Fußball:"Ich habe so eine Art noch nicht erlebt"

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Fußball: Oft wird im Jugendfußball auf dem Feld hart gekämpft. Bisweilen finden die Kämpfe aber auch ganz woanders statt.

Oft wird im Jugendfußball auf dem Feld hart gekämpft. Bisweilen finden die Kämpfe aber auch ganz woanders statt.

(Foto: Uwe Anspach/dpa)

Kurz vor Transferschluss verliert eine Spielgemeinschaft vier Jugendspieler aus einem Team. Drei davon wechseln zum Kirchheimer SC. Im Fokus steht ein Fußball-Trainer, der sie abgeworben haben soll. Einblicke in eine eigene Welt.

Von Korbinian Eisenberger

Vier Spieler verlassen kurz vor dem Ende der Transferzeit eine Mannschaft. Genauer: die dritte Mannschaft einer U 14, die in der Kreisklasse gemeldet ist. Es handelt sich um das gemeinsame Fußball-Team einer Spielgemeinschaft mit Spielern vom FC Parsdorf, SV Anzing und dem SC Baldham/Vaterstetten (der vor dieser Fusion schon eine Spielgemeinschaft war). Von den 17 Spielern sind dort noch 13 übrig. Nur noch zwei Auswechselspieler - wenn alle da sind: zu wenig. Die fusionierten Vereine äußern deswegen öffentlich Unzufriedenheit. Grund, so die Vereine: Jemand habe die Spieler bewusst und kurzfristig abgeworben.

Zwischen den Landkreisen Ebersberg und München trägt sich seit Mitte Juli ein regelrechtes Transfertheater zu. Es geht dabei nicht um Weltstars wie Lewandowski oder Mané, sondern um 13 Jahre alte Kinder, die in ihrer Freizeit Fußball spielen. Und um deren Eltern, Trainer und Vereinsfunktionäre, die dabei das eine oder andere Wort mitreden - und in diesen Tagen das eine oder andere Wort mehr als sonst.

Im Fokus der drei fusionierten und nun verärgerten Vereine steht ein Mann aus Anzing, der inzwischen für den Kirchheimer SC tätig ist und für das Wechselbohei verantwortlich sein soll. So zumindest schreiben es die drei Fußball-Jugendleiter aus Parsdorf, Anzing und Baldham/Vaterstetten. Sie haben ihre Position in einem öffentlichen Brief dargelegt: Der Verantwortliche habe "fast zeitgleich und verdeckt circa 50 Prozent der Mannschaft" angesprochen, um die Kinder "zu einem Wechsel zum Kirchheimer SC zu bewegen". Es spreche grundsätzlich nichts gegen Vereinswechsel einzelner Spieler, so der Brief. "Wir stellen uns aber ausdrücklich gegen die Ansprache und Übernahme von großen Teilen ganzer Mannschaften."

Im Fokus der Kritik: Rene Seibold, der sich auf Nachfrage erklärt

Was genau ist geschehen? Nachfrage bei jenem Mann, der im offenen Brief nicht genannt wird, aber sich auf Nachfrage telefonisch meldet. Es stellt sich heraus, dass Rene Seibold seinerseits ähnlich unbegeistert von der ganzen Angelegenheit ist. Seibold erklärt, dass er anders als im Brief dargestellt "nicht mit der halben Mannschaft" gesprochen habe, sondern mit fünf ihrer Spieler, also umgerechnet immerhin 29,4 Prozent der Mannschaft. Aber, so Seibold: Nicht er sei auf die Spieler zugegangen, sondern die Eltern besagter Spieler auf ihn.

Die Vorgeschichte: Seibold hatte die Söhne der fünf Familien einst in Anzing trainiert. "Wir kennen uns teilweise aus dem Kindergarten", sagt er, selbst Vater. Seibold hatte den SV Anzing schließlich vor einigen Jahren verlassen. Es gab dem Vernehmen nach Differenzen, offenbar hatte Seibold eine leistungsorientiertere Linie als es dem Verein genehm war, der sich eher auf den Breitensport konzentrieren wollte. So kam es zum Bruch - und Seibold landete als Übungsleiter im Nachbarlandkreis, beim Kirchheimer SC.

Der Grund der Eltern, ihn zu kontaktieren, so Seibold: Den Kindern war offenbar das Trainingsniveau zu schwach. "Drei von ihnen hätten andernfalls ganz aufgehört mit Fußball", sagt er. "Da klingeln bei mir natürlich die Alarmglocken." Vor allem klingelte aber sein Telefon - unter anderem, weil Spielermama Sarah Weiß ihn angerufen hatte. Sie berichtet nun der SZ, wie sich die Sache aus ihrer Sicht zutrug. Ja, es waren die Eltern, die Seibold kontaktierten - und so ein Probetraining in Kirchheim arrangierten. Ergebnis: Ihr Sohn und zwei weitere Spieler wechselten zum Kirchheimer SC und Rene Seibold. Einer der fünf Buben hörte ganz auf - und einer blieb bei seiner Mannschaft. Seibold wiederum hat nun von seinem ehemaligen Verein Anzing Hausverbot erhalten.

Der Fall steht für ein bundesweites Phänomen: Immer weniger Kinder spielen Fußball

Es ist bei all dem mehr als nur die Geschichte von Revanche und Vereinsklüngelei. Die Angelegenheit hätte so oder so ähnlich fast überall im Land ablaufen können. Es lässt sich daran ein Phänomen erkennen, das sich in den vergangen 20 Jahren zunehmend etabliert hat - und mit dem sich inzwischen so gut wie jede Fußballabteilung der Republik auseinandersetzen muss: Den Nachwuchs-Mannschaften gehen die Spieler aus.

In dieser einen Sache sind sich Rene Seibold und Roland Pumm, Jugendleiter beim FC Parsdorf, ausnahmsweise einig. Beide berichten, wie sich die Szene im Nachwuchssport veränderte. "Wenn man früher in einen Sportverein ging, dann war es praktisch automatisch Fußball", sagt Pumm, 48, der seit er denken kann im Verein ist. Inzwischen sind die Kinder umgeben von Alternativen. Tennis, Basketball, Handball, Volleyball. Es verteilt sich - und das hat Auswirkungen auf die Struktur ganzer Vereine. "Deswegen haben wir diese Spielgemeinschaften gegründet", sagt Pumm. Einst waren sie vier eigenständige Vereine. Vier Konkurrenten. Nun nennen sie sich SG Anzing/Parsdorf/Baldham/Vaterstetten.

Der Fall zeigt, dass in Deutschland immer weniger Kinder Fußball spielen. Von 2009 bis 2019 sind laut Deutschem Fußballbund (DFB) 18 Prozent der Nachwuchsmannschaften verloren gegangen und neun Prozent der jugendlichen Vereinsmitglieder. 2019 wurden in Deutschland 3450 Jugendteams weniger gemeldet als 2018.

Die Posse mit dem Kirchheimer SC befindet sich einstweilen in eher feindseligem Stadium. "Es kann nicht sein, dass niemand mit dem Verein spricht", sagt Parsdorfs Jugendleiter Pumm. Vier Tage vor Ende der Wechselfrist kamen dann vier automatische Mails aus dem System des Bayerischen Fußballverbands bei ihm an. "So haben wir das erfahren." Aus seiner Sicht ist damit der Ehrenkodex des Deutschen Fußballverbands verletzt. "Ich habe so eine Art noch nicht erlebt", sagt Pumm.

Als Reaktion hat die SG Anzing/Parsdorf/Baldham/Vaterstetten die drei nach Kirchheim abgewanderten Spieler nun vom Bayerischen Fußballverband sperren lassen. Das passiert, wenn der abgebende Verein dem Wechsel nicht zustimmt. Unüblich - aber es kommt vor. Die drei 13-Jährigen sind damit für die kommenden drei Monate nicht spielberechtigt. Weder hier noch dort.

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