Anfang des Jahres war Katja Tritzschler auf einer Weiterbildung in Norddeutschland. So erzählt es die Allgemeinmedizinerin an einem Nachmittag in der Cafeteria des Caritas-Altenheims in Glonn. Mittlerweile hat sie die Zusatzqualifikation fast abgeschlossen – dann darf sie sich offiziell Palliativmedizinerin nennen. Wenn Tritzschler ihren Kolleginnen und Kollegen beim Kurs damals erzählte, dass sie die zuständige Ärztin der Hospizinsel in Glonn sei, dann musste sie das erstmal erklären. „Denn da wusste niemand, was eine Hospizinsel ist“, sagt sie.
Kein Wunder, denn neben der Glonner Einrichtung gibt es nur im Landkreis Mühldorf eine weitere Hospizinsel in ganz Deutschland – das Konzept ist auch zweieinhalb Jahre, nachdem die hiesige eröffnet wurde, noch immer neu. Dementsprechend gibt es nach wie vor bürokratische Hürden für Menschen am Lebensende, die dieses Angebot zwischen ambulanter und stationärer palliativer Unterstützung in Anspruch nehmen möchten. Um diese Herausforderungen, aber auch um die Hospizinsel als zukunftsfähiges Konzept geht es nun bei diesem Informations- und Begegnungsnachmittag. Dazu eingeladen hat Brit Demuth. Sie leitet das Marienheim, unter dessen Dach die Hospizinsel ihr Zuhause gefunden hat.
Im April hat der Landkreis seinen Zuschuss aufgestockt und ihn bis Ende 2029 verlängert
Im Mai 2022 nahm die Hospizinsel erstmals Gäste auf, sechs Plätze in unterschiedlich großen Einzelzimmern stehen seitdem zur Verfügung. Eigentlich wollte der Landkreis ein stationäres Hospiz installieren, doch wegen einer „angeblichen Überversorgung“, wie der stellvertretende Landrat Walter Brilmayer bei dem Treffen erzählt, wurde daraus nichts. Bis Ende 2029 dauert der aktuelle Vertrag, den der Landkreis mit der Caritas als Trägerin der Hospizinsel geschlossen hat. Bis dahin beteiligt sich der Landkreis mit 75 000 Euro jährlich an den Kosten, der Zuschuss wurde erst in diesem April um 10 000 Euro erhöht. Wie es nach 2029 aussieht, ist derzeit offen. Allerdings wurde jüngst fstgestellt, dass der Landkreis keine neuen freiwilligen Leistungen mehr bewilligen kann – zu angespannt stellt sich die Haushaltslage der kommenden Jahre dar.

Palliativversorgung im Landkreis Ebersberg:Hospizinsel mit Zukunft
Der Landkreis Ebersberg verlängert die Unterstützung für die Einrichtung im Marienheim Glonn bis 2029 und stockt den Zuschuss auf.
Auch wenn es bei der Veranstaltung niemand ausspricht, ist klar: Unter den aktuellen Voraussetzungen wird das Angebot der Hospizinsel ohne das Geld vom Landkreis nicht funktionieren. Denn noch gibt es mit den Kranken- und Pflegekassen keine gesonderte Vereinbarung zur Kostenübernahme, sie zahlen genauso viel, wie für eine ambulante Versorgung zu Hause durch ein Team der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV) anfallen würde. Das reicht für einen Hospizinsel-Platz jedoch bei Weitem nicht aus: Neben dem Zuschuss des Landkreises ist eine Beteiligung der Gäste für Unterbringung und Mahlzeiten notwendig, außerdem ist die Einrichtung auf Spendengelder angewiesen. „Wir haben hier eine neuartige Versorgungsform zwischen ambulant und stationär, das macht es ganz schwierig, zu refinanzieren“, sagt Grit Braeseke, die aus Berlin zugeschaltet ist. Die Wissenschaftlerin leitete eine Studie des IGES Institutes über die Bedeutung einer Weiterentwicklung des Konzepts der Hospizinsel.
Hubert Radan – langjähriger Marienheim-Leiter, mittlerweile im Ruhestand – sagt, dass das gemeinsame Ziel des Hospizinsel-Teams in Glonn und Waldkraiburg sei, eine Kostendeckung über die Pflegesätze der Kassen zu erreichen. Laut Wissenschaftlerin Braeseke dürften die Chancen dafür gar nicht so schlecht stehen: Selbst der niedrigste Tagessatz für ein stationäres Hospiz sei in Bayern teurer als die Hospizinsel. „Insofern wäre das für die Krankenkassen sehr attraktiv.“

Der Bedarf wäre auf jeden Fall vorhanden, wie Ärztin Katja Tritzschler klarmacht: Die dem Landkreis Ebersberg nächstgelegenen stationären Hospize seien „einfach immer voll“. Deshalb sei ein ambulantes palliatives Angebot so wichtig – mit dem SAPV-Team sei eine solches im Landkreis auch vorhanden. Es gebe aber Fälle, in denen die Versorgung zu Hause nicht mehr zu schaffen sei. „Also wird die Hospizinsel weiterhin notwendig bleiben“, ergänzt Einrichtungsleiterin Brit Demuth.
Manche Gäste bleiben mehrere Monate auf der Hospizinsel, andere nur wenige Stunden
Dass das Konzept der Hospizinsel funktioniert, wird nicht zuletzt deutlich durch die Äußerungen einer Bewohnerin. Vor einem guten halben Jahr ist die Frau von einer Münchner Palliativstation – in der Regel ist hier die Dauer eines Aufenthalts auf zwei Wochen begrenzt – nach Glonn gekommen, „bettlägrig“, wie sie sagt. „Mir ging’s am Anfang gar nicht gut, ich war austherapiert.“ Jetzt aber sitzt sie inmitten der anderen gut 50 Zuhörerinnen und Zuhörer – und wird Ende des Monats die Hospizinsel wieder verlassen, weil sich ihr Zustand so stark verbessert hat. „Ich wurde hier täglich mit so viel Fürsorge und Motivation bedacht, dass ich auch meinen Willen zurückerlangt habe“, sagt sie. „Es muss hier nicht die Endstation sein.“
Meistens ist sie es jedoch schon. Manche Gäste seien sogar nur ein paar Stunden da, ehe sie sterben, sagt Brit Demuth. Solche Fälle machten sie besonders traurig, weil weder die Betroffenen noch deren Angehörige dann kaum die Möglichkeit hätten, von den Vorzügen der Hospizinsel zu profitieren: „Dem Tag mehr Leben geben“, formuliert es die Palliativfachkraft Maja Juric. „Wir machen das alles ganz individuell, wir sind da“ – zumindest zwischen sechs Uhr morgens und 21 Uhr abends, wie der stellvertretende Pflegedienstleiter Elvir Cehajic sagt. Nachts gibt es lediglich eine Rufbereitschaft, wer also zur Schlafenszeit beispielsweise oft von großer Unruhe geplagt ist, für den ist die Hospizinsel eher nichts. So jemand sei in einem stationären Hospiz, wo rund um die Uhr Personal vor Ort ist, besser aufgehoben, sagt Ärztin Tritzschler.

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In Glonn unterstützen tagsüber auch Hospizbegleiter des Ebersberger Christophorus-Vereins die Palliativfachkräfte. Zehn Ehrenamtliche sind insgesamt auf der Hospizinsel im Einsatz – wenn möglich, kommt stets dieselbe Person zu Besuch. „Wir machen mit den Gästen, was sie möchten“, erklärt Vorstandsmitglied Susanne Mahn. Das könne einkaufen sein oder ein Spaziergang, Fotos sortieren oder einfach nur ratschen.
„Das Konzept der Hospizinsel hat Zukunft“, ist sich Medizinerin Katja Tritzschler sicher. Das sei ihr einmal mehr während ihrer Weiterbildung im Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen bewusst geworden. Denn die Hospizinsel sei ein sinnvoller „Lückenschluss“ in der palliativen Versorgung.

