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Glonn:Der Hiobsbote

Zlate Naumoski muss im Glonner Marienheim alten Menschen ihre Infektion mitteilen. Wie der Pfleger und seine Patienten damit umgehen.

Von Johanna Feckl, Glonn

Der Blick. Angst habe aus ihm gesprochen. Zlate Naumoski erinnert sich genau an den Moment, als er zum ersten Mal diese Nachricht überbringen musste: "Es tut mir Leid, aber Sie wurden positiv auf das Coronavirus getestet." Eine Schutzausrüstung umhüllte den Wohnbereichsleiter komplett; der Bewohner des Caritas-Seniorenheims Marienheim in Glonn, dem Naumoski die Mitteilung überbrachte, habe nicht erkennen können, wer da überhaupt vor ihm stand, so Naumoski. Nur anhand der Stimme registrierte der Bewohner dann schließlich den 50-Jährigen. Aber auch das sei nur holprig möglich gewesen. "Wie bitte?" "Was?"

Die Bewohnerinnen und Bewohner im Marienheim seien alt, sagt Naumoski, viele hörten nicht mehr so gut - wenn die Stimme von einer eng anliegenden FFP2-Maske gestört wird, dann sei das Verstehen erst recht schwierig. Und dann dieser angstvolle Blick des Bewohners. Ein Dazusetzen ans Bett, eine tröstende Berührung der Hand, ein ungestörter Blick in die Augen - alles nicht möglich. Nur die Stimme blieb, zumindest holprig. "Die gesamte Situation hat mir sehr weh getan."

Seit 29 Jahren arbeitet Zlate Naumoski im Marienheim in Glonn, im September 2021 feiert er dort sein 30-jähriges Dienstjubiläum. Insgesamt gibt es im Marienheim vier Wohnbereiche, seit 2002 leitet Naumoski einen davon. In seiner Abteilung managt er 49 Betten mitsamt 32 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus unterschiedlichen Berufsgruppen. Der gelernte Krankenpfleger engagiert sich auch in der Mitarbeiter-Vertretung des Marienheims und ist dort Gesundheitsbeauftragter für den Bereich Pflege.

Es war Mitte November, als sich im Marienheim der erste Corona-Fall unter den Bewohnerinnen und Bewohnern bestätigt hat. Schon wenige Wochen darauf gab es mehr als 20 Infizierte im Haus, dreiviertel im Bereich von Naumoski. Mittlerweile musste er schon viele Male die Nachricht eines positiven Testergebnisses an die Betroffenen überbringen. Leichter ist es dadurch aber nicht geworden, wie er sagt. Nachdem er die Bewohnerin oder den Bewohner selbst informiert und mit der ihm verbliebenen Stimme versucht, die Betroffenen zu beruhigen, greift er jedes Mal zum Telefon, um dann die Angehörigen in Kenntnis zu setzen.

"Es gibt Mitarbeiter, die durch die Corona-Situation verängstigt sind", sagt Naumoski. "Sie kommen in die Arbeit und wissen nie, was passiert." Und wie geht es ihm selbst damit? "Wenn ich meinen Dienst antrete, dann habe ich keine Zeit, über meine eigenen Ängste nachzudenken." Er hält es für wichtig, motiviert zu bleiben, denn wenn es nicht einmal er als Wohnbereichsleiter sei, wie sollte es dann sein Team sein? Dennoch betont er: "Es ist eine enorme Belastung für uns alle."

Eigentlich händigt Naumoski zu Beginn eines jeden Monats seinem Team den Dienstplan für den kommenden Monat aus. Seit dem Corona-Ausbruch im Haus muss er ihn beinahe täglich aktualisieren. So waren etwa für den Tag nach dem Gespräch mit Naumoski eigentlich sieben Kräfte aus seinem Team zum Dienst eingeteilt. Zwei sind nun aber ausgefallen, wie der 50-Jährige sagt. Er musste deshalb zwei Kolleginnen aus dem Urlaub zurückholen. Beide hätten Verständnis gezeigt und sofort zugesagt. "Wir sind ein Team und der Laden muss unter allen Umständen weiterlaufen", sagt der 50-Jährige. "Unsere Bewohner müssen versorgt werden, wir können nicht einfach wegbleiben und sie damit im Stich lassen."

Die Gründe für solch kurzfristigen Ausfälle sind vielfältig und lassen sich unmöglich vermeiden, wie Naumoski erklärt: an Corona erkrankt, häusliche Quarantäne wegen Kontakt zu Infizierten, häusliche Selbst-Isolation aufgrund von Krankheitssymptomen oder Betreuungsprobleme der Kinder. Seit dem Ausbruch hat sich die Situation deutlich verschärft. Er selbst hatte in diesem Jahr bislang drei Tage Urlaub. Das war's.

© SZ vom 19.12.2020/koei
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