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Frühjahrsempfang der SPD in Ebersberg:Verletzungen, ständig und überall

SPD-Landtagsabgeordnete Doris Rauscher (Dritte von rechts) zeigt mit der Auswahl ihrer Gäste beim Frühjahresempfang Mut: Kabarettist und Menschenrechtsaktivist Christian Springer (rechts) nimmt kein Blatt vor den Mund. Auch mit dabei: Menschenrechtsbeauftragte Bärbel Kofler (Zweite von rechts).

(Foto: Christian Endt)

Landtagsabgeordnete Doris Rauscher wagt sich an ein großes Thema: Ihr Bühnengast, Comedian und Aktivist Christian Springer, spricht über Menschenrechte

Langsam färbt das Scheinwerferlicht sich rot, als SPD-Landtagsabgeordnete Doris Rauscher die Bühne im Alten Speicher betritt. Ein gelungener Kontrast zu ihrem knallgelben Kleid entsteht dadurch. Mutig könnte man diese Farbwahl allerdings auch nennen, bei all den roten Schals und roten Hemden im Saal. Doch auch das ist passend, denn Mut scheint das unausgesprochene Thema des Frühjahresempfangs der SPD zu sein, zu dem die Partei am Weltfrauentag nach Ebersberg geladen hat. "Wozu Menschenrechte?", lautet das Motto des Abends. Eine große Frage, an die sich Rauscher da heranwagt. Eine Antwort darauf geben zuerst die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung Bärbel Kofler und als Hauptredner der Comedian, Menschenrechtsaktivist und Gründer des Vereins "Orienthilfe", Christian Springer.

Mutig ist dieses Abendprogramm nicht nur, weil sich Politiker, Aktivisten und Philosophen seit Jahrtausenden den Kopf darüber zerbrechen, was genau Menschenrechte sind, und wie sie gesichert werden können, sondern auch, weil Rauscher bewusst ist, dass ihre Bühnengäste kein Wohlfühlprogramm präsentieren werden.

Menschenrechtsbeauftragte Bärbel Kofler betritt nach dem Grußwort des SPD-Fraktionsvorsitzenden im Bayerischen Landtag Markus Rinderspacher - übrigens mit rotem Schal - die Bühne und berichtet von ihren Erfahrungen mit dem Thema. Innerhalb der deutschen Politik, aber auch im Austausch mit internationalen Kollegen. Kein Argument sei es, "wenn der chinesische Menschenrechtsbeauftragte behauptet, sein Land sei halt noch nicht so weit", sagt sie. Menschenrechte habe jeder Mensch, unabhängig vom politischen oder wirtschaftlichen Zustand eines Landes. Trotz positiver Entwicklungen seit der offiziellen Menschenrechtserklärung durch die Vereinten Nationen vor 70 Jahren, gebe es weltweite Missstände, die behoben werden müssen, so Kofler.

Die Ankündigung des Hauptredners beginnt Rauscher mit dem Geständnis, sie sei schon gespannt, was Christian Springer ihrer Partei "diesmal über die Rübe hauen" würde. Denn bekannt für seine scharfe Zunge ist der Kabarettist schon lange. 2014 beispielsweise wurde Springer für seine politische Kleinkunst von der SPD-nahen Georg-von-Vollmar-Akademie mit dem Waldemar-von-Knoeringen-Preis ausgezeichnet.

Auf der Bühne wedelt Springer zunächst ein wenig mit seinem Skript durch die Luft, gerade hat er eine Tasse Tee darüber verschüttet. "Na gut, dann halte ich es eben frei", sagt er und tut das dann auch. In waghalsigem Tempo bewegt der Kabarettist sich durch die Geschichte der Menschenrechte. Da Springer studierter Philologe des christlichen Orients ist, beginnt seine Erkundung im 5. Jahrhundert vor Christus bei den Persern und dem sogenannten Kourosh-Zylinder, auf dem die Würde des Menschen angeblich zum ersten Mal in Stein gemeißelt worden war. Gleichzeitig führten die Perser weiterhin Kriege und unterwarfen, folterten, töteten ihre Feinde.

Gebannt lauscht das Publikum seinen Ausführungen zur amerikanischen Unabhängigkeit, zu Thomas Jefferson, der französischen Revolution, der Emanzipation. Sogar die Kellnerinnen, die zuvor noch eifrig "Orientteller" serviert haben, sitzen im hinteren Teil des Alten Speichers auf Barhockern und hören zu, wie Springer gegen Germany's Next Top Model und Heidi Klums Angriff auf alles, wofür insbesondere Frauen in den vergangenen Jahrzehnten gekämpft haben, wettert.

Intuitive Lacher gibt es nicht nur an dieser Stelle, doch schnell werden die Mienen wieder ernst, manchmal auch betroffen. Denn vor allem als Springer von seinen sehr persönlichen Erfahrungen im Einsatz für Menschen auf der Flucht berichtet, wird klar: Menschenrechte werden verletzt. Ständig und überall. Auf hoher See ebenso wie in Deutschland. Das zu ändern erfordert Mut. Von der Politik, aber auch von jedem Einzelnen. Bevor Springer die Bühne verlässt und sich das Scheinwerferlicht wieder ins Gelbe verfärbt, wünscht er sich mehr Mut für mehr Menschlichkeit.