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Forstwirtschaft und Ökologie:Pro Tannenbaum

Trotz aller Bemühungen um den Waldumbau ist die Fichte in den Ebersberger Forsten immer noch der häufigste Baum. Künftig soll ihr Anteil aber zurückgehen, vor allem den Tannen könnte die Zukunft gehören.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die Waldbesitzer-Vereinigung macht Werbung für mehr Mischwald und weniger Fichte im Landkreis Ebersberg. Kurzfristig ist das zwar aufwendig und kostet Geld - auf Dauer hat es jedoch Vorteile für Natur, Tier und Mensch

Der Jüngste in der Runde hat sich Notizen gemacht. "Mischbestände aus Fichten und Tannen sind die vorratsstärksten Wälder in Europa", das hat der 20-jährige Peter Wolpertinger im Smartphone vermerkt. "Die Fichte steht bei uns oft in Reinkultur", sagt der Moosacher, er und sein Vater haben dort ein Waldstück, wo die Fichte stark dominiert, so wie bei vielen, die hier an den Tischen saßen. Mehr Tanne, weniger Fichte also, das war die Botschaft. Damit das Verhältnis in den Wäldern im Landkreis Ebersberg irgendwann einmal wieder stimmt.

Es ist ja kein Geheimnis, dass die Tanne mehr Tiefgang als die Fichte hat, weil ihre Wurzeln viel weiter ins Erdreich hineinwachsen und sich dort festkrallen. Während Fichten bei gröberen Stürmen leicht aus dem Boden gerissen werden, bleibt die Tanne standhaft. Und doch hat die Fichte der Tanne über die Jahrhunderte den Rang abgelaufen. Im Landkreis Ebersberg mit seinem riesigen Forst sieht man das besonders gut. Weniger als drei Prozent der Bäume sind derzeit Tannen, ganze zwei Drittel der Waldfläche im Forst ist mit Fichten bewachsen. Seit der letzten Erhebung des Ebersberger Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten vor knapp drei Jahren dürfte sich hier nicht viel getan haben.

Hier setzt die Vereinigung der Waldbesitzer Ebersberg/München Ost (WBV) zusammen mit dem Forstrevier Niederseeon an. Vor 30 Waldbesitzern im Gasthaus Neuwirt in Moosach machte WBV-Geschäftsführer Michael Kammermeier am Dienstagnachmittag Werbung für mehr Mischwald und mehr Tannenbäume im Ebersberger Forst. "Die Tanne ist sehr verjüngungsstark", sagte er. Verjüngen bedeutet, dass in einem Wald neue Bäume wachsen indem sie sich entweder durch die fallende Frucht selbst reproduzieren. Oder wenn Waldbesitzer nachhelfen und gezielt Bäume anpflanzen. Letzteres sei zwar aufwendig und koste Geld, sagte Kirsten Joas, Revierleiterin in Niederseeon. Auf lange Sicht zahlen sich die Mühen aber aus.

Dass der Ebersberger Forst und alle anderen großen Wälder in Bayern so stark von der Fichte dominiert sind, liegt an klimatischen und politischen Entwicklungen. Der erste große Einschnitt kam Anfang des 19. Jahrhundert mit einer Insektenplage, damals wurden große Teile im Forst kahl gefressen. Dazu kamen die Reparationen, die Deutschland nach beiden Weltkriegen jeweils an die Siegermächte zahlen mussten, auch dafür wurden im Ebersberger Forst großflächig Bäume gefällt. Nachgepflanzt wurde dann fast ausschließlich die Fichte. Die gängige Überzeugung damals: Fichtenholz ist robuster gegen Frost als Tannen und formstabiler als die Buche - eignet sich also besser als jeder andere heimische Baum für Bretter und Balken zum Bauen.

Bis ins 21. Jahrhundert hinein ist die Fichte bei Bauern und Waldbesitzern beliebt geblieben, offenbarte aber immer wieder Schwächen - gerade wenn sich ihre Bestände monokulturartig in den Wäldern ausbreiten. Bei Stürmen wie Orkan Kyrill (2007) oder zuletzt Niklas (2015) knickten die Fichten wie Streichhölzer zusammen. Werner Fauth, Waldbesitzer in Aying und erster Vorsitzender des WBV erklärte, dass "die Tanne eine interessante Alternative ist". Aber nur, "wenn sie in einem feuchten Gebiet steht." Eine junge Tanne, die schutzlos in der Sonne steht, treibt früher aus als an einem schattigen Ort. Wenn dann Ende April oder Anfang Mai der Spätfrost kommt, sind die Knospen zerstört und der Baum kaputt. Der Unterschied zu früher: Heute wissen die Bauern das.

Schwere Stürme dürften mit der Klimaerwärmung zunehmen, auch in Oberbayern, auch im Landkreis Ebersberg. Und dennoch läuft die Fichte im Forst anderen Nadelbäumen nach wie vor den Rang ab. 65,5 Prozent ist die Fichtenquote im Forst, die vom WBV hochgelobte und deutlich bodenständigere Tanne liegt nur bei 2,7. Warum ist das immer noch so? Ein Grund dürfte die Scheu vor dem großen Aufwand und den Kosten sein. Schließlich müssten die Waldbesitzer ihre Fichtenwälder großflächig durchforsten und eigenhändig neu bepflanzen - etwa mit Tannen und Douglasien. Dass man für Tannenholz auf dem freien Markt etwas weniger bezahlt bekommt als für Fichtenholz, dürfte nur ein Nebenaspekt sein. Ein Festmeter Fichte - ein gutes Holz für Bretter und Balken zum Hausbau - kostet derzeit 90 Euro und damit nur knapp zehn Prozent mehr als die gleiche Menge Tannenbaum. Der enthält mehr Wasser, was das Trocknen langwieriger, den Transport teurer macht - und damit den Preis niedriger.

Was bleibt, ist der Appetit der einheimischen Rehe, denen junge Tannen besonders gut schmecken. Dank der fleißigen Jäger ist der Wildverbiss jedoch stark zurückgegangen, im Landkreis Ebersberg in knapp 30 Jahren um fast zwei Drittel. Auch das komme den jungen Tannen zugute, hieß es bei der Veranstaltung im Moosacher Neuwirt. Der Jüngste an den Tischen hat es notiert. Die Mischung machts. Man musste nicht Wolpertinger heißen, um diese Botschaft verstanden zu haben.