Süddeutsche Zeitung

Vaterstetten:"Die Qualität hat unter Corona nicht gelitten"

Der Fotoclub der VHS Vaterstetten lässt seine Jahresausstellung nicht ausfallen, sondern zeigt sie sowohl im Rathaus als auch online.

Von Anja Blum, Vaterstetten

Die Realität zu veredeln durch ihre Kunst, das haben sich die Mitglieder des Fotoclubs Vaterstetten schon lange auf die Fahne geschrieben. Heuer aber waren der besondere Blick auf Alltägliches und außergewöhnliche Ideen umso mehr gefragt, da es die Pandemie schier unmöglich machte, in den entlegensten Winkeln der Welt nach besonderen Motiven zu fahnden.

Trotzdem ist es dem Fotoclub gelungen, eine äußerst sehenswerte Jahresausstellung auf die Beine zu stellen - mit vielen Arbeiten, die zuhause oder in der näheren Umgebung entstanden sind. "Die Qualität hat unter Corona nicht gelitten", sagt auch Josef Pfiffer, der Vorsitzende des Clubs, nicht ohne Stolz. Wohl auch deswegen scheute man keine Mühen, die Schau der Öffentlichkeit trotz des Teil-Lockdowns zugänglich zu machen: Sie kann nun sowohl im Zornedinger Rathaus als auch im Internet bewundert werden.

Sehr gerne hätte der Fotoclub der Volkshochschule Vaterstetten seine Gäste wieder persönlich zur Jahresausstellung im Rathaus Zorneding begrüßt - im vergangenen Jahr waren der Einladung zur Vernissage weit mehr als 200 Besucher gefolgt. Doch gerade wegen dieser Beliebtheit wäre eine solche Veranstaltung im Moment freilich nicht zu verantworten. Daher wird auf eine Vernissage diesmal verzichtet, auch die Multimediashow kann nicht in der gewohnten Weise stattfinden. Gänzlich ausfallen sollte die Ausstellung dennoch nicht, weswegen der Club nun mit einer zusätzlichen Online-Galerie ganz neue Wege eingeschlagen hat. "Auch wenn es diesmal keinen regen Austausch am Eröffnungsabend geben kann, freuen wir uns über jeden Besucher - sei es real oder virtuell", so Holger Oesterling von der VHS.

Aus deren Bildungszentrum musste der Fotoclub übrigens wegen der Corona-Auflagen ausziehen, die Clubabende finden nun in einem größeren Raum im Bürgerhaus in Neukeferloh statt. "Auch für uns intern ist die direkte Kommunikation sehr wichtig, Vorträge, Austausch, positive Bildkritik: nur so lernt man was", erklärt Vereinschef Pfiffer. Außerdem werde man im kommenden Jahr zehnjähriges Bestehen feiern - und habe daher viel vor. Geplant sei eine Sonderausstellung zum Thema "Münchner Brunnen" und natürlich eine "tolle Jubiläumsschau".

Wie in den Vorjahren hat der Fotoclub auch diesmal auf ein Thema für die Jahresausstellung verzichtet - zu vielfältig sind die Interessen und Vorlieben der rund 30 Mitglieder. Das spiegelt sich denn auch in den Motiven der 44 großformatigen Bilder wider, die im Rathaus und im Internet zu sehen sind. Hier bespielen die Clubmitglieder die gesamte Klaviatur der modernen Fotografie, vom besonderen Ausschnitt über Makrooptik, Spiegelung und Inszenierung bis hin zur Nachbearbeitung am PC. So entstehen Effekte, die Wirkung zeigen - und am heimischen Bildschirm in aller Schärfe und Ruhe genossen werden können. Die Ausstellung im Rathaus jedoch hat den Vorteil, dass sich aus der Gesamtschau der Hängung zahlreiche reizvolle Bezüge und Wechselspiele ergeben.

Stark vertreten sind wie so oft Motive aus Flora und Fauna. An die zauberhafte Fragilität von Blüten etwa zoomen Sabine Hecker, Petra Kreis und Waltraud Plutta gekonnt heran, Wolfgang Schneidt lässt einen zarten Flugsamen am seidenen Faden hängen - eine minimalistische, starke Arbeit. Frank Brasch kombiniert die schönen grünen Smaragdkäfer mit kleinen weißen Blüten, wohingegen Hilde Jüngst und Ulrich Steger Wasservögel beobachtet haben. Gerhard Brüningk beschert dem Leopard ein Solo, Axel Steiger lässt diese Ehre dem Grashüpfer zuteil werden.

Bei den Landschaften dominieren nun tatsächlich, bis auf wenige Ausnahmen, die heimischen Gefilde. Ein sehr malerisches Bild vom "Vaterstettener See", samt Kirchturm, Himmelszauber und Spiegelung, hat Thilo Bauer beigesteuert, Holger Oesterling porträtiert die Vaterstettener Straße als graues Sonnenblumenfeld, aus dem nur eine einzige gelbe Blüte und ein paar rosafarbene Blüten herausstechen. Wolfgang Klinger hat dem schönen Staffelsee einen Besuch abgestattet, Karl Schmidl zeigt Birken in Reih und Glied, und Bernhard Leutner eine alte, verschlungene Allee namens "Stoandlweg". Dass der Mensch seiner Umwelt indes sehr oft auch schadet, daran erinnert Oesterling mit einem Bild vom Kernkraftwerk Isar samt dampfendem Schlot.

Thematisch sehr unterschiedlich kommt in dieser Schau die Architekturfotografie daher. Sie reicht von den bunten Glasfenstern einer Kirche in Mittenberg (Wolfgang Klinger) über die Spitze des Tempodroms in Berlin (Thomas Ulrich) und geschickt verfremdeten U-Bahn-Stationen (Irmgard Wurdack) bis hin zu Pfahlbauten in Schwarzweiß (Bettina Obert). Hinzu kommen ein paar urbane Szenen, auf der Straße oder in der Fußgängerzone. Josef Pfiffer etwa hat vor der Heiliggeistkirche in München einen Bettler fotografiert, der sonst von kaum jemanden beachtet worden sei.

Viele Überraschungen halten auch jene Aufnahmen bereit, die man als grafische Stillleben bezeichnen könnte. Da kann der Betrachter spannende Felsformationen bestaunen, die Petra Kreis und Christian Kettler entdeckt haben, oder das Mahnmal in Berlin, in einem Ausschnitt zum Wesentliche verdichtet von Sabine Hecker, oder einen modernen Jeus am Kreuz vor einem Gitter aus Holz, dem Helmut Lehner begegnet ist. Eva Rathmacher hingegen zeigt eine Reihe zermürbter Holzpflöcke, die dem Meer offenbar seit langem Widerstand leisten, und Eleisa Caro hat in Nizza ein "Klappstuhlensemble" entdeckt. Dass aber auch eine simple Orangenscheibe zum Motiv taugt, wenn man sie nur entsprechend in Szene setzt, beweist Axel Steiger. Ja, zumindest der Fotokunst kann Corona offenbar kaum etwas anhaben, das zeigt diese Ausstellung. Wie schön!

Jahresausstellung des Fotoclubs der VHS Vaterstetten: zu sehen nach Terminvereinbarung im Rathaus Zorneding oder online über die Homepage www.vhs-vaterstetten.de.

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Quelle:
SZ vom 30.11.2020/koei
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