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Freude in Kirchseeon:Noch besser integriert

Die viele Arbeit hat sich gelohnt: Vor wenigen Wochen erst haben BBW-Geschäftsführer Bernd Zimmer und Ursula Spichtinger, die Leiterin des Bereichs Berufsvorbereitung und nun auch Autismus-Fachreferentin, die Nachricht von der Zertifizierung zum "autismusgerechten Berufsbildungswerk" erhalten.

(Foto: Christian Endt)

Das Berufsbildungswerk in Kirchseeon darf sich nun offiziell "autismusgerecht" nennen. Im Rahmen eines beinahe einjährigen Zertifizierungsprozesses haben einige Veränderungen stattfinden müssen

Von Johanna Feckl, Kirchseeon

Beinahe ein Jahr hat es gedauert, von den ersten Ideen über konkrete Umgestaltungsmaßnahmen im Frühjahr vergangenen Jahres bis hin zu diesem Tag im Februar 2021, an dem feststand: Das Berufsbildungswerk (BBW) der Stiftung St. Zeno in Kirchseeon erhält das Gütesiegel "autismusgerechtes Berufsbildungswerk" - rechtzeitig zum diesjährigen Welt-Autismus-Tag am 2. April. Damit ist das BBW in Kirchseeon nun eines von zwölf Berufsbildungswerken in ganz Deutschland, die dieses Siegel tragen.

Junge Menschen mit einem erhöhten Förderbedarf, beispielsweise aufgrund einer Lernbehinderung oder einer psychischen Beeinträchtigung, haben auf dem regulären Ausbildungsmarkt oft Schwierigkeiten, Anschluss zu finden. Berufsbildungswerke schaffen entsprechende Rahmenbedingungen, die ihnen dennoch eine Ausbildung ermöglichen. Finanziert werden diese von der Agentur für Arbeit, wenn zuvor ein medizinischer Dienst bestätigt hat, dass die Förderung durch ein BBW in diesem Fall passend ist. "Die Lebensläufe sind meistens nicht unbedingt von großen schulischen Erfolgen geprägt", erklärt Bernd Zimmer. Er ist der Geschäftsführer vom BBW in Kirchseeon. Aber: "Der Mut zum Lernen kann sich entwickeln." Dazu brauche es unterstützende Maßnahmen, die ein BBW liefern könne. Der Erfolg spricht für sich: 70 Prozent derjenigen, die in Kirchseeon ihre Ausbildung abschließen, schaffen es laut Zimmer, danach auf dem regulären Arbeitsmarkt einen Job zu finden. Angeboten werden 22 Ausbildungsberufe in sechs unterschiedlichen Sparten: Metall, Holz, Ernährung, Raumausstattung und Pflanzen.

Von den 120 Auszubildenden sowie Schülerinnen und Schülern der berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen in Kirchseeon sind neun von Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) betroffen. "Menschen mit ASS nehmen die Welt auf eine spezifische Weise wahr", erklärt Ursula Spichtinger. Sie leitet den Bereich Berufsvorbereitung in Kirchseeon und war zusammen mit Hubert Lohner, der vor seinem Ruhestand mehr als 35 Jahre im psychologischen Dienst des BBW gearbeitet hat, federführend für den Zertifizierungsprozess verantwortlich. "Die Besonderheiten können dabei aber ganz unterschiedlich ausgeprägt sein", so Spichtinger weiter. Typischerweise sind das Auffälligkeiten in der sozialen Kommunikation, beispielsweise fällt die richtige Interpretation von Mimik und Gestik extrem schwer, oder in der Verhaltensweise. So haben ASS-Betroffene oft feste Routinen, die sie wiederholen müssen. Außerdem sind sensorische Besonderheiten weit verbreitet, wie zum Beispiel ein gestörtes Empfinden von Wärme und Kälte. Oft kommen Schwierigkeiten in der räumlichen und zeitlichen Orientierung hinzu.

"Bis in die 1990er hinein haben Menschen mit Autismus als nicht ausbildbar gegolten", sagt Walter Krug. Er ist der Leiter des Berufsbildungswerks Abensberg in Niederbayern und stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Berufsbildungswerke (BAG BBW). In Kooperation mit dem Bundesverband "Autismus Deutschland" zur Förderung von Menschen mit Autismus hat Krugs Institution das Gütesiegel "autismusgerechtes Berufsbildungswerk" initiiert. Die Geburtsstunde dafür war im Jahr 2012, als der Autismus-Bundesverband an die BAG BBW herantrat - und zwar mit dem Wunsch, die Berufsbildungswerke besser auf die Bedürfnisse von Auszubildenden mit ASS auszurichten und diese Qualität zu sichern. So entstand das Gütesiegel mit einem Katalog aus 65 Kriterien samt Zertifizierungsprozess: Die BBWs müssen all diese Kriterien umsetzen und dies schriftlich dokumentieren sowie vorlegen. Bei einer Begehung prüfen dann zwei Fachpersonen - eine vom Autismus-Bundesverband und eine vom Fachausschuss Autismus der BAG BBW, dem auch Walter Krug angehört -, ob die Anforderungen an das Gütesiegel tatsächlich im erforderlichen Maße praktiziert werden.

"Der Prozess ist kein Selbstläufer", betont Krug. Bundesweit haben seit der Einführung des Zertifikats Ende 2019 bislang nur zwölf BBWs von 52 die Bescheinigung erhalten, sechs müssen einige Prozesse nachbessern, um das Gütesiegel zu bekommen. Neun weitere BBWs befinden sich aktuell in der Zertifizierungsschleife. Und: Einmal ausgestellt muss sich ein jedes nach drei Jahren einer erneuten Überprüfung stellen. "Das Zertifikat wird keinem BBW geschenkt, das müssen sie sich schon verdienen", so Krug weiter.

Das kann Ursula Spichtinger vom BBW in Kirchseeon nur bestätigen. Sie spricht von einem "sehr hohen Standard". Viele Prozesse mussten erst entwickelt und einige Umgestaltungen vorgenommen werden, um die Kriterien zu erfüllen. So mussten beispielsweise alle der etwa 140 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen eine autismusspezifische Fortbildung absolvieren, sie selbst hat 120 Fortbildungsstunden nachzuweisen, um als Fachreferentin Autismus fungieren zu dürfen. "Aber wir hatten auch vor der Zertifizierung schon etliche Maßnahmen geschaffen, wir blicken auf eine über 20-jährige Erfahrung mit ASS-Azubis zurück", so Spichtinger. Zum Beispiel wurden schon in den vergangenen Jahren bereits im Vorstellungsgespräch die individuellen Auffälligkeiten zum Thema gemacht. Während des Zertifizierungsprozesses neu geschaffen wurden aber unter anderem mehr Möglichkeiten, wie diese Besonderheiten kompensiert werden können. Ein Beispiel: Ein ASS-Betroffener ist besonders geräuschempfindlich; selbst wenn sich einige Meter entfernt zwei Kollegen unterhalten, fühlt er sich in seiner Arbeitsroutine extrem gestört, verliert die Konzentration und kann nicht weiterarbeiten. Bislang standen in solchen Fällen Kopfhörer parat, um dadurch Geräusche um abzuschirmen, außerdem konnte dem Azubi ein separierter Arbeitsplatz zugeteilt werden. Jetzt gibt es darüber hinaus zwei eigens für ASS-Azubis konzipierte Ruheräume, in die sich die Betroffenen zurück ziehen können, wenn sie eine Auszeit brauchen, wie Spichtinger erklärt.

Ebenso sind schriftliche Anweisungen für einzelne Arbeitsprozesse neu entstanden oder überarbeitet worden. "Die mündliche Sprache ist in vielen Fällen ein Problem, da kennen sich ASS-Betroffene oft gar nicht mehr aus", erklärt Spichtinger. "Es ist daher in der Regelbesser, ihnen zu zeigen, was sie machen sollen - und es ihnen nicht mündlich zu sagen." Wiederkehrende Aufgaben, die in der Verantwortung des oder der Auszubildenden liegen, sind nun in Arbeitsablaufplänen Schritt für Schritt schriftlich und fotografisch festgehalten - übrigens sind Maßnahmen wie diese auch für alle übrigen BBW-Azubis hilfreich.

Und wie beurteilen die neun betroffenen Kirchseeoner Azubis die Veränderungen im BBW Kirchseeon? Einer von ihnen ist der 19-jährige Tobias aus Moosburg im Landkreis Freising; seinen Nachnamen möchte er lieber nicht in der Zeitung lesen. Das Gespräch mit ihm findet schriftlich statt, weil das für ihn "besser und einfach" ist, wie er schreibt. Es ist auszubildender Gartenbaufachwerker im dritten Lehrjahr. Für ihn ist es wichtig, dass "alles ordentlich und an richtiger Stelle ist", Menschenansammlungen meidet er - zu viel Trubel. Am besten findet er die neue Beschilderung und die noch bessere Ordnung, die dadurch entstanden ist. So hat beispielsweise jede der Werkstätten nun eine eigene Farbe, bei den Raumausstattern etwa ist alles in Dunkelrot gehalten. Es scheint also, als ob die Maßnahmen ihren Zweck voll und ganz erfüllen: ASS-Betroffene finden sich besser zurecht. Eigentlich kein Wunder, denn Tobias und seine Mit-Azubis konnten während des Zertifizierungsprozesses immer wieder Tipps geben. So geht Integration.

© SZ vom 01.04.2021
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