Süddeutsche Zeitung

Grabstätte:Zwölf Jahre Ewigkeit

281 Plätze für Urnen: Der naturnahe Poinger Bestattungsgarten ist fertig gestellt

Eine Urne, die sich in der Erde selbst zersetzt. Kein Grab, das gepflegt werden muss. Nicht einmal ein Name, der notwendigerweise an den Toten erinnert. Und spätestens nach zwölf Jahren Ruhefrist ist wieder Platz für ein neues Grab. Wünschte man früher den Verstorbenen auf Grabsteinen noch "ewige Ruhe", so ist die Ewigkeit heute weit kurzfristiger organisierbar. Im eben fertig gestellten Poinger Bestattungsgarten ist eine Beisetzung auf schlichtem Wege möglich.

"Früher hat die Religion die Bestattungsriten vorgegeben", sagt Poings Bürgermeister Albert Hingerl, "Heute wünschen sich viele Menschen weltlichere und offenere Formen der Beisetzung oder wollen gleich gar nicht mehr namentlich genannt werden." Auf entsprechende Anfragen aus der Bevölkerung hat die Gemeinde reagiert und, wie berichtet, ein neues Areal zwischen dem bestehenden Poinger Friedhof und dem Sportplatz am Endbachweg erschlossen. Dort blühen nun Blumen auf einer umzäunten Wiese in dem so genannten Bestattungsgarten. Und im überdachten Eingangsbereich hängt ein Kreuz des Bildhauers Karl Orth.

Der Poinger Künstler hat das schlichte Kreuz aus Stahlstäben zusammengeschweißt und die Enden der Rundstücke ausgeschmiedet. Daneben hat er eine Ablagefläche für Kerzen und einen Schaukasten montiert, in dem die Namen der Bestatteten genannt werden - wenn sie es denn wollen. Bereits neun Menschen sind seit Frühjahr hier beigesetzt worden.

Bürgermeister Hingerl beschreibt die Gestaltung als "dem Ort angemessen schlicht und nicht zu pompös". Das Grundstück, auf dem nach dem Krieg ein Wochenendhäuschen stand, war komplett umgestaltet worden. Die alten Fichtenbäume mussten weichen, weil der Borkenkäfer sich dort eingenistet hatte. Nun wurden junge Birken neu gepflanzt, daneben blüht vereinzelt der Mohn.

Insgesamt 281 Plätze für Urnen soll es in dem Garten in Zukunft geben. Gekennzeichnet sind die Gräber nicht, doch wird die Gemeinde wissen, wer wo bestattet ist. Wie auf jedem anderen Friedhof ist es den Angehörigen möglich, eine kleine Zeremonie am Grab abzuhalten. Die Grabgebühr für die zwölf Jahre kostet im Bestattungsgarten 700 Euro, die selben Gebühren fallen im Gemeindefriedhof für eine Urnennische in der nördlichen Urnenwand oder für ein Urnenerdgrab an. Laut der Poinger Friedhofssatzung sind Reservierungen im Bestattungsgarten nicht möglich.

Auch ein politisches Signal setzt der Poinger Gemeinderat: Grabsteine oder Grabeinfassungen aus Naturstein dürfen nur aufgestellt werden, wenn sie ohne ausbeuterische Kinderarbeit hergestellt wurden. Steinmetze müssen bei jedem Grabmal eine Bestätigung vorlegen, dass die Produktionsbedingungen den Vorgaben entsprechen.

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Quelle:
SZ vom 19.09.2018
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