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Erfahrung mit Suchtpotenzial:Mit der zwölfjährigen Tochter auf dem Kilimandscharo

Der Grafinger Bergsteiger Thomas Weigel hat einen besonderen Familienausflug organisiert - von den Tropen ins ewige Eis und wieder zurück. Die nächste Tour ist schon in Planung

Von Valentina Antonucci, Grafing

Thomas Weigel und Tochter Catherina haben den Uhuru Peak, den höchsten Punkt des afrikanischen Kontinents erreicht.

(Foto: privat)

Einmal das höchste Bergmassiv Afrikas besteigen, sich selbst und seine Grenzen austesten, nach einem tagelangen und kräftezehrenden Aufstieg endlich am Uhuru-Peak, dem höchsten Punkt, stehen und sehen, wie die aufgehenden Sonnenstrahlen die rauen Felswände des Mawenzi von hinten beleuchten - für einen Bergsteiger das absolute Glück. Der Grafinger Thomas Weigel, ein 54-jähriger passionierter Bergsteiger, hat sich diesen lang gehegten Traum erfüllt.

In einer neuntägigen Tour hat er gemeinsam mit seiner zwölfjährigen Tochter Catharina den Kilimandscharo bestiegen. Mit dabei waren Weigels Schwester und Schwager, deren erwachsene Tochter, ein Freund der Familie und natürlich die Träger und Guides der Gruppe - und das sind ganz schön viele: Auf die sechs Individualreisenden kommen 23 Träger und drei Guides.

"Technisch ist der Berg nicht so schwer"

Diese sind alle Stammesmitglieder der Chagga, der Ureinwohner des Kilimandscharos und leben vom Tourismus. Sie tragen das Gepäck der Kunden, sowie Ausrüstung und Verpflegung und sind verantwortlich dafür, dass alle heil und sicher beim nächsten Camp, am Gipfel und wieder am Fuß des Berges ankommen.

Das Ziel vor Augen. Über ein Geröllfeld geht es dem Kilimandscharo entgegen, neun Tage dauert der Aufstieg samt Rückweg.

(Foto: privat)

"Technisch ist der Berg nicht so schwer, aber die Höhe ist ein ernstes Problem", sagt Weigel. Denn der Kilimandscharo ist insgesamt 5895 Meter hoch - um hier nicht an der Höhenkrankheit zu scheitern, muss man sich gut akklimatisieren. Mit ein Grund dafür, dass sich die Gruppe für die längste Route zum Gipfel entschieden hat. Hier treffen sie kaum auf andere Touristen, diese wählten aus Zeit- und Geldmangel meistens die kürzeren Routen, die direkt zum Gipfel hinauf führen - wenn man bis dahin durchhält.

Aufgrund der Höhenkrankheit liege der Anteil an Bergsteigern, die es bis zum höchsten Punkt schaffen, bei gerade einmal 30 Prozent, sagt Weigel. Die Tour seiner Gruppe führte darum an der Westseite des Berges entlang, über mehrere Camps gewannen sie so allmählich an Höhe.

Minus 20 Grad am Gipfel, das ist keine Seltenheit

Ein anderer Grund für die Wahl der Route ist die atemberaubende Vielfalt der Flora und Fauna, die unterwegs bestaunt werden konnte. Denn die Landschaft des Kilimandscharos bietet einiges: Am Fuße des Berges durchquert man zunächst einen Regenwald, dann kommt man in eine Moorheide, läuft durch wüstenähnliches Gebiet und je mehr man an Höhe gewinnt, desto kälter wird es - man sieht Schneefelder und Gletscher. Auch die Temperaturen variieren deswegen am Kilimandscharo gewaltig: Während man im Regenwald bei etwa 30 Grad schwitzt, können es am Gipfel locker frostige minus 20 Grad werden, berichtet Weigel.

Er beschreibt die Tour als unfassbar beeindruckendes Erlebnis, das ihm allerdings vieles abverlangt hat. Einzig die zwölfjährige Catharina hatte, bis auf einen kurzen Aussetzer, keinerlei Probleme mit der Höhe. Ganz im Gegensatz zu ihrem Vater, denn dieser litt, so wie fast alle anderen auch, stark an der Höhenkrankheit, konnte sieben Tage lang kaum schlafen, weswegen er fast den finalen Aufstieg nicht geschafft hätte - die letzte Etappe, den Gipfelaufstieg. Um Mitternacht brachen sie auf, nach einer weiteren schlaflosen Nacht für Weigel.

Gesänge halfen, wach zu bleiben

Er berichtet, wie er gegen der Müdigkeit ankämpfte, kaum die Augen offen und den Kopf oben halten konnte. Alle Bemühungen ihn wachzuhalten seien gescheitert, bis die Chagga eines ihrer Lieder anstimmten. Sie sangen den ganzen Aufstieg lang, um zu vermeiden, dass er einschläft, und sie haben Erfolg. "Endlich ganz oben zu sein, war für mich das schönste Erlebnis der Reise, da kamen mir sogar die Tränen", erzählt Weigel. Gemeinsam haben sie dort oben den Sonnenaufgang beobachtet, Gruppenfotos gemacht und sich gefreut, es geschafft zu haben. Doch bald ging es weiter, der Abstieg stand noch bevor. Nach insgesamt 16 Stunden Bergsteigen ging der Tag schließlich zu Ende.

Unten angekommen gab es für die Träger und Guides ein großzügiges Trinkgeld von den Reisenden, woraufhin diese einen Freudentanz aufführten, wie ein von Weigel aufgenommenes Video zeigt. "Sie verdienen sehr schlecht dort, deswegen sind sie auf die Trinkgelder angewiesen", erklärt er. Der Kilimandscharo befindet sich in Tansania, einem der ärmsten Länder in Afrika und die Chagga haben fast nichts, weder Kleidung noch richtiges Schuhwerk.

Einer der Guides habe Diabetes und sei lediglich mit Sandalen unterwegs gewesen, so Weigel. Glücklicherweise befanden sich Ärzte unter den Individualreisenden, so dass der entzündete Fuß des Mannes jeden Abend untersucht und verbunden werden konnte. Am Ende der Tour schenkt Weigel ihm seine Bergschuhe, die vor Antritt der Reise noch neu besohlt wurden - die Freude des Mannes ist groß.

Doch nicht nur seine Schuhe bleiben dort, auch ein Teil seiner selbst lässt Weigel auf dem schwarzen Kontinent zurück. Denn die Sehnsucht nach Afrika, der Wiege der Menschheit, ist bereits jetzt sehr groß. Neue Ziele habe er sich auch schon gesetzt, so Weigel. Er wolle noch den Mount Kenya und den Mount Meru besteigen. Auf die Frage, warum, antwortet er lächelnd "Einmal Afrika, immer Afrika."

© SZ vom 22.08.2017
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