Grafinger Neu-Autor:Aufs Abstellgleis

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Grafinger Neu-Autor: Der Grafinger Clemens Ertl ist unschuldig in den Kokainskandal der Münchner Polizei verwickelt worden.

Der Grafinger Clemens Ertl ist unschuldig in den Kokainskandal der Münchner Polizei verwickelt worden.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Der aus Grafing stammende Polizist Clemens Ertl wurde im Zuge des Kokainskandals bei der Münchner Polizei von einem Sondereinsatzkommando überwältigt, festgenommen und suspendiert. Zu Unrecht, wie sich herausstellte. Trotzdem wählte er für sein Debüt-Buch ein ganz anderes Thema.

Von Thorsten Rienth, Grafing

An einem Septembersonntag im Jahr 2020 liegt Clemens Ertl im Haus seiner Eltern in Grafing-Bahnhof bäuchlings auf dem Boden. Taktische Knieschützer drücken von oben in den Rücken, Maschinenpistolen sind auf ihn gerichtet. "Du weißt, du hast nichts getan und wirst überfallen ohne Grund", sagt er. Die Mitglieder des Sondereinsatzkommandos, das sich auf den damals 30-Jährigen stürzt, sind Kollegen. Und der Septembersonntag ist Ertls bislang letzter Tag als Polizeiobermeister im Dienst.

Drei Gegebenheiten aus der Vergangenheit münden im bis dahin größten Pech in Ertls Leben: Zuerst der sogenannte Koksskandal bei der Münchner Polizei und die Ermittlungen, in denen die Inspektionen bis ins Detail seziert werden. Zweitens, dass Ertl als Streifenpolizist in der Polizeiinspektion 14 München-Westend arbeitet.

Und schließlich, drittens und entscheidend: Dass ein Kollege, dreieinhalb Jahre vorher, nach Schnäpsen und Bieren aus einem Münchner Club an seine Freundin geschrieben hatte. "Trink gemütlich..., während die Anderen trinken und tdbzen." Schreiben will er: "tanzen". Aber die Ermittler interpretieren es als "rotzen", einem anderen Verb für koksen. Ertl, der zu den anderen gehört, wird sofort suspendiert. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) spricht markige Worte in Mikrofone, zum Beispiel: "Kriminelle haben bei der bayerischen Polizei nichts verloren." So viel zur Unschuldsvermutung.

In seinem Buch widmet sich Clemens Ertl Geschichten aus dem Polizeialltag

Zwei Jahre später steht Ertl vor einem Bücherregal und hält ein Buch in die Kamera, sein Buch. "Blaustich - Geschichten aus dem Polizeialltag" lautet der Titel, erschienen vor ein paar Monaten beim österreichischen Herramhof Verlag.

"Matthias war um die 50. Er war geschieden und davor mit einer Tschechin verheiratet gewesen. Deswegen nannten ihn alle 'Tschechen-Hias'. Tschechen-Hias hatte einen riesigen Hendlfriedhof. Sollten Sie aus Nordfriesland oder Eckernförde kommen: Ein Hendlfriedhof ist eine große Ansammlung von Fettzellen am Bauch einer meist männlichen Person. Tschechen-Hias' Bewegungsabläufe wirkten, als sei er etwa drei Leberkässemmeln vom Herzinfarkt entfernt."

31 Kurzgeschichten wie die vom "Tschechen-Hias" stehen in dem Buch, geschrieben hat Ertl sie von dem "Koksskandal" gänzlich unabhängig. Die Plots seien gänzlich fiktiv. Aber teilweise angelehnt an Erinnerungen an zehn Jahren Streifendienst. "Kurzgeschichten hab' ich schon immer sehr gemocht", sagt Clemens Ertl. Der Verlag schreibt: "Polizist Clemens Ertl erzählt in seinem Roman Geschichten aus dem Münchner Polizeialltag. Spannend, unterhaltsam, aufwühlend und teils verstörend - aber sicher nie langweilig."

Sogar die Laptops von Ertls Eltern in Grafing werden von den Beamten durchsucht

Nicht nur teils verstörend geht es nach der Razzia in Grafing Bahnhof weiter. Obwohl Ertls Blut-, Haar- und Urintests allesamt negativ ausfallen, werden seine Handy-Chats zurück bis ins Jahr 2005 und seine SMS zurück bis ins Jahr 2006 ausgewertet. Der Eifer der Ermittler verwundert. Die Jahre 2005 und 2006 liegen weit außerhalb der gesetzlichen Verjährungsfristen. Selbst wenn sie etwas gefunden hätten, für einen etwaigen Prozess gegen den Grafinger wäre es wertlos gewesen. Auch die Festpatte, USB-Stick und Laptop der Eltern, zwei in Grafing durchaus beliebte pensionierte Lehrer, werden durchsucht.

Zu einem Prozess kommt es nicht. Die Staatsanwaltschaft stellt das Ermittlungsverfahren wegen Kokainbesitzes, den sie aus dem "tdbzen" schlussfolgert, ein. Die Polizei hebt die Suspendierung auf. Trotzdem lässt sie Ertl, was dieser gewollt hätte, nicht mehr an seine alte Dienststelle zurück. Stattdessen versetzt sie ihn zur Verkehrspolizei, welche innerhalb der Polizei als Abstellgleis gilt, wie Ertl selbst sagt. Wer dorthin versetzt wird, wird wegversetzt. Weg von der Polizeikarriere. Die Ermittlungen genügen, ein Schuldspruch ist zweitrangig.

Seit der Razzia leidet der ehemalige Polizist unter Schlafstörungen und Panikattacken

Den Dienst muss Ertl nicht antreten. Seit der Razzia befindet er sich in ärztlicher Behandlung, ist bis auf Weiteres dienstunfähig geschrieben. Stresssymptome, Panikattacken, Schlafstörungen. Höre er mehrere Leute vor der Türe, bekomme er sofort Herzrasen. "Auch wenn es nur die Handwerker sind."

Wenn man so will, dann hatte Ertl auch wegen der Krankschreibung Zeit für das Buch. Dass Ertl von den Vorkommnissen rund um die Ermittlungen gegen ihn so getroffen ist, hängt auch mit seinem Eid zusammen. "Den habe ich aufs Grundgesetz und die Bayrische Verfassung geschworen - mit Stolz." Bei ihm als einfachem Streifenpolizisten werde draußen auf der Straße penibel auf die Verhältnismäßigkeit geachtet. "Das ist auch absolut richtig. Aber wenn es gegen uns geht, dann zählt das Prinzip der Unschuldsvermutung und Verhältnismäßigkeit nicht mehr viel."

Das Magazin Spiegel veröffentlichte Anfang des Jahres eine umfangreiche Recherche zu den damaligen Ermittlungen. Von einem Drogenhändlerring in der Polizei, der ins Koksgeschäft eingestiegen wäre, könne keine Rede sein, bilanzieren die Autoren. "Die Streifenpolizisten (...) besorgten offenbar Stoff für sich, für ihre Freunde; für den Rausch in ihrer Freizeit. Ohne Sterne auf der Schulter wären sie als Kleinkonsumenten durchgegangen, man hätte die Ermittlungen vermutlich zügig eingestellt." Clemens Ertl hilft das freilich wenig.

Blaustich (ISBN978-3-903147-30-0) ist Ertl zufolge in allen Buchhandlungen im Landkreis erhältlich - unter www.blaustich.de auf Wunsch auch signiert oder mit Widmung.

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