Für Kommunen und Grundschulen bedeutet die schrittweise Einführung der Ganztagsgarantie vom Schuljahr 2026/27 an eine Herausforderung. Räume müssen da sein, Betreuungspersonal gestellt und finanziert werden; mit 130 000 zusätzlichen Ganztagesplätzen rechnet man im Freistaat bis zum Schuljahr 2029/30. Neben der logistischen und finanziellen Herausforderung scheint der Garantieanspruch aber auch das endgültige Aus des Gebundenen Ganztags zu besiegeln.
Eine Entwicklung, welche die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), Simone Fleischmann, mit großem Bedauern sieht, war sie doch selbst eine der Vorreiterinnen jener Alternative zu einer offenen Nachmittagsbetreuung. Jetzt, so fürchtet sie, gehe die Pädagogik unter gegenüber diesem Zwang, Betreuungsräume und -personal bereit zustellen, um die damit verbundenen bürokratischen Herausforderungen zu stemmen. So werde „ein exzellentes pädagogisches Modell, das in anderen Ländern, Schweden, Frankreich, Dänemark etwa, super funktioniert und ein neues Lernen ermöglicht, durch die Ganztagsgarantie kaputt gemacht.“
Acht Jahre lang leitete Fleischmann zwischen 2007 und 2015 die Anni-Pickert-Grund- und Mittelschule in Poing und führte die große Einrichtung in den Modellversuch der gebundenen Ganztagsschule (GGTS), angestoßen durch den Bildungspakt Bayern. Im Gegensatz zum Offenen Ganztag (OGS) wird im Gebundenen oder rhythmisierten Ganztag durchgehend im Klassenverband unterrichtet, der Unterricht auf Vormittag und Nachmittag verteilt. Die Schüler sind für gewöhnlich an vier Wochentagen bis 16 Uhr in der Schule.
Kinder mit Defiziten würden besser gefördert, den Kindern anders begegnet. „Zeit für mehr“ der Slogan sei perfekt gewesen, urteilt Fleischmann heute: Zeit für mehr Förderung, Zeit für mehr Inhalte, Zeit für mehr Persönlichkeitsbildung. Auch in anderen Schulen und Schularten wurden gebundene Ganztagsklassen eingeführt, etwa am Humboldt-Gymnasium Vaterstetten.
Als ehemalige Schulleiterin und Vorreiterin stehe sie immer noch zu 100 Prozent hinter dem Modell, im BLLV sei man ebenfalls der Ansicht, „dass der gebundene, rhythmisierte, professionell mit Lehrerinnen und Lehrern und ergänzend mit externen Experten ausgestattete Ganztag das Gelbe vom Ei ist“. Jedenfalls so, wie er in den Jahren des Modellversuchs betrieben wurde, als die GGTS noch ein Novum für Bayern gewesen sei: „Kinder, die zusammen in einem Projekt am Dienstagnachmittag sind. Es war klar, da geht Lernen anders. Da sind Leute, die wollen offenen Unterricht, die wollen offenes Lernen, die wollen projektorientiertes Lernen, mehr als Schulaufgaben. Ich war euphorisch – und die Leute waren es alle.“

Die BLLV-Vorsitzende blickt mit spürbarer Wehmut auf das damalige Erfolgsmodell zurück. Zu diesem Erfolg trugen mehrere Komponenten bei: Eine kräftige Förderung von Land und Gemeinde, Kooperationsverträge mit Sportvereinen und Trainern, die Zusammenarbeit mit externen Experten aus Kunst und Musikverbänden und sogar Firmen.
Wobei Fleischmann die GGTS nicht als Allheilmittel für schlechte Schulnoten verstanden wissen möchte. Was die Übertrittsnoten jener Grundschüler anging, sagt sie: „Wir waren stolz darauf, dass wir das Niveau halten konnten.“ Man dürfe aber nicht vergessen, dass etwa zu zwei Dritteln Kinder mit Sprachförderbedarf oder solche, die aufgrund der sozioökonomischen Herkunft benachteiligt waren, die Klassen besuchten. Die Übertrittsnoten seien sicher nicht der Hauptfokus gewesen, „aber wir hatten Kinder, die mehr aus dieser Zeit mitgenommen haben als einen Zweier in Mathe. Selbstbewusstsein, musikalische Kompetenzen, Auftritt.“
Von jenem Idealzustand aber könne man heute nur träumen, kritisiert Fleischmann. Gekippt sei das Ganze, „als die Gelder des Landes gekürzt wurden. Und die Lehrerstunden“. Habe sie in der Zeit des Modellversuchs 19 zusätzliche Lehrerstunden für ihre Klassen gehabt, also in doppelter Besetzung fahren oder 19 zusätzliche Lehrerstunden pro Klasse anbieten können, sehe das heute ganz anders aus. „Jetzt haben wir Lehrermangel und nicht mal mehr vor jeder Klasse im Pflichtunterricht einen Lehrer.“ Unter diesen Umständen könne man die GGTS faktisch als perfektes pädagogisches Modell nicht mehr anbieten. „Ich kann jeden Schulleiter verstehen, der sagt, was man den Eltern und Kindern verspricht, kann man unter den Rahmenbedingungen nicht halten.“
Bei den Eltern macht Fleischmann eine veränderte Haltung gegenüber dem Gebundenen Ganztag aus
Zum ohnehin fehlenden Personal, der Geldnot der Kommunen, die zu einer ganztagsgerechten Ausstattung der Schulen vielfach kaum mehr in der Lage seien, komme nun die Notwendigkeit, den Ganztagsanspruch „irgendwie abzuhaken“. Bei den Eltern macht Fleischmann eine veränderte Haltung dem GGTS gegenüber aus. „Das ist doch was für Migrantenkinder, oder, da sind alle drin, die sonst keiner haben will – weil es ja staatlich finanziert war und der offene Ganztag doch etwas gekostet hat.“

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Bundesweit habe sie in der Verbandsarbeit zuletzt das Gefühl gewonnen, der Ganztag solle zum Problem der Kommunen gemacht werden. Eine Anfrage der SPD an den Landtag zur Verwendung der vom Bund bereitgestellten Förderung – immerhin 461 Millionen Euro – hatte ergeben, dass das Geld bis zum Schuljahresbeginn nur schleppend abgerufen wurde. „Man hat ja gemerkt, dass das ein Rohrkrepierer wird, dass die ganzen Förderungen auf Bundesebene, die Gelder und die Ansagen auf Bundesebene nicht unten ankommen“, so Fleischmann. Die Frage stelle sich, ob es überhaupt möglich sei, ein bildungspolitisches Bundesvorhaben in einem föderalen Staat zu finanzieren. Wenn man die Kommunen nicht entsprechend integriere, dann funktioniere es nicht – und am Ende „bleiben sie immer auf den Finanzen hocken“.
Ganz schlecht aber will Fleischmann die Ganztagsgarantie dann doch nicht reden: „Wir haben diesen Kick gebraucht, damit man in Bayern merkt, dass die Mami nicht mehr um eins zu Hause mit der Suppe wartet.“

