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Fridays for Future:Jetzt wird's konkret

Die jungen Demonstranten präsentieren einen Forderungskatalog an die Stadt Grafing

Fridays for Future Demo in Grafing, Start im Stadtpark, danach Zug durch die Stadt

Die Demonstranten haben diesmal konkrete Forderungen an die Stadt mitgebracht.

(Foto: Matthias Döring)

Mehr geworden sind die Protestierenden, die an diesem Freitag mit Trommeln und Trillerpfeifen durch Grafing gezogen sind, im Vergleich zur ersten "Fridays for Future"-Demo im Landkreis Anfang Mai zwar nicht. Dafür aber hatte die Menge, die sich diesmal im Stadtpark versammelte, noch mehr Ausdauer und ein konkretes Programm mitgebracht, das sie der Stadt verordnen würde.

Kurz nach 13 Uhr ist das Häufchen mitten in der Stadtparkwiese noch überschaubar. Ein paar Jungs verzehren, im Kreis am Boden sitzend, Pausenbrote. Ein paar jüngere Kinder und deren Eltern, einige Vertreter des Bunds Naturschutz, auch die ersten Plakate sind schon da, auf denen "Hände weg vom Forst" oder "Zukunft für Kinder, Enkel und Urenkel" gefordert wird. Langsam dann mischen sich immer mehr Schüler unter die Menge. Selbst vom Gymnasium herüber sind es ja ein paar Meter zu laufen, und in Grafing wird erst nach Schulschluss demonstriert. So vermeidet man lästige Diskussionen über Schulpflicht und Verweise. Wer hier mitläuft, tut das in seiner Freizeit.

So wie die zehnjährige Xenia und ihre Freundin Lucy, die extra aus Kirchseeon gekommen sind, um mitzumachen. Xenia hat ein selbst gemaltes Schild dabei, auf dem "Unter Bäumen träumen, um die Pflanzen tanzen" geschrieben steht. Ihr Bruder, erzählt sie, habe schon einige Male in München mitdemonstriert, jetzt sei sie froh, dass sie das auch einmal machen könne. Und warum sie das tut, weiß sie ganz genau: "Damit es weniger Atomkraftwerke gibt und mehr Bäume." Die 18-jährige Kira Mennerich, die eine Binde mit der Aufschrift "Ordner" um den Arm trägt, argumentiert etwas präziser. Wenn man bedenke, dass die drei weltweit wärmsten Jahre im Zeitraum der letzen fünf Jahre liegen, dann lasse sich die Veränderung des Klimas nicht mehr wegdiskutieren. Nur 0,7 Prozent aller wissenschaftlichen Veröffentlichungen der vergangenen Jahre leugneten noch den Klimawandel, sagt die Informatikstudentin und entkräftet eines der Argumente gegen die Schülerproteste gleich selbst: "Natürlich können wir keine Lösungen präsentieren, aber wir können Impulsgeber sein für die, die entscheiden können."

Fridays for Future Demo in Grafing, Start im Stadtpark, danach Zug durch die Stadt

Mit fantasievollen Sprüchen machen die Jugendlichen auf ihr Anliegen aufmerksam.

(Foto: Matthias Döring)

Tatsächlich sind die Grafinger Demonstranten vier Wochen nach der ersten Aktion über den Protest bereits ein Stück hinaus. 24 Seiten stark ist der Maßnahmenkatalog, der auf einem Tisch ausliegt. Nach der Demonstration Anfang Mai hatte Grafings grüne Bürgermeisterin Angelika Obermayr eine Gruppe der FFF-Aktivisten ins Rathaus eingeladen, um gemeinsam über jene Vorstellungen zu sprechen, die nun in gedruckter Form Bürgermeisterin und Stadtrat ausgehändigt werden sollen. Eine Forderung ist es, die Miriam Boehlke, Sprecherin und Hauptorganisatorin der Grafinger Demos ins Zentrum ihrer kurzen Ansprache rückt. Die 27-Jährige hat selbst in Grafing das Gymnasium besucht, ist jetzt Studentin nachhaltiger Unternehmensführung. Den Umweltnotstand in Grafing auszurufen müsse oberstes Gebot sein. Das bedeutet, dass jede künftige Entscheidung des Stadtrats unter einen Umweltvorbehalt gestellt wird. Den Druck der Straße nach oben weitergeben, dass sei auch so eine Aufgabe, welche die lokale Politik leisten müsse.

Ganz konkret haben die Aktivisten 32 Punkte aufgelistet, eingeteilt in die Themenkomplexe Verkehr, Energie und Gebäude, Flächennutzung und Bebauung, nachhaltige Wirtschaftsstrukturen, Müll und Verpackung, Gemeinschaft und Vernetzung sowie "Die Stadt Grafing als Institution". Unter anderem fordern sie eine Verkehrsberuhigung des Marktplatzes, öffentliche Fahrräder an den Bahnhöfen, einen öffentlichen Lastenrad-Verleih, eine "Zu-Fuß-zur-Schule"-Kampagne, eine klimaneutrale Energieversorgung von Neubauten, über welche die öffentliche Hand bestimmen kann, eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Bebauung; des Weiteren sollen Pausenverkäufe und Mensen verpackungsfrei, biologisch und regional gestaltet werden, ein lokaler Einkaufsguide publiziert und bereits jetzt - nicht erst wie EU-weit in zwei Jahren - auf Einwegplastik verzichtet werden.

Doch zunächst geht es erst mal um Aufmerksamkeit. Fünf Achtklässlerinnen entern den landwirtschaftlichen Anhänger, der als Bühne dient, und schwören die Menge auf Parolen ein, wie: "Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr unsre Umwelt klaut." Dann setzt sich der Zug in Bewegung, um, lautstark unterstützt von der Drumline des Grafinger Jugendorchesters, eineinhalb Stunden in einer großen Runde durch den Ort zu wandern. Dass dabei ein paar Autofahrer warten müssen, gehört zum Konzept - auch dass sie von den jungen Musikern rhythmisch und unüberhörbar zum Ausschalten ihrer Motoren aufgerufen werden. Beim Café am Marktplatz wird schnell eine Textzeile umgedichtet: "Leute lasst den Kaffee steh'n, wir woll'n Euch in der Demo seh'n." An Kreativität fehlt es den jungen Demonstranten jedenfalls schon mal nicht.