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Grafing:"Es war eine Aufgabe von zwei bis drei Jahren, mich da rauszuhebeln"

Angelika Obermayr - Abschiedsportrait

Die Bienenkönigin ist die letzte verbliebene Amtsinhaberin auf dem Grundstück von Anglika Obermayr. Seit Monatsanfang hat die Biologin daheim in Grafing wieder Zeit fürs Garteln - oder Imkern.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Sechs Jahre lang war Angelika Obermayr aus Grafing eine von zwei Grünen Bürgermeisterinnen in Bayern. Wie die 61-Jährige nach ihrer Wahlniederlage weitermacht.

Das Parlament ist verhangen und hängt in ihrer Küche an der Wand. Christos verhüllter Reichstag auf einem halben Quadratmeter Leinwand. Angelika Obermayrs Parlament war das Grafinger Rathaus, sechs Jahre lang, ganz unverhüllt. Doch jetzt ist nicht mehr sie Bürgermeisterin. Nicht mehr die Frau von den Grünen. Sondern Christian Bauer, der Mann von der CSU. Ihr langjähriger Kämmerer. Und nun ihr Bezwinger. Das Grafinger Rathaus war nie verhangen, zuletzt wurde es für Obermayr aber immer verhängnisvoller. Sie erzählt, wie sie einst die Geranien an der Rathausfassade durch Petunien ersetzten ließ. "Was neues, frisches", sagt sie. Doch die Petunien fanden wenig Gefallen bei jenen, die es anders gewohnt waren. Im Jahr darauf pflanzten die Gärtner wieder Geranien. Das Ränkespiel in Grafing nahm seinen Anfang.

Sechs Jahre lang war Angelika Obermayr die einzige Chefin in den Rathäusern des Ebersberger Landkreises. Und eine von zwei Bürgermeisterinnen der Grünen in Bayern. Susanna Tausendfreund in Pullach (Kreis München) ist die Wiederwahl geglückt. Auch Angelika Obermayr lag nach dem ersten Wahlgang vorne. Bei der reinen Brief-Stichwahl Ende März überholte CSU-Kandidat Bauer sie praktisch auf der Zielgeraden. Die Quote der abgewählten Männer im Kreis Ebersberg 2020: eins zu neun, also zehn Prozent. Die Quote der abgewählten Frauen: Eins zu null und damit hundert Prozent. Oder wie es Obermayr ausdrückt: "Die Wahrscheinlichkeit, als Frau abgewählt zu werden, ist wesentlich höher als für Männer."

Ein Tag Mitte Mai, Angelika Obermayr, 61, steht in ihrem Garten vor einem Bienenkasten. Auf der Veranda hat sie Pflänzchen sortiert, die sie nun einsetzt. Sonnenblume, Tomate, Kürbis. Imkern und garteln - dafür war bis vor kurzem praktisch nie Zeit, erzählt sie. Obermayr, die Biologin, hat lange nicht mehr mit Gartenschaufeln hantiert. Mehr noch, erzählt ihr Mann Karl Obermayr, auch er werkelt im Garten, ist er doch weitaus mehr in Übung. In der Anfangszeit kamen die beiden noch regelmäßig zum Abendessen am Küchentisch zusammen. Zuletzt, so Karl Obermayr, passierte dies "vielleicht einmal die Woche".

Schmerzresistenz sollte in jeder Bürgermeister-Stellenbeschreibung genannt werden. Erst recht für jemanden, der ohne christsoziale Arbeitspapiere einen bayerischen Chefposten übernimmt. Obermayr fand ihren Weg. Sie eröffnete die Ostumfahrung, brachte das Gewerbegebiet auf den Weg. Und ihr gelang es, das berühmt-berüchtigte Grafinger Volksfest zu retten. Indem sie es mithilfe von Polizei und Sozialpädagogen von einem Exzess für Raufbolde zum Familienfest verwandelte. Es lief gut für sie. Doch dann kam der Cut.

Auch andere amtierende Bürgermeisterinnen wurden überraschend abgewählt

Obermayr sitzt jetzt an ihrem Küchentisch, dessen Buchenholzplatte so riesig ist, dass beide Obermayrs gleichzeitig zwei aufgeschlagene Zeitungen lesen können. Irgendwann wurde auf den Lokalseiten aus Grafing zunehmend von Possen, Vorwürfen und Anschuldigungen gegen die Bürgermeisterin berichtet - entsprungen nicht selten aus Reihen der Christsozialen. Die ersten Jahre hatte sie die Zusammenarbeit mit den Kollegen im Stadtrat als angenehm empfunden, sagt Obermayr. "Auch mit der Fraktion der CSU." Irgendwann, sagt sie, auf halber Strecke, regte sich Widerstand. "Plötzlich wurden mir ständig schlechte Eigenschaften nachgesagt."

Am Wahlsonntag vor acht Wochen stand Obermayr im Jackett neben ihrem Mann, starrte fassungslos auf die Ergebnisse. Nun trägt sie eine blaue Bluse, eine Kette schmückt den Hals. Ein Lächeln. "Es war schon eine Aufgabe von zwei bis drei Jahren, mich da rauszuhebeln."

Im Wahlkampf sind hinter den Kulissen unschöne Dinge passiert, erzählt sie, dabei belässt sie es. Kein schlechtes Wort über Christian Bauer, ihren Bezwinger und Nachfolger. Im April trafen sich beide mehrmals persönlich zur Amtsübergabe. Ja, sagt Obermayr, das war nicht ganz einfach für sie. Schließlich hat sie dem Rathaus eine neue Organisationsstruktur verpasst, ein eigenes technisches Bauamt geschaffen, "zwei super IT-ler eingestellt" und mehr Frauen in die Leitung der verschiedenen Sachgebiete befördert. Diese Zusammenarbeit ging jäh zu Ende. Ja, sagt Obermayr. "Das ist echt schade."

Verbales nachtreten ist nicht ihr Stil, erst recht nicht öffentlich. Auch wenn längst nicht alles gesagt ist. Etwa über die Wahlkampfstrategie des Ortsverbandes der Grafinger CSU unter Federführung des Landtagsabgeordneten Thomas Huber. Obermayr betreibe Vetternwirtschaft. Obermayr wolle die Stadthalle abreißen. Obermayr habe die Stadtfinanzen nicht im Griff, mit ihr steige die Verschuldung. Dass die CSU allen Haushalten der vergangenen sechs Jahre mit deutlicher Mehrheit zugestimmt hat, spielte keine Rolle mehr.

Es ist ungewöhnlich, dass Amtsinhaber abgewählt werden, wenn sie nicht vorher - wie etwa der ehemalige Regensburger Oberbürgermeister Joachim Wolbergs - massiven Anlass zu Misstrauen gaben. Obermayr wird diesbezüglich nichts nachgesagt. Was also war der Grund? Obermayr wüsste es selbst gerne. Sie erzählt von Kolleginnen, die ebenfalls überraschend abgewählt wurden: Sigrid Meierhofer in Garmisch-Partenkirchen, Marianne Zollner in Mühldorf am Inn oder Gabriele Müller in Haar - alle drei von der SPD.

Zurück im Garten, wo Angelika Obermayr Imker-Nachhilfe von ihrem Mann bekommt. "Ich bin da ehrlich gesagt eine absolute Anfängerin." War sie auch zu ehrlich für die Politik? Aus ihr spricht jetzt die Biologin. "Wir Naturwissenschaftler sehen Probleme und stellen sie dar", sagt sie. Anders gesagt: "Ich rede nichts schön, da wollte ich nie hin." Im Stadtrat hatte ihre eigene Fraktion und das "Bündnis für Grafing" einmal die Vision eines neuen Radwegekonzepts für den Ort. Obermayr hätte das auch gefallen, doch in der Stadtkasse, sagt sie, fehlte dafür das Geld. Also machte sie eine Ansage, mit der sie aneckte: "Ich musste ganz trocken sagen: Das geht nicht."

Im Bienenkasten im Garten wohnt - wie üblich - nur eine Königin. Sie ist die letzte Amtsinhaberin auf dem Grundstück der Obermayrs. Sie selbst werde beruflich wieder einsteigen, sagt Angelika Obermayr. Und vorher Urlaub nachholen. Kraft tanken. Die Frau, deren Petunien am Rathaus nur ein Jahr blühten, hat am Mariendenkmal des Grafinger Marktplatzes Stauden pflanzen lassen. "Die sind nachhaltig und bienenfreundlich", sagt sie. Und die stehen bis heute da.

© SZ vom 26.05.2020/koei
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