Friedhof EbersbergGedenkort für ermordete KZ-Häftlinge

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In der Nähe der Aussegnungshalle soll der Gedenkort entstehen. Derzeit gibt es keine Erinnerungsstätte für die ermordeten KZ-Häftling.
In der Nähe der Aussegnungshalle soll der Gedenkort entstehen. Derzeit gibt es keine Erinnerungsstätte für die ermordeten KZ-Häftling. Peter Hinz-Rosin

Seit knapp zwei Jahren befasst sich der Ebersberger Robert Schurer intensiv mit dem Schicksal von Zwangsarbeitern und Häftlingen zur NS-Zeit. Nach wie vor sind viele Fragen offen – doch einem wichtigen Ziel ist er näher gekommen.

Von Barbara Mooser, Ebersberg

Sie sind wahrscheinlich in den letzten Stunden des nationalsozialistischen Regimes ermordet worden, an Händen und Füßen wurden sie gefesselt, dann mit einem Kopfschuss getötet. Erst viele Monate später, am 24. August 1945, fanden Mitglieder der US-Militärregierung die fünf toten KZ-Häftlinge im Ebersberger Forst. Ihre Identität konnte nicht mehr geklärt werden, auch nicht, wie sie in den Forst kamen. Später wurden sie im Alten Friedhof in Ebersberg bestattet.

Damals wurde auch ein Ehrenmal für die Opfer der letzten Kriegstage mit einer gemeinsamen Grabstätte für Soldaten, Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge errichtet, wie Robert Schurer weiß, der sich seit einiger Zeit der Erforschung der Geschichte Ebersbergs zur NS-Zeit widmet. 1957 wurden die KZ-Häftlinge exhumiert und in Flossenbürg neu bestattet, das Ehrenmal wurde wohl etwa in dieser Zeit ebenfalls abgetragen – seither erinnert nichts mehr an das Schicksal dieser Männer.  Das soll sich nun ändern: Auf Initiative des früheren Stadtrats und Heimatforschers Schurer soll ein Gedenkort am Ebersbrger Friedhof entstehen.

Am Freitag hat dort bereits ein Ortstermin mit Bürgermeister Ulrich Proske (parteilos), einem Steinmetz und einem Kunstschmied stattgefunden, auch erste Entwürfe für den Text und einen Standort südlich der Aussegnungshalle gibt es schon. Derzeitiger Plan ist es, den Gedenkort am 3. Oktober einzuweihen. Er halte es für sehr wichtig, an das Schicksal der ermordeten Häftlinge zu erinnern, sagt Proske. Bisher gebe es nichts dergleichen in Ebersberg. Er wünsche sich ein „vernünftiges, würdiges, dauerhaftes Denkmal“. Und auch wenn die finanzielle Lage der Stadt schwierig sei, dürfe es hier keine Diskussion ums Geld geben, unterstreicht Proske.

Man müsse den Ermordeten Erinnerung und Würde zurückgeben, sagt Robert Schurer.
Man müsse den Ermordeten Erinnerung und Würde zurückgeben, sagt Robert Schurer. Peter Hinz-Rosin

Robert Schurer hatte seinen Appell, einen Gedenkort zu schaffen, eindringlich formuliert: „Besteht jetzt nicht die Verpflichtung, die Vorgänge sichtbar zu machen? Wenn schon die Namen der Ermordeten nicht gefunden werden können – müssen wir den Menschen nicht Erinnerung und Würde zurückgeben?“, schrieb er in einer Dokumentation über die Zeit des Nationalsozialismus in Ebersberg, die er im Herbst 2024 vorgelegt hatte. Nicht nur mit den toten Häftlingen im Forst hatte sich Schurer darin befasst, sein Fokus lag vor allem auf dem Schicksal von Zwangsarbeitern im Landkreis und dem unerforschten KZ-Außenlager in Ebersberg.

Ein Besuch im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg war für Schurer im Frühjahr 2023 zum Schlüsselerlebnis geworden: Auf einer Bayern-Karte entdeckte er einen kleinen Punkt bei seiner Heimatstadt Ebersberg – eine Markierung als Außenlager des Konzentrationslagers Dachau. Dass es dieses Außenlager gegeben hat, war bis dahin wohl den wenigsten Ebersbergern überhaupt bekannt, die Informationen, die es darüber gibt, sind höchst dürftig. Nur ein bisher aufgefundenes Dokument verweist auf das Lager und einen Häftling: Karl Schmidle, von 1933 bis 1945 Bürgermeister des Marktes Ebersberg, hatte im März 1945 aus Dachau einen Häftling für Arbeiten in Ebersberg angefordert.

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Vor einem Jahr machte Robert Schurer im Haus der Bayerischen Geschichte eine Entdeckung, die ihn aufrüttelte. Jetzt will er gemeinsam mit den Ebersbergern mehr über ein sehr dunkles Kapitel der Geschichte herausfinden.

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Trotz umfassender Recherchen in vielen Archiven ist es Schurer freilich nicht gelungen, die Identität dieses Mannes zweifelsfrei zu klären. Schurer ist zwar auf einen Polen namens Marian Majewski gestoßen, den die Arolsen Archives – ein internationales Zentrum, in dem NS-Verfolgung dokumentiert wird -, als Ebersberger KZ-Häftling dokumentiert haben, doch die von Schurer recherchierten biografischen Fakten passen nicht recht zu den von den Arolsen Archives genannten Daten. „Man muss damit leben, dass es viele Unklarheiten gibt“, sagte Schurer im Herbst 2024, als er eine Dokumentation über seine Erkenntnisse vorlegte.

Gerade erst kam eine Anfrage aus den Niederlanden

Entmutigen ließ er sich jedenfalls nicht, bat sogar die Ebersberger im Oktober in eine Geschichtswerkstatt, um mehr über das Schicksal und die Lebensbedingungen von Zwangsarbeitern und Häftlingen in Ebersberg herauszufinden – durchaus mit Erfolgen. Zwar blieb die Biografie des fraglichen KZ-Häftlings weiter im Dunkeln, doch viele Ebersberger kamen, um ihre Erinnerungen oder die Erzählungen ihrer Familienmitglieder zu teilen. Auch danach wandten sich viele Menschen noch an Schurer, um mit ihm über das Thema zu sprechen.

„Ich hatte viele gute Gespräche, teils sehr emotionale Begegnungen“, erzählt er. Eines der bewegendsten Erlebnisse sei der Besuch von zwei polnischen Frauen gewesen, deren Vater auch Zwangsarbeiter im Landkreis Ebersberg gewesen war. Zeitlebens hatte er sich nicht zurück in die Heimat getraut, berichteten die Frauen. Und gerade erst hat Robert Schurer ein Mann aus Voorhout in den Niederlanden kontaktiert. Sein aus Rotterdam stammender Onkel sei im Zweiten Weltkrieg als Zwangsarbeiter im Kreis Ebersberg eingesetzt worden, schrieb er, nun erhoffe sich die Familie weitere Informationen. Über einen SZ-Text im Internet war der Mann auf Schurer aufmerksam geworden.

Substanziell neue Erkenntnisse habe er freilich bei all seinen Recherchen in den vergangenen Monaten nicht sammeln können, sagt Schurer. Und wie zu erwarten gewesen sei, habe es sehr wenige Rückmeldungen gegeben von Menschen, die schlimme Geschichten aus jener Zeit hätten berichten können. Dennoch habe er sich sehr gefreut über die Mitwirkung der Ebersberger und ihr Interesse an dem Thema, so Schurer, und er habe sein Ziel auch erreicht, eine „schwierige Geschichtslücke zu schließen“. Ganz zu den Akten legen will Schurer seine Arbeit aber auch jetzt noch nicht. Denn das Deutsche Polen-Institut in Darmstadt macht gerade drei Millionen Daten aus polnischen Archiven in Deutschland zugänglich – vielleicht sind darunter ja auch welche über jenen Marian Majewski.

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