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Gesundheit:"Sitzerei ist wie ein gipsähnlicher Zustand"

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Zumindest was das Sitzen betrifft, hat das Home-Office die Büroarbeit in vielen Fällen nicht besser gemacht. Manche sitzen mehr, andere schlechter.

(Foto: imago/Westend61)

Silvester Neidhardt blickt auf mehr als 30 Jahre Trainerkarriere zurück. Sein größter Coaching-Erfolg: Doppel-Gold bei Olympia mit Markus Wasmeier. Heute kämpft der 54-Jährige gegen das ständige Sitzen.

Von Johannes Korsche

Einen Sitzplatz bietet Silvester Neidhardt seinem Besuch nicht an, was allerdings nicht daran liegt, dass er unhöflich wäre. Im Gegenteil: "Servus, Hallo", "Duzen ist schon in Ordnung, oder?", "Magst was trinken?" In seiner Glonner Wohnung gibt es eben nur einen Stuhl, ein Überbleibsel aus den 90er Jahren, auf dem er nur sitzt, um Bankgeschäfte online zu erledigen. Ansonsten steht er, der Rücken und Nacken gerade durchgedrückt, auch wenn er sich an die Küchentheke lehnt. Oder er liegt - selbst seine Couch hat keine Rückenlehne. Aus Überzeugung, die über jahrzehntelange Erfahrung gewachsen ist.

Jahrzehnte, in denen der heute 54-Jährige als Trainer mit der Ski-Nationalmannschaft zwei olympische Goldmedaillen gewann, anschließend unter anderem mit den Fußballern des AC Mailand arbeitete und mit Tennisstar Rainer Schüttler entlang der ATP-Tour die Welt bereiste.

Sport faszinierte Neidhardt schon als Kind, genauer der Skisport. Als der kleine Silvester vier Jahre alt war, 1970, gründete sich der Wintersportverein Glonn. Und Neidhardt wächst mit dem WSV auf. Irgendwann, er war noch ein "kleiner Knirps", wie er sich erinnert, fuhr er dann schon schneller als seine Trainer die Abfahrten runter. Und die gaben schließlich auf. Einer habe ihm gesagt: "Du, ich kann dir nichts mehr gutes Neues sagen."

Also ging er zur Skimannschaft des TSV 1860 München, schaffte es sogar in die Nationalmannschaft. Aber mit den Jahren "konnte ich es um ein paar Weltranglistenplätze nicht bestätigen" und er begann, Sport zu studieren.

Früher hat Silvester Neidhardt Spitzensportler trainiert, heute gibt der Glonner sein Wissen in Form von Büchern weiter.

(Foto: Christian Endt)

Neidhardt war noch gar nicht fertig mit seinem Studium, als man sich beim Deutschen Skiverband schon an ihn erinnerte. Die Olympischen Spiele in Albertville standen an - und es fehlte ein Athletiktrainer für die Skimannschaft der Herren. Dann ging es schnell: "Ich war mit 24 Jahren Bundestrainer." Noch heute hängen die Erinnerungen an diese Zeit an seinen Wänden. Signierte Plakate von den Olympischen Spielen, bei denen er dabei war.

In einen Goldrahmen gefasste Zeitungsschnipsel mit Überschriften wie "Ein Glonner bringt die Olympia-Riege auf Trab" und "Sensibler Seelenklempner und scharfer Schleifer". Bei seinen ersten olympischen Spielen 1992 bleibt ein vierter Platz noch die beste Platzierung.

Doch zwei Jahre später, im ersten Olympiajahr, das nur den Wintersportlern vorbehalten war, sollte es noch eine Chance geben. Ein bitterkalter Donnerstagvormittag in Kvitfjell bei Lillehammer, Super G bei den olympischen Spielen. Die Skifahrer warteten oben am Starthäusl, die Trainer reihten sich entlang der Strecke an wichtigen Stellen auf. Vor einem Flachstück stellte sich Neidhardt auf. Oben wartete Markus Wasmeier auf letzte Tipps von der Strecke. Wasmeier war nicht gut in die Spiele gekommen, in der Abfahrt vor vier Tagen reichte es gerade mal für einen 36. Platz. Viel zu wenig in der allgemeinen Wahrnehmung.

Wie gibt man in so einer Situation die letzten Korrekturen an einen Athleten, was hat sich seit der Besichtigung vor ein paar Augenblicken noch geändert? Neidhardt stand mit Walkie-Talkie in der Hand am Streckenrand, mit eben jener Aufgabe. Denn ein Fehler am Anfang eines Flachstücks ist besonders bitter. Man schleppt die langsamere Geschwindigkeit gefühlte Ewigkeiten mit sich, bis es wieder steiler wird. Kleine Fehler potenzieren sich da zu großen Rückständen.

Katzensofa im Schrebergarten

Wenn es nach Silvester Neidhardt geht, sind Sitzmöbel für die menschliche Nutzung völlig ungeeignet.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Aber: "Wenn du dem Markus gesagt hast, fahr das eine Tor einen Meter weiter innen an, konnte der das einfach sensationell umsetzen." Dann geht oben die Luke auf. Eine Minute, 32 Sekunden und 53 Hundertstel brauchte Wasmeier für die 41 Tore am Hang von Kvitfjell. Keiner wird an diesem Tag schneller sein: Goldmedaille.

Aber das wusste Wasmeier natürlich noch nicht, als er unten im Ziel auf die Zeiten der anderen Skifahrer warten musste. Er war mit einer frühen Startnummer ins Rennen gegangen, Nummer 4, und einige Favoriten warteten nur darauf, seine Zeit noch zu unterbieten. Um zu verstehen, was nun passierte, muss man eines wissen: Neidhardt trug damals die Haare noch lange zu einem Zopf gebunden - und die Athleten wollten ihm die immer schneiden. "Aber ich hab gesagt: Finger weg. Haare schneiden dann, wenn einer von euch eine Medaille macht."

Top, die Wette gilt. Denn wie Neidhardt so am Streckenrand stand - gerade war auch der elfte Versuch gescheitert, Wasmeiers Bestzeit zu stürzen - knarzte es durchs Walkie-Talkie: "Schwitzt du schon?", fragte Wasmeier schelmisch. Er war sich ziemlich sicher, dass er an diesem Donnerstag noch Haare schneiden wird.

"Ich hatte erreicht, wovon man als Kind vielleicht mal geträumt hat"

"Da haben wir erst mal einen Rüffel bekommen." Klar, das Rennen lief schließlich noch. Aber als auch der letzte Fahrer unten ankam, war klar: Gold für Wasmeier - und ein neuer Haarschnitt für Neidhardt. Auf der Party am Abend "hat er mich dann rasiert. Ich habe ausgeschaut, wie ein Verbrecher aber die haben eine Fetzengaudi gehabt." Auch heute noch sind die Haare an der Seite kurz, über der Stirn scheiteln sich die dunklen Haare. Nach Olympia in Lillehammer wollte Neidhardt "echt aufhören" mit dem Skisport - was sollte denn noch kommen?

"Ich hatte erreicht, wovon man als Kind vielleicht mal geträumt hat. Mit dem Gold vom Markus." Er blieb dennoch in der Skijugend, begleitete die Anfänge eines hoffnungsvollen Talents, Florian Eckert, der 2001 und 2005 bei Ski-Weltmeisterschaften Medaillen holte. Zweieinhalb Jahre nach Olympia zog Neidhardt einen Schlussstrich und kündigte beim Deutschen Skiverband.

Er wurde Personal Trainer, gab Vorträge und landete eher zufällig auf einem österreichischem Acker an der deutschen Grenze, wo eine Sport- und Wellnessanlage entstehen sollte. Er beriet den Bauleiter, welche Inneneinrichtung aus Sportlersicht sinnvoll wäre, vom Boden bis zum Tennis-Court.

Und so kannte sich Neidhardt nach zwei Jahren mit allerlei Sportgeräten aus, und spezialisierte sich vor allem auf die Magnetfeldresonanztherapie, bei der elektrisch erzeugte Magnetfelder punktuell eingesetzt, zum Beispiel Entzündungen hemmen soll. Auch die Regeneration nach einem harten Spiel oder dem Training soll damit schneller verlaufen.

Er betreute Fußballvereine, den Radsport und Tennisspieler

Neidhardt verkaufte und betreute solche Geräte. Zum Beispiel an den AC Mailand, die Anfang der Nullerjahre vielleicht beste Fußballmannschaft der Welt, was manche auf die wenigen Verletzungen des Spitzenpersonals zurückführten, was wiederum manche auf das Milan Lab zurückführten, wo Neidhardts Geräte standen.

"Clarence Seedorf war super", sagt Neidhardt über den Fußballer, der damals beim AC spielte und zu dem Google noch heute den Suchbegriff "Beine" vorschlägt, weil die gar so austrainiert waren, "von der Art her: total aufgeschlossen, direkt, hilfsbereit und wissbegierig. Das war schön." Zu der Zeit arbeitete Neidhardt auch im Radsport für das Team Telekom, mit dem Skispringer Sven Hannawald und und und. "Verrückt, wie wir da europaweit unterwegs waren."

Dass Neidhardt auch noch Tennisspieler Rainer Schüttler, immerhin fünftbester Tennisspieler der Welt zu seinen besten Zeiten, athletisch und mental coachte, geht da fast unter. Vielleicht weil er bei den olympischen Spielen 2004 in Athen nicht dabei war. "Auf glühenden Kohlen" habe er zugeschaut, wie Schüttler damals mit Nicolas Kiefer im Doppel Silber gewann. Aber immer mehr wollte Neidhardt seine Erfahrungen mit anderen Trainern und Sportlern teilen, wie er sagt.

Und nun sei es ihm "ein Bedürfnis" gewesen, ein Buch für Nicht-Sportler zu schreiben. Denn wir alle, da ist sich Neidhardt sicher, sitzen zu viel. Womit man wieder bei Neidhardts Inneneinrichtung im Jahr 2021 angelangt ist. Die "Sitzerei ist wie ein gipsähnlicher Zustand" für den Körper, vergleicht Neidhardt. Dabei sei der Körper über Jahrhundertausende darauf angepasst, sich zu bewegen, zu wandern und zu liegen. Durch das stundenlange Verharren auf dem Bürostuhl oder der Couch "rostet" der Körper, wie Neidhardt sagt.

Inzwischen sieht er sich als "Entrostungstrainer"

Egal, ob Leistungssportler oder "Sitzathlet" - die Funktionalität des Körpers sei bei nahezu allen Menschen wegen des ständigen Rumhockens eingeschränkt. Mit der Zeit ist das Sprunggelenk nicht mehr so beweglich, die Hüfte und das Gesäß stabilisiert nicht mehr wie es soll und der Nacken ist verspannt. Der Körper kompensiert die Fehlstellung und die Haltung leidet. Mit unangenehmen Folgen, nicht erst im Alter, argumentiert Neidhardt. Deswegen sei er inzwischen vor allem "Entrostungstrainer".

Wer sich vom Vorwort und Sätzen wie "Erlaube dir groß zu denken, um Platz für Dein Potenzial zu schaffen" nicht abschrecken lässt, der findet in Neidhardts Buch praktische Selbsttests, um zu ermitteln, wie abgeranzt der eigene Körper ist. Auf diesen Ergebnissen folgen Übungen, die den Körper wieder seinem eigentlichen Bewegungspotenzial annähern sollen. Denn "wir waren alle mal Bewegungsweltmeister". Als Babys und Kinder. Nur mit der Zeit habe man es eben verlernt. Im Alltag rät Neidhardt übrigens zu Spaziergängen, Arbeiten am Stehpult und Gelenkübungen am Morgen. Von (über-)motivierten Ausflügen ins Fitnessstudio hält Neidhardt aber nur bedingt etwas: "Ich krieg einen Vogel, wenn einer ins Fitnessstudio fährt und im Sitzen trainiert."

Neidhardts Ansatz scheint zumindest bei Profisportlern gut anzukommen. Verteidiger Dante, der 2013 mit dem FC Bayern München das Triple gewann und inzwischen in der ersten französischen Liga bei OGC Nizza kickt, ist momentan in der Reha. Das Kreuzband. Und von da schickte er einen Videogruß, bei dem er Neidhardts Buch in die Kamera hält und in diesem charmanten Dante-Fußballdeutsch sagt: "Viele, viele Dank, mein Freund. Für das gute Geschenk. Super Buch."

Das Buch "Steh jetzt auf! Neustart zu deiner natürlichen Funktionalität" von Silvester Neidhardt ist mit Fotos angereichert im Eigenverlag erschienen und im Internet für 24,80 Euro erhältlich.

© SZ vom 03.04.2021/infu
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