So richtige Trendsetter sind die ganz frühen Glonner ja nicht. Während in Mesopotamien die Keilschrift erfunden wird und die alten Ägypter um 3500 vor Christus die Hieroglyphen erdenken, sitzen sie in Glonn und Umgebung noch in Erdgruben und hantieren mit Steinbeilen und Feuersteinmessern.
Noch bis in die Mitte des achten nachchristlichen Jahrhunderts tut sich in der Gegend nicht allzu viel – zumindest wenig, das sich ganz konkret beschreiben ließe. Das hat jedenfalls Hermann M. Weil herausgefunden und in einem originellen Buch dargelegt, originell vor allem, weil er alles, was er über Glonn und Gut Georgenberg, seine Heimat, recherchiert hat, zeitlich parallel dem historischen Weltgeschehen gegenüberstellt. Weil hat sich quasi die Welt von Glonn aus angeschaut und in drei Tabellenspalten auf 433 Seiten nachgezeichnet. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, wie der 79-Jährige betont. In seinem früheren Leben war er Lederwarenhändler, Heilpraktiker und Reiseveranstalter für Motorradtouren. Jetzt ist er Biobauer im Ruhestand und Autor.
Ein Zufall hatte ihn vor 30 Jahren ausgerechnet nach Gut Georgenberg bei Glonn geführt, im südwestlichen Landkreis Ebersberg. Nicht weit davon entfernt liegt der Weiler Nordhof, wo seine Großeltern als Evakuierte nach dem Krieg gewohnt hatten und er selbst einen Teil seiner Kindheit verbrachte. In das Gut und seine Umgebung verliebte er sich, wie er bei einer Brotzeit in seiner Bauernstube erzählt. Er verwandelte es in eine Bio-Landwirtschaft, renovierte und baute einen Teil des Hofs so um, dass er und seine Familie ihn für große Feiern vermieten können. Seit einiger Zeit überlässt er das Tagesgeschäft einem seiner vier Söhne, widmet sich dem Schreiben von Romanen und eben der Erforschung der Geschichte – was er meistens miteinander verquickt. Die Historie, egal ob es die lokale oder die globale ist, sei für ihn, sagt er, eine Leidenschaft. Die Spurensuche begann im eigenen Haus und mit Geschichten, die ihm erzählt wurden, führte ihn weiter in Archive, zu Festschriften und Chronisten.
„Wahrscheinlich schläft unsere Region noch“, schreibt Weil also auf der ersten Seite seines im Selbstverlag herausgegebenen Buchs. Vom 16. Jahrtausend vor Christus aus gesehen, wird es noch eine Weile dauern, bis Glonn gewissermaßen die Weltbühne betritt. Ureinwohner der Jungsteinzeit besiedeln zwischen 4000 und 2500 vor Christus das von Gletscheraktivitäten aufgeworfene Land. Auf dem Georgenberg entsteht eine keltische Kultstätte.
Längst werden derweil in Ägypten Pyramiden gebaut, hat Homer die Odyssee geschrieben und in Rom die häufigst porträtierte Wölfin der Geschichte zwei Knaben gesäugt. Nicht in Glonn, sondern bei Weyarn – heute braucht man für die Strecke 20 Minuten, damals hat es per pedes oder mit dem Karren etwas länger gedauert – bauen dann die Kelten das zweitgrößte Oppidum in Bayern, eine befestigte keltische Siedlung. Pyrrhus von Griechenland liefert sich blutige Schlachten mit dem Römischen Reich und Hannibal erblickt in Karthago das Licht der Welt.

Und dann sind auf einmal die Römer in Glonn: Sie besiedeln um 46 vor Christus die Gegend, um 15 vor Christus ist die gesamte Region dem römischen Imperium einverleibt, keltische Stämme wie Boier, Vindeliker und Insubrer sind besiegt. Römermünzen mit den Gesichtern der Kaiser Nero und Claudius gehen ums Jahr 100 nach Christus von Hand zu Hand. Erst viele Jahrhunderte später, im Jahr 774, wird Glonn als „Glan“ in einer Urkunde des Bischofs von Freising erstmals erwähnt, dazu eine Kirche, offenbar Georgenberg. Auch ein erster Priester wird genannt, Ratpotto. Die Christianisierung hat längst begonnen.
Nach und nach tauchen auch die Nachbarorte aus dem Dunkel der Geschichte auf: Berganger etwa, im Osten von Glonn (764), Oberpframmern, die Georgskirche von Taglaching, Moosach. Als 1100 der Heilige Quirinus vom Tegernsee ins Spiel kommt, dem nicht nur ein Anwesen am Glonnfluss, sondern auch der ganze Besitz des Edlen Outo von Glonn und sogar die Magd Pertha übergeben wird, ist in der Welt längst die Hölle los.
Karl der Große hat die Macht im Frankenreich übernommen und – weil er 814 starb – wieder abgegeben. In Spanien sind die Mauren, in Nordeuropa die Wikinger eingefallen. Santiago de Compostela wird zum Wallfahrtsort ernannt, während starke Rodungen auf der Halbinsel Yucatan verheerende Dürren auslösen, welche letztendlich den Untergang der Hochkultur der Maya einläuten. Die Dänen werden Christen und in Europa Ritterburgen gebaut.
Als Barbarossa Mailand zerstören lässt, sind in Zinneberg schon die Grafen Preysing am Ruder
Mit dem 12. Jahrhundert werden die Einträge in den beiden linken Spalten des Buchs, Glonn und Umgebung, deutlich zahlreicher: Die Kirche von Münster, fünf Kilometer westlich von Georgenberg wird geweiht (1130), Heinrich von Bretzen wird neuer Besitzer der Obermühle, dem heutigen Piusheim. Zur selben Zeit kommen sowohl der spätere Kaiser Barbarossa als auch in der Mongolei Dschingis Khan zur Welt. Als Barbarossa Mailand zerstören lässt, sind in Zinneberg schon die Grafen Preysing am Ruder. Die Mongolen fallen in Europa ein und der Stauferkaiser Friedrich II. streitet ausdauernd mit dem Papst.

Um 1480 werden in Piusheim zum ersten Mal Bauern erwähnt, Hans Daniel und Georg Singer heißen sie. Die Hexenverfolgungen beginnen und Botticelli malt die Geburt der Venus. Spätestens mit dem Dreißigjährigen Krieg erfasst das Weltgeschehen Glonn und Umgebung vollends. 1632 erschlagen in Ebersberg erboste Bauern neun feindliche Schweden, schwedische Truppen brennen Kloster Zinneberg nieder. Der Bischof von Freising spendet in der Kirche zu Glonn die Firmung. Jahre zuvor hatte Kopernikus noch ungeheuerlicher Weise behauptet, dass sich die Erde um die Sonne drehe. Drei Jahrhunderte später brennt Zinneberg wieder – diesmal geraten die Nationalsozialisten und ihre SA unter Verdacht.
Aus der Suche nach Orientierung im kleinen und großen Geschehen sei das Buch entstanden, sagt der Autor. Es zeige, wie sehr Revolutionen, Ideologien und Religionen bis heute die Welt verändern, Leid und Tod über die Menschen bringen, wie sehr die Welt im Kleinen und im Großen vom Wunsch Einzelner nach Macht und Größe gelenkt wird. Nicht von ungefähr endet die anregende Lektüre mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine.

