Gespräch mit Mehrwert "Das Paradies existiert nicht"

Christina Görisch, 17, und Sebastian Peschl, 18, moderieren das Gespräch mit Pippo Pollina am Montagvormittag kurz an. Die beiden Italienisch-Schüler gehen in die zwölfte Klasse des Gymnasiums Grafing.

(Foto: Christian Endt)

Der italienische Liedermacher Pippo Pollina macht auf seiner Deutschland-Tour einen Stopp am Gymnasium Grafing, um sich mit den Schülern über sein Leben, die Mafia und Musik auszutauschen

Von Yvonne Münzberg, Grafing

"Grazie" steht in großen, bunten Lettern auf der Tafel im Mehrzweckraum des Gymnasium Grafing. Der Dank gilt dem italienischen Musiker Pippo Pollina. Momentan ist der 54-Jährige auf musikalischer Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. "Nach einem seiner Konzerte", erzählt Italienischlehrerin Daniela Mantino, "habe ich mich einfach überwunden und ihn gefragt, ob er für ein Gespräch an unsere Schule kommen möchte." Naheliegend, findet man den Liedermacher doch in den Italienisch-Lehrbüchern der Oberstufe. Am Montagvormittag war es schließlich so weit: Vor seinem Konzert in Grafing stellte sich Pollina den Fragen der Schüler, die zuvor im Italienischunterricht formuliert worden waren. Zunächst aber sind die Zehnt- bis Zwölftklässler recht zurückhaltend.

Doch Pippo Pollina spricht gerne - hat er doch auch viel zu erzählen. Aufgewachsen ist der Italiener in Palermo, Sizilien. Besonders dort, im Süden Italiens, haben die Mafiastrukturen nach wie vor einen starken Einfluss, ein Thema, das Pollina sein Leben lang begleitet und das er auch in seinen Liedtexten immer wieder verarbeitet. Die Situation in seinem Heimatland sei komplex, erzählt Pollina auf Italienisch, "é una storia complicata". Von Bozen bis Lampedusa fände man so unterschiedliche Menschen, Lebensweisen und Philosophien. Die Nachfrage einer Schülerin, ob er glaube, dass sich in Bezug auf die Mafia inzwischen etwas geändert habe, verneint er. Denn zu viele Menschen hätten zu viel Angst.

Während seines Studiums der Rechtswissenschaften in Palermo engagierte er sich journalistisch, arbeitete für eine sizilianische Wochenzeitschrift, die sich im Kampf gegen die Mafia einsetzte. Da stellt sich die Frage, warum der junge Pollina damals seine Heimat verlassen hat. "Es war alles so eng dort," erklärt der Italiener, "ich bin ein neugieriger Typ, ich will die Welt sehen." Aber, räumt er ein, dennoch kehre er immer wieder gerne zurück. Heute bevorzuge er weder Italien noch Deutschland, da "das Paradies sowieso nicht existiert". In beiden Ländern gebe es Dinge, die ihm besser oder eben weniger gut gefielen. Außerdem lebt ein Teil von Pollinas Familie in der Schweiz, so etwa sein Sohn, der unter dem Pseudonym "Faber" ebenfalls erfolgreich Musik macht, im Gegensatz zu seinem Vater jedoch auf Deutsch. An ihm, bedauert Pollina, merke er immer mehr, dass Musik eher eine Frage der Generation als eine zeitlose Erfahrung sei. Ständig ginge es um Kundschaft und Zielgruppen, dabei sollte die Zielgruppe der Kunst doch das Leben sein.

Diese und ähnliche Themen beschäftigen den Musiker, seitdem er von Palermo aus aufbrach, um musizierend durch die Straßen zu ziehen. Nicht nur die spezifische Problematik der Mafia, auch die allgemeine Ungerechtigkeit auf der Welt beschäftigt ihn. "Die Wirtschaft hat alles gefressen, aber Geld ist nur ein Aspekt des Lebens." Das müssten die Menschen erkennen, es brauche eine Restrukturierung der politischen Konzepte. Wenn man Pollina zuhört, versteht man, warum er nicht in eine Kategorie mit italienischen Schnulzensängern wie Eros Ramazotti gehört. Wie gut also, dass seine Lebenserfahrungen junge Menschen inspirieren können. Aber auch für ihn seien Gespräche wie diese in Grafing fruchtbar: "Ich sehe dann auch, wo das Interesse der Schüler liegt, und welche Fragen sie beschäftigen." Ein Geben und Nehmen also.

Was er für die Zeit nach der Musik plane, fragt ein Schüler. Pollina lacht. Mit der Musik werde er niemals aufhören.

Wer Pippo Pollina live erleben möchte, hat nun in Erding die Möglichkeit dazu: Am Donnerstag, 1. März, tritt der Liedermacher dort in der Stadthalle auf, Einlass 19 Uhr, Beginn um 20 Uhr.