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Workshop in Glonn:"Wir sollten uns als Frauen mehr bestärken"

Eva Lettenbauer, Doris Rauscher und Christa Stewens berichten von ihren Erfahrungen, Andrea Hinterwaldner moderiert (von links).

(Foto: Franziska Langhammer/oh)

Bisher gibt es im Landkreis Ebersberg nur eine Bürgermeisterin. Eine Veranstaltung in Zinneberg soll Frauen zur Kommunalpolitik ermutigen.

Es herrscht eine ausnehmend herzliche Atmosphäre an diesem kaltsonnigen Samstagvormittag im Kloster Zinneberg. Der Verein "Frauen für Moosach" hat politisch engagierte und interessierte Frauen aus dem Landkreis eingeladen, mehr als 50 sind gekommen, jung und alt, Vollzeitmütter und Karrierefrauen, aktiv und noch zaudernd.

Schon das Treppenhaus ist erfüllt mit fröhlichem Lachen, und vor dem Eintritt in den Veranstaltungsraum bekommt jede Teilnehmerin ein Namensschild in die Hand gedrückt mit Farbkennung: Wer einen gelben Punkt hat, ist Kandidatin; rosa bedeutet Kreisrätin, grün steht für Stadt- und Gemeinderätin, und weiß haben alle Bürgermeister-Kandidatinnen. Amtierende Bürgermeisterin ist nur eine anwesend, Angelika Obermayr (Grüne); denn sie ist derzeit die einzige Frau in diesem Amt im Landkreis Ebersberg. Das ist auch einer der Gründe für diese Veranstaltung.

Unter dem Motto "Mein Weg in die Politik" soll an diesem Vormittag unter anderem denjenigen Frauen ein motivierender Schubs gegeben werden, die noch unschlüssig sind, ob sie den Schritt in die Kommunalpolitik wagen sollen. Alle, die bereits den Sprung in eine Kandidatur oder ein politisches Amt gewagt haben, dürfen netzwerken und sich inspirieren lassen von den drei geladenen Gästen.

Die ehemalige Staatsministerin Christa Stewens (CSU) und die Landtagsabgeordneten Doris Rauscher (SPD) sowie Eva Lettenbauer (Die Grünen) repräsentieren dabei nicht nur drei Generationen, sondern auch drei Parteien. Ausdrücklich keine Wahlveranstaltung soll dieser Vormittag sein; stattdessen wollen die Initiatorinnen Raum schaffen für Erfahrungsaustausch, "von Frauen für Frauen". Es moderiert Andrea Hinterwaldner, die für "Frauen für Moosach" für das Bürgermeisteramt in Moosach kandidiert.

"Man braucht Vorbilder, an denen man sich orientieren kann, ohne sie zu kopieren"

Gefragt nach ihren weiblichen Vorbildern, erzählt etwa Christa Stewens von ihrer Großmutter, "der klassische Blaustrumpf in Berlin". Für Damenklos an der Uni in Berlin habe sie gekämpft, und dann zu ihren Enkelinnen gesagt: Ihr müsst euch weiter für die Frauenrechte einsetzen! "Man braucht Vorbilder, an denen man sich orientieren kann, ohne sie zu kopieren", sagt Doris Rauscher. Ihre Vorbilder waren eher abhängig von der Lebensphase; mal war es die Cousine, mal Christa Stewens, mal Renate Schmidt. Eva Lettenbauer tut sich schwer, ein politisches Vorbild zu benennen, und kommt schließlich auf Claudia Roth.

Politikerbiografien von Männern würden sich oft anders gestalten, so Hinterwaldner. In den meisten Fällen seien diese ganz jung, wenn sie sich für eine Karriere in der Politik entscheiden, und hätten zum Beispiel einen politisch aktiven Vater. Hinterwaldner will von den Zuhörerinnen wissen: "Oder ist hier jemand Nachrücker für Vater oder Mutter im Gemeinderat?" Niemand meldet sich. "Da hammas schon wieder", sagt Hinterwaldner. Die Frauen lachen.

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Grundsätzlich aber erfrischend wenig geht es an diesem Vormittag um das Thema Mann - Frau. Stattdessen liegt der Fokus auf den individuellen Erfahrungen der Referentinnen; und doch lassen sich Muster feststellen. Sowohl Stewens als auch Rauscher beispielsweise sind in die Politik gegangen, weil sie etwas an den Rahmenbedingungen für die Kinder verändern wollten. Stewens damals, als ihr erster Sohn Anfang der 70er in die Schule in Poing kam und zu jeder Unterrichtsstunde den Raum wechseln musste.

Nachdem sie mal wieder ordentlich rumgemosert hatte bei einer Elternveranstaltung, wie sie erzählt, sei ein Mann auf sie zugekommen und habe ihr nahegelegt, doch dem Elternbeirat beizutreten. Rauscher, selbst ausgebildete Erzieherin, gründete mit Gleichgesinnten eine Elterninitiative in Ebersberg, um mehr Kindergartenplätze auf den Weg zu bringen. Als Hinterwaldner sich wieder an die Teilnehmerinnen wendet und fragt, wie viele von ihnen im Elternbeirat sind und waren, meldet sich mehr als die Hälfte.

"Du warst kein Wochenende zuhause"

Dass sich heute schon viel geändert habe, sehe man an der 27-jährigen Eva Lettenbauer, stellt eine Teilnehmerin fest. Allein durch Inhalte - einen ersten Anstoß gab Fukushima - ist diese zur Politik gekommen; und dieser Schritt war für sie selbstverständlich gewesen. Dass es trotzdem noch viel zu wenig Frauen in der Politik gibt, darin sind sich alle einig.

Auch die Schattenseiten einer politischen Kandidatur werden angesprochen. So erzählt Rauscher, dass es auf Landesebene noch härter sei, seine Überzeugungen durchzubringen: "Man geht mit vollem Schwung rein und rennt gegen die Wand." Trotzdem lohne es sich, zäh zu sein und weiter zu kämpfen. Stewens berichtet, dass keine ihrer Töchter in die Politik wolle. "Du warst kein Wochenende zuhause", sagen diese heute, "so ein Leben will ich nicht." Als sie für den Kreistag kandidiert und von vornherein klargestellt habe, dass ihre Familie Priorität hat, hätten ihr das viele CSU-ler damals sehr übel genommen.

Stewens appelliert an die Frauen im Raum: "Wir dürfen nie die Verbindung zu den Menschen vor Ort verlieren, zu unseren Freunden, unserer Familie." Mit Blick auf viele Politiker von heute habe sie oft das Gefühl, diese hätten keinen Bezug mehr zu unserer Lebenswirklichkeit. Eva Lettenbauer hält schließlich fest, was an diesem Vormittag einhellig zum Schlusswort gewählt wird: "Wir sollten uns als Frauen mehr bestärken, uns mehr die Bälle zuschieben, ganz unabhängig von der Partei."

© SZ vom 10.02.2020/koei
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