Mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, ist dringend notwendig – darin waren sich unlängst während einer Podiumsdiskussion die drei Bewerber um das Bürgermeisteramt in Grafing einig. Amtsinhaber Christian Bauer (CSU) rühmte sich, in dieser Hinsicht mehr denn je angestoßen zu haben. Ein Vorhaben allerdings, das die Stadt schon lange vor Bauer ins Visier genommen hatte, könnte scheitern: der soziale Wohnungsbau auf dem ehemaligen Bauhofgrundstück an der Von-Hazzi-Straße. Der Grund dafür sind Altlasten im Boden, ein Problem, das in Grafing schon lange bekannt ist. Ob dort günstiger Wohnraum entstehen kann, hängt von einem Förderbescheid ab, der aus Sicht der Stadt hoffentlich positiv beschieden wird.
Auf dem Grundstück, das inzwischen mitten im Siedlungsgebiet liegt, befand sich einst ein vom NS-Reichsarbeitsdienst geschaffenes Schwimmbad, das laut Bauamtsleiter Josef Niedermaier der benachbarte Bach, die Urtel, immer wieder überschwemmte. Als in den Vierzigerjahren nahe gelegene Baracken des Arbeitsdienstes abgebrannt seien, habe man das „unglückselige Becken“ kurzerhand mit Brandschutt gefüllt, in dem sich unter anderem teerhaltige Dachpappe befand. Darin sind oft hohe Konzentrationen an krebserregenden Polyzyklischen Aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) und mitunter Asbest enthalten.
Das bedeutet: Soll auf dieser Fläche Wohnbebauung entstehen, müsste das Bad mitsamt den Altlasten erst entfernt werden, ansonsten drohen laut Angaben der Stadtverwaltung „Gesundheitsgefahren für Nutzgarten und Menschen“ sowie eine Verunreinigung des Grundwassers. Eine solche Sanierung des Erdreichs würde allerdings 1,2 Millionen Euro kosten – angesichts einer ohnehin angespannten Haushaltslage eine stolze Summe. Zumal sozialer Wohnungsbau ja per se nicht auf Gewinn ausgerichtet ist. Die Verwaltung konstatiert deshalb: „Ohne staatliche Förderung besteht keine wirtschaftliche Finanzierungsgrundlage für die Altlastensanierung.“ Und damit entfalle das gesamte Bauvorhaben.
Sollte es tatsächlich so weit kommen, wäre in der Vergangenheit enorm viel Aufwand vergeblich gewesen. Seit 1998 beschäftige sich die Verwaltung mit dem Areal und seinen Möglichkeiten, sagt Bauamtsleiter Niedermaier. Es sei geplant, auf den etwa 4500 Quadratmetern 35 Wohnungen entstehen zu lassen. Vorausgegangen seien die Verlegung des Bauhofs an den Stadtrand, diverse Bauleitplanungen, Bodenanalysen, ein juristisch hochkomplexer Grundstückstausch mit dem Freistaat Bayern sowie Verhandlungen mit der Wohnungsbaugenossenschaft Ebersberg, die das Projekt verwirklichen sollte. „Da steckt jahrzehntelange Arbeit drin“, betont Niedermaier. Vorzuwerfen habe man sich nichts, die diversen Verzögerungen seien alle gut zu begründen.

Durch den Grundstückstausch mit dem Freistaat zum Beispiel habe die Stadt noch mal 40 Prozent Fläche hinzugewonnen, was die Bebaubarkeit des Geländes enorm erhöht habe, sagt Niedermaier. Jetzt seien doppelt so viele Wohnungen möglich, wie ursprünglich geplant, und sogar eine Tiefgarage. Die Krux aber ist: Dadurch, dass inzwischen die gesamte Fläche genutzt werden kann, ist auch der Umfang der Sanierung deutlich gestiegen. Nun muss das gesamte Becken, laut Niedermaier ist es rund 3000 Quadratmeter groß, entfernt werden. Und zwar durch die Stadt, der Freistaat beteiligt sich nicht. Die Kostenkalkulation für die Sanierung ist deshalb gestiegen: von gut 400 000 Euro im Jahr 2009 auf eben aktuell etwa 1,2 Millionen.

Rettung eines Erbes:Zukunft der Schöpffe-Villa bleibt ungewiss
Die Stadt Grafing hat ein Haus geerbt, das laut eines Testaments für Kultur genutzt werden soll. Sie möchte es jetzt verkaufen. Eine Petition setzt sich für den Erhalt des Gebäudes ein. Und es gibt eine Interessentin, die es erwerben möchte.
Trotzdem möchte man im Rathaus nicht aufgeben. Eine Lösung des Problems nämlich verspricht das europäische Zuwendungsprogramm „Flächenrecycling und Altlastensanierung“. Drei Millionen Euro stünden daraus für Bayern zur Verfügung, erklärt Niedermaier, „und wir haben bislang nur einen einzigen Mitbewerber, dessen Vorhaben deutlich kleiner ist als unseres“. Möglich wäre laut Verwaltung eine Förderung von bis zu 40 Prozent der Sanierungskosten. Damit sei eine wirtschaftliche Realisierung der Wohnbebauung durch die Stadt wieder möglich.
Doch wie wahrscheinlich ist es, dass dieser Deus ex machina auch wirklich die Bühne betritt? „Ich bin mir sehr sicher, dass das klappt“, sagt Niedermaier, der als Bauamtschef für den bereits eingereichten Förderantrag verantwortlich zeichnet. „Es muss einfach klappen“, legt er nach. Denn dieser soziale Wohnungsbau in bester Lage sei ein Herzensprojekt. Er sei sinnvoll für die Innenraumentwicklung, helfe, sparsam umzugehen mit dem Grafinger Grund und Boden, und zeige, dass die Stadt soziale Verantwortung übernehme. Wird der Zuschuss durch die EU bewilligt, könnte das Areal laut Niedermaier bereits in diesem Sommer saniert werden. „Baubeginn wäre dann 2027.“

