Was passiert, wenn Orgel und Konzertflügel aufeinandertreffen? Streiten sie sich? Überbieten sie sich? Vielleicht möchte jedes der beiden mächtigen Instrumente das stärkere, schönere sein? Nicht oft kommt es zu dieser ungewöhnlichen Begegnung, allein schon aus logistischen Gründen. In der Auferstehungskirche Grafing stiegen die beiden Instrumente nun in den Ring des Konzertierens, gespielt von Thomas Pfeiffer (Orgel) und Martina Hussmann (Klavier). Sie flankierten das Konzert der Reihe "Geistliche Abendmusiken" mit anspruchsvollen Werken. Dazwischen kamen die Zuhörer in den Genuss einer vielseitigen Stückauswahl des Kammerchors Con Moto.
Nein, es ist hier kein Machtkampf zwischen Orgel und Flügel, vielmehr ein engagiertes Wetteifern, mal neckisch, mal ernsthaft. Keines der beiden Instrumente ergreift die Macht, sondern sie ergänzen, unterstützen und werfen sich gegenseitig Motive zu. Das mystisch-melancholische Einstiegsthema der Orgel im "Concerto Gregoriano" von Pietro Yon wird nach wenigen Takten vom Klavier aufgegriffen und in ein klares, hoffnungsvolles Dur umgewandelt. Das Ganze mündet in ein eifriges Hin und Her, im dem nun auch die Orgelmelodie immer schwereloser wird. Pfeiffers Füße tippeln flink über die Pedale und entlocken dem Instrument treibende Sechstolen bis letztlich herrschaftliche Akkorde das rege Treiben zum Höhepunkt bringen.
Für weihnachtliche Stimmung sorgt der Kammerchor Con Moto unter der Leitung von Benedikt Haag - nicht mit herkömmlichen Weihnachtsliedern, sondern mit außergewöhnlichen geistlichen Stücken: angefangen bei der englischen Renaissance ("O magnum mysterium" von William Byrd) bis hin zu Zeitgenössischem ("My song in the night" von Paul J. Christiansen). Mit seiner Auswahl gibt der Kammerchor dem Konzert ebenfalls einen mystischen und melancholischen Touch. Haag, der den Chor seit 2011 leitet, lockt die Sänger immer wieder aus der Reserve, führt sie aus einem sanften Piano in ein kräftig anschwellendes Crescendo, um das neugeborene Christuskind zu huldigen. Dann singt der Chor das Kind wieder in den beruhigten Schlaf ("Sleep Holy Babe!" von John Bachus Dykes) und leitet mit harmonischer Sanftheit über zu gedämpfter Orgelbegleitung. Spätestens jetzt müssten alle Zuhörer in weihnachtlicher Stimmung angekommen sein. Dass der Chor seit vielen Jahren Erfahrung in unterschiedlichsten Bereichen der geistlichen Musik hat und mit einem gewissen Anspruch an die Stücke herangeht, wird an diesem Abend deutlich. Werke aus dem 16. Jahrhundert werden ebenso sicher in allen Stimmen ausgearbeitet wie moderne geistliche Musik.
Der virtuose Part im Konzert bleibt Martina Hussmann und Thomas Pfeiffer überlassen. Die Klavierpädagogin aus Grafing legt eine sehr schön gespielte Konzertetüde von Franz Liszt ("Un Sospiro") hin. Präzise streifen ihre Finger in schnellen und anspruchsvollen Passagen über die Tasten. "Ein Seufzer", so titelt Liszt dieses Werk. Und tatsächlich wehr ein sentimentaler Hauch durch den Raum, als Hussmann mit Leichtigkeit virtuose Phrasen rauschen lässt. Hussmann und der Glonner Organist Thomas Pfeiffer geben zusammen ein eingespieltes Tasten-Duo ab. Die extravagante Instrumenten-Kombination feiern sie vor allem in Clifford Demarests "Rhapsody" mit einem kräftigen Akkordarrangement. Dann wird das Klavier sanfter und plötzlich klingt auch die Orgel gedämpfter. Als seien die beiden Instrumente in ihrer Stimmung voneinander abhängig.
Am Ende vereinen sich alle Beteiligten feierlich zu einem weihnachtlich anmutenden "Magnificat" von Charles Villiers Stanford. Luise Haag, die Frau des Dirigenten, bietet dabei als Sopran-Solistin Verstärkung. Trotz vieler Konkurrenzveranstaltungen an diesem Abend ist die evangelische Kirche voll besetzt. Für Pfarrer Axel Kajnath eine Bestätigung, den "Geistlichen Abendmusiken", die die Gemeinde in Kooperation mit der Musikschule initiiert, auch 2016 eine Bühne zu geben.
