bereits geschafft hat. Denn es strömen nicht nur die Leute in die Veranstaltungen, die bis kommenden Sonntag im Landkreis stattfinden werden. Sie werden darüber hinaus auch von offizieller Seite als wichtiger Bestandteil des kulturellen Lebens wahrgenommen, den es nach Kräften zu unterstützen gilt, bis hin zum Bayerischen Rundfunk, der mit seinem Ü-Wagen angetreten ist.

Und so konnte die junge katalanische und hierzulande bislang weitgehend unbekannte Trompeterin und Sängerin Andrea Motis sich vom ersten Stück an über einen Enthusiasmus im Saal freuen, der zunächst der Situation an sich und weniger ihrer Musik geschuldet war. Denn gestalterisch brav den Regeln harmonischer und emotional kontrollierter Gestaltung folgend, präsentierte sie ein wenig "Chega de Saudade" und etwas "Honeysuckle Rose" in klassischen Thema-Solo-Thema- Arrangements, Jazz eben, wie man ihn an Universitäten lernt und bis zur stilistischen Selbstfindung auf zahllosen Sessions übt und sublimiert.

Vom zweiten Song an half ihr der Tenorsaxofonist Scott Hamilton als alter Hase des modern swingenden Geschäfts bei der Ausführung, auch er routiniert beim Ornamentieren eines Repertoires, das ihm zu weiten Teilen aus seinen Jahren an der Seite von Stars des swingboppenden Mainstreams à la Gerry Mulligan, Roy Eldridge oder auch im Orchester von Benny Goodman vertraut war. Das war charmant präsentiertes und inhaltlich sicheres Standardrepertoire des Jazz, ein wenig so, als würde man in der Klassik mal wieder den alten Haydn oder die populären frühen und mittleren Mozart-Symphonien auspacken.

In diesem Fall half es immens, dass nach einer guten Stunde das Publikum in die Pause geschickt wurde. Denn von der Begeisterung im Saal getragen, wagten Motis und Hamilton, aber auch das Quintett der Bandleaderin sich in der zweiten Konzerthälfte an mehr energetische, interpretatorische Offenheit. Zwar war das Repertoire noch immer altbekannt, aber es nahm persönlichere Züge an.

"Corcovado" wurde als eh schon sanfte Bossa Nova auf ein Zeitlupentempo ausgebremst, sodass Hamilton seinen besten Stan Getz auspacken konnte, der ihm in die Kanne kam. "Shiny Stockings" entwickelte sich zum burschikosen Up-Time-Swing, dem Motis zu melodisch cleveren, wenn auch in hurtigsten Passagen ein wenig verhuschten Linien verhalf. "Besame Mucho" bekam einen 5/4-Takt verordnet, der wiederum den Pianisten Ingasi Terraza nach zuvor eher kokettem Basie in Richtung Oscar Peterson beschleunigte und ihm hörbar Spaß machte. "Moody's Mood For Love" schließlich wagte das Experiment, mit einer Ballade in die Zugabe zu gehen, die jedoch durch Motis' extravagante, scat-nahe Vokalimprovisation überraschende Emotionsdichte bekam.

Am Ende des Abends schließlich war die laut pfeifende Begeisterung des Publikums berechtigt, das Eröffnungskonzert hatte sich von lau in hot gesteigert. "Tolles Konzert", meinte auch die Sängerin Enji Erkhhembayar, die im Anschluss daran zum Team des Jazz Train im Turm der Stadthalle gehörte.

Auch dort wurden spätabends noch die Standards ausgepackt, aber unter anderen Vorzeichen. Denn als Pioniere der mongolischen Szene ist das Quintett um den Trompeter Khongor Ganbat, der übrigens in seiner Heimat vor kurzem den ersten nennenswerten Jazzclub des Landes eröffnet hat, noch in der Phase, die Monumente der Musikgeschichte für sich zu entdecken - ein faszinierender Kontrast zu Andrea Motis und Scott Hamilton, die die Historie bereits umfassend aufgesogen, verarbeitet oder sogar selbst erlebt haben.

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