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Filmdreh in Frauenneuharting:Plastikwurst aus Waldkreitling

Für eine neue Folge des "Polizeiruf 110" bekommt Frauenneuharting einen anderen Namen und wieder einen Supermarkt. Worum es beim Dreh im Dorf allerdings geht, bleibt geheim - und der Hauptdarsteller fern.

Binnen weniger Stunden hat das Filmteam die Zeit zurückgedreht, auf schwarz-rot-gelben Plakaten in der Dorfmitte Frauenneuhartings wird das Viertelfinalspiel Deutschland-Argentinien der Fußballweltmeisterschaft 2006 angekündigt. Fähnchen in den Nationalfarben flattern als Girlanden gespannt im Wind, eine große Leinwand ist auf dem Dorfplatz aufgestellt, davor zahlreiche Biergarnituren.

Für die Dreharbeiten wird die Theke, die in den vergangenen Monaten leer geblieben ist, wieder aufgefüllt - mit Plastikprodukten.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Und überall sitzen und laufen Menschen rum, die entweder schwarz-rot-gelb angemalt sind, Fußballtrikots tragen oder sonstige Fanartikel. Jugendliche sitzen vor dem Elektrofachgeschäft in der Sonne und warten. Warten, bis wieder eine Szene für den "Polizeiruf 110" gedreht wird.

Es wird viel gewartet, bis gedreht wird. Manchen Müttern, die mit ihren Kindern gekommen sind ("weil sie unbedingt wollten") ist die Warterei bald zu dumm. Sie wollen oder müssen wieder heim - die Kinder wollen bleiben. Also bleibt man noch kurz sitzen, beobachtet die vielen Filmleute, die in der Regel Funkgeräte bei sich tragen, und schräg über die Straße den Edeka-Markt. Dort, so heißt es, wird zuerst gedreht.

Regisseur Marco Kreuzpaintner wohnt im nahen Ramerberg

Die vergangenen Monate stand das Geschäft leer, jetzt ist die Theke wieder gefüllt - mit Plastikwurst, Plastikbrot, Plastikfleisch. Sogar die belegte Wurstsemmel ist aus Plastik. Der komplette Laden ist bis ins letzte Eck eingerichtet - Cornflakes, Dosenobst, Schulhefte. Bei den Menschen, die am Ort wohnen, und die hier einst eingekauft haben, löst der Anblick ungekannte Gefühle aus. "Da wo jetzt die Zeitschriften stehen, stand früher die Gefriertruhe", sagt eine frühere Stammkundin voller Sehnsucht im Blick.

Auf dem Dorfplatz gibt es Public Viewing. Nicht nur für die Statisten - das halbe Dorf ist unterwegs, um bei den Dreharbeiten zuzuschauen.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

An der Stelle des Gewürzregals stehen ordentlich sortiert Zigarettenpäckchen. Regisseur Marco Kreuzpaintner weiß das alles. Der 38-Jährige, der vor allem für seine Spielfilme bekannt ist (unter anderem "Krabat", "Die Wolke"), wohnt nur wenige Autominuten vom Drehort entfernt in Ramerberg. Der kleine Laden an der Ecke, die Menschen aus dem Dorf, viele sind ihm bekannt. Kreuzpaintner trägt ein Podolski-Trikot, er grüßt und umarmt hier und dort. Wäre er nicht der Regisseur und damit der Chef am Set, man würde ihn glatt für einen der Komparsen halten.

Dann aber schreit er "Ruhe bitte" - und wieder warten alle: Im Laden selbst laufen erst die Probetakes, dann die echte Szene. Schauspielerin Agathe Taffertshofer steht im Kittel hinter dem Tresen. Die schwarz gelockte Frau unterrichtet am Konservatorium der Stadt Wien Schauspielerei, heute ist sie für ein paar kürzere Szenen bis nach Frauenneuharting gereist, "so ist der Job", sagt sie und lächelt. Seit mehr als 30 Jahren schlüpft sie in verschiedene Rollen, Verkäuferin war sie noch nie, sagt sie. "Das ist ja das Schöne, dass man immer wieder jemand anderes sein kann."

Michael und ein paar seiner Freunde haben vor der Ladentür spontan einen Komparsen-Job ergattert. Der Jugendliche, der nur eine Straße weiter wohnt, ist ganz aufgeregt. "Wir müssen hier stehen, ein Bier halten, das uns weggenommen wird und dann verdutzt schauen", fasst er seinen Auftrag zusammen. Außenrum um die Gruppe der verdutzt Schauenden: Technik. Scheinwerfer, Kabel, metallene Ständer für irgendwas, riesige Reflektoren wie eine Markise gespannt. Als jemand, der nur das fertige viereckige Fernsehbild kennt, scheint es fast unmöglich, all dieses Equipment nicht im Bild zu haben.

Auf der Public-Viewing-Wiese glotzt Günter Netzer von der Leinwand

Überhaupt wirkt manches surreal. Menschen und Dinge werden über ein Funkgerät bestellt und fahren dann prompt ein paar Minuten später in einem schwarzen Kleinbus vor. Auch ungewohnt: Feinstes Mittagessen vom Caterer an Biertischen in einer Maschinenhalle, von der gerade einmal die Mauern stehen.

Drüben auf der Public-Viewing-Wiese glotzt immer noch Günter Netzer von der Leinwand. Die Mütter fragen sich gerade, ob womöglich auch Großaufnahmen gemacht werden. "Nur so Schwenks", beruhigt man sich gegenseitig. Über Zettel in den Postkästen wurden die Anlieger informiert und eingeladen - und damit das ganze Dorf.

Worum es in der Polizeiruf-Folge, die im Herbst ausgestrahlt werden soll, gehen wird, wer wen warum ermordet, wird nicht verraten. Nur soviel: Im Film wird ihr hübscher Ort übrigens Waldkreitling heißen. Wie sie das finden? Allgemeines Naserümpfen. Apropos Naserümpfen. Münchens Polizeiruf-Kommissar Hanns von Meuffels alias Matthias Brandt, der erst am Tag zuvor im Sonntagabendkrimi einen Fall löste, war nirgends zu sehen.

Den österreichischen Schauspieler Karl Markovics sah man ein paar Mal, doch wo war von Meuffels? Sollte man auch diese Frage aussitzen müssen? Nun, "er ist nicht da", sagt die Junior Producerin. "Seine Szenen stehen erst für morgen auf dem Plan."