Im Grafinger Gewerbegebiet steht ein Haus, das dort so gar nicht hinpassen will zwischen all die Funktionalgebäude, Betriebshofeinfahrten und Autowaschanlagen: Massivholzbauweise, viel Tageslicht, natürliche Dämmmaterialien, eine Photovoltaikanlage auf dem Dach sowie auch daraus gespeiste Elektroladesäulen. Drinnen gibt’s Filmstudio, Fitnessraum und Eltern-Kind-Zimmer – und auch sonst so einige Hingucker.
Zum Beispiel das Portrait des Humoristen Victor von Bülow im vermeintlichen Büro von Günter Müller, gestaltet aus Loriot-Zitaten. Das Werk hat Müller vor ein paar Wochen von den Cadfem-Mitarbeitern zu seinem runden Geburtstag bekommen, dem Achtzigsten. Weshalb Loriot? „Weil er die Menschen erkannt und mit so feinsinnigem Humor beschrieben hat“, sagt Müller.
Derzeit arbeiten rund 600 Leute für Cadfem in weltweit mehr als 25 Gesellschaften
Loriots Understatement, das Leichte im Schweren, die vielen Puzzleteile, die das Portrait erst aus unmittelbarer Nähe offenbart. Da fällt es nicht schwer, Parallelen zu Müller selbst zu finden. Das Zimmer, in dem er später auch mit den Cadfem-Geschäftsführern zusammenkommt, ist kein repräsentatives Seniorchefzimmer. Ein solches hätte sich der Mann, der Cadfem vor 40 Jahren aus der Taufe hob und daraus ein Familienunternehmen mit heute rund 600 Mitarbeitern und weltweit mehr als 25 Gesellschaften formte, locker gönnen können. Stattdessen ist das Büro ein ganz normaler Konferenzraum.

Im Gewebegebiet Grafing:Workspace meets Wohlfühlatmo
Eine geknickte Acht als Grundriss: Die neue Firmenzentrale der Firma Cadfem soll nicht nur ein Arbeitsort sein.
Müller fragte sich damals, ob die Zukunft tatsächlich nur Großcomputern gehört – oder womöglich auch kleineren Personal Computern? Und ob auf diesen nicht eine computergestützte Simulation fürs Bauwesen und den Maschinenbau zum Laufen gebracht werden könnte?
Der Ingenieurskollege John Swanson, den Müller von einem US-Forschungsaufenthalt kennt, hatte sich kurz vorher mit dem eigenen Simulations-Rechenmodell Ansys selbständig gemacht. Müller, damals schon 40 und zweifacher Familienvater, kündigt seinen gutbezahlten Job bei einem Großcomputerhersteller und gründet Cadfem.
Das „Cad“ im Namen Cadfem steht für die Abkürzung des damals noch neuen Computer-aided Design. Das „Fem“ für die Finite Elemente Methode, ein mathematisches Verfahren, auf dem Simulationen basieren. Müllers Plan: Die Ansys-Software als unverzichtbares Werkzeug für die Ingenieure in Europa zu etablieren. Dafür schlägt er sogar einen Job in Paris und eine Professur im US-Bundesstaat Hawaii aus, die ihm just in dieser Umbruchzeit angeboten worden waren.
Also investiert Müller 100 000 D-Mark in einen Rechner mit einem damals sagenhaften Hauptspeicher von zwei Megabytes. Plus 40 000 „DM“ für das dazugehörige Tektronix 4014 Terminal. Der Rechner schafft es, Simulationsaufgaben zu lösen, für die komplexe Objekte rechnerisch in viele kleine, einfache Teile (Finite Elemente) zerlegt werden. Dann untersucht er jedes dieser Teile separat auf sein Verhalten, zum Beispiel unter einer bestimmten Kraft oder einer bestimmten Temperatur. Am Ende führt der Rechner die Ergebnisse aller Einzeluntersuchungen zusammen, damit die Ingenieure verstehen, wie das gesamte Objekt reagiert.
Mobilitätsprojekt:Fahrerlos durch Grafing
In einem zweijährigen Forschungsprojekt wird geprüft, wie ein autonomer Shuttlebus im Stadtverkehr eingesetzt werden könnte.
Gewusst, wie kombiniert, lassen sich heute zum Beispiel Crashtests von Autos am Computer simulieren, die Hitzeverteilung im Bügeleisen, die Massagefunktion am Sparduschkopf oder die Signalintegrität von kleinsten Leitern auf Computerplatinen. „Es gibt kaum ein Anwendungsgebiet, das nicht für Simulationen geeignet wäre“, sagt Müller. „Logistikunternehmen simulieren vorab die intelligente Steuerung von Lagerhäusern oder Hafenanlagen. Maschinen, Haushaltsgeräte, elektronische Bauteile, aber auch Versorgungsnetze, Verkehrsdaten, autonomes Fahren, Raumklima oder ganze Smart Cities – im Computer kann nahezu alles erst einmal berechnet und dann optimiert werden.“ Oder in der Medizin. Computerassistierte Chirurgie simuliert den Eingriff vorab präzise am Rechner und steuert dann den Operationsroboter.
Seit dem Jahr 2011 leitet Sohn Christoph als CEO Cadfem International. Wenn man so will, dann hat Müller sich aus dem Organigramm seiner eigenen Gründung „herausgeschrieben“. Im Schoß liegen die Hände nicht. Seine heutige Beschäftigung nennt er „Business Hobbys“: Freizeit mit professionellem Hintergrund. Was er sich dafür ausgesucht hat, reicht anderen als Beruf: Autonomes Fahren, Digitale Zwillinge in der Stadtplanung, Quantencomputing oder Expertenfortbildung. Und das gerne auch aus dem Raum „Loriot“ hinaus. Den gibt es in der Cadfem-Zentrale im Grafinger Gewerbegebiet nämlich auch.

