Gelungens Comeback:Momente der Verzückung

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Surprise of Voices, evang. Kirche KS

Da kann man nur ausrufen: "Weiter so!". Der Kirchseeoner Chor "Surprise of Voices" erobert bei seinem Comeback in der evangelischen Kirche die Herzen, mit ganz viel stimmlichem Können und Gefühl, einer frohen Botschaft, neu entdeckten Melodien und den schönsten Seiten bekannter Klassiker.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Überraschung gelungen: Das Kirchseeoner Ensemble "Surprise of Voices" kehrt so gewandelt wie überzeugend als Gospelchor auf die Bühne zurück

Von Ulrich Pfaffenberger

Dieses erste Türchen im Adventskalender hatte es in sich: Mit Spannung erwarteten viele Kirchseeoner am Samstag, wie sichdie Sängerinnen und Sänger von Surprise of Voices bei ihrer Rückkehr auf die Bühne präsentieren würden. Über viele Jahre hinweg hatte der Pop- und Gospelchor in der Gemeinde den Ton angegeben, bis sich die Kräfte etwas erschöpft hatten. Nun kehrten die Voices unter ihrem neuen Leiter Philipp Weiß und mit dem Programm "Spirit of Gospel" in die Johanneskirche zurück - und lösten, das Wort trifft es im spirituellen Umfeld am besten, Verzückung aus.

Dafür, dass sich das Ensemble ein ganz neues Repertoire und zugleich eine neue Interpretationsform aneignen musste, war das Ergebnis überaus hörenswert. Die klangliche Geschlossenheit genauso wie die Präzision bei den Einsätzen zeugten sowohl von Probenfleiß wie von Begeisterung. Man kann einem Chor viel antrainieren, aber das Gespür für den Moment muss von innen kommen. Auch die Freude am Singen und das leidenschaftliche Miteinander allein genügen nicht, um dieses Niveau zu erreichen, da gehört schon auch ein gerüttelt Maß an Stimmbildung dazu. Hier hat Weiß ganze Arbeit geleistet und es offenbar gut verstanden, aus seinen Sängerinnen und Sängern das Optimum herauszukitzeln. Jedem Titel des Abends ist anzuhören, dass hier keiner singen muss, sondern jeder singen kann.

Das, verständlicherweise, noch schmale Repertoire zeigt denn auch schon eine anregende Bandbreite, wobei der Begriff "Gospel" hier durchaus großzügig interpretiert werden darf. Das ist durchaus im Sinne der gastgebenden Gemeinde, wie Pfarrerin Claudia Steuerer-Wünsche in ihrer Begrüßung anmerkt: Eine frohe Botschaft findet sich auch in Melodien, die nicht ausdrücklich dieses Etikett tragen. Schon das eröffnende "Amazing Grace" ist kein typischer Vertreter des Genres, wenn auch der Bezug zu den afrikanischen Wurzeln des Gospel unmittelbar ist: Geschrieben vom britischen Schiffskapitän John Newton, der zunächst Sklaven in die Neue Welt transportierte, bevor er sich zum engagierten Gegner des Menschenhandels wandelte, berichtet es in der Tat von einer "wunderbaren Gnade", die dieser Mann verspürt hat. Wie der Chor zunächst im lichtlosen Kirchenraum eine freie, irrlichternde Interpretation der Melodie anstimmt, bevor er dann auf der Bühne ein zweites Mal die traditionelle Version präsentiert - das ist nicht nur gesanglich, sondern auch inszenatorisch bewegend: Die Suche im Dunkeln, das Finden im Licht ist christliche Heilsbotschaft in Reinkultur.

Auch der von irischer Folkmusik inspirierter Titel "Rhythm of the times" entfaltet in Weiß' Arrangement enorme spirituelle Kraft. Weil der Chor sich darauf einlässt, Akzente nicht nur zu setzen, sondern auch zu denken. Weil Sängerinnen wie Sänger sehr behutsam mit den leisen Passagen umgehen. Weil der Dirigent seine Kommunikation aus der Seele des Stücks wirken lässt, statt sich im Formalen aufzuhalten. Das alles fügt sich sehr schlüssig, sehr harmonisch zusammen, so dass schon nach wenigen Titeln ein Klima der Vertrautheit zwischen Vortragenden und Zuhörenden geschaffen ist und die Zuneigung vom früheren Ensemble auf das heutige überspringt. Oben von der Empore aus lässt sich gut beobachten, wie die Welle der Begeisterung ihre Kreise durch den Raum zieht und die zunächst angespannt Wartenden in Bewegung versetzt. Auch das eine urtypische Wirkung des Gospelgesangs.

Mit einem sehr be-swingten "Glory tot he King", einem jubelnden "I am free" und einem atmosphärisch dichten "Down by the riverside" loten Surprise of Voices verschiedenste Spielarten des Genres aus und stoßen überall auf Überraschendes. Es lohnt sich, sowohl vom künstlerischen Anspruch her wie vom Wunsch des Publikums nach Neuem und Ungewöhnlichem geleitet, in der einschlägigen Literatur nicht zum Gängigsten, zum Erstbesten zu greifen, sondern tiefer zu schürfen. Da beweist der Chorleiter Mut und Klugheit, zeigt aber auch, wie groß sein Vertrauen ins Können seiner "Voices" ist, echte "Surprises" zu liefern. Gut gemacht! Der Klassiker "Look, where you brought me from" ebenso wie Carole Kings "You've got a friend" entfalten an diesem Abend ihre schönsten Seiten - weil sie es dürfen und weil der Chor sie gefunden hat.

Selbst mit einem typischen Defizit von Laienchören kommen sie in Kirchseeon gut zurecht: dem Ungleichgewicht von Frauen (24) und Männern (7) im Chor. Denn am Klavier haben sie mit Maruan Sakas einen, der in allen Facetten überzeugt. Souverän und elegant fügt er den Groove der tiefen Stimmen hinzu, wo es ihn braucht. Gleichzeitig kümmert er sich fürsorglich und einfühlsam um das Gerüst aus Tempi und Dynamiken, das dem Chor verlässlicher Halt ist. Seinen Anteil am jubelnden Schlussapplaus in der vollbesetzten Kirche darf er mit Fug und Recht für sich beanspruchen.

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