Wirtschaft im Landkreis Ebersberg:Der Mangel wird zum Alltag

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Der IHK-Regionalausschuss tagte diesmal in einer Lagerhalle der LUTV-GmbH in Forstinning. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Der IHK-Regionalausschuss widmet sich den grundlegenden Problemen der Zukunft. Und von denen gibt es leider reichlich, wie sich nun bei der jüngsten Zusammenkunft des Gremiums in Forstinning zeigt.

Von Merlin Wassermann, Forstinning

Josef Ihm ist es gewohnt, Veranstaltungen zu organisieren. Er ist der Geschäftsführer der LUTV Rackl GmbH in Forstinning, die Veranstaltungstechnik für Konzerte, Messen oder Kongresse bereitstellt - auch mal in Lissabon oder Sardinien, wie er berichtet. An diesem Montag ist die Bühne jedoch ganz nah. Der Regionalausschuss der Industrie- und Handelskammer (IHK) tagt in seiner Lagerhalle und Ihm hat sich nicht lumpen lassen: zwei große Bildschirme für die Präsentationen stehen zur Verfügung, ebenso ein Mischpult und an der Decke montierte Scheinwerfer, die ihr Licht auf die Vortragenden werfen.

Diese wiederum werfen Licht auf verschiedene Themen, von denen zwei besonders hervorstechen und den Landkreis Ebersberg wohl noch über Jahre und Jahrzehnte beschäftigen werden: Wohnraum, Mobilität und die Sorgen der Unternehmer. Brigitte Keller vom Landratsamt Ebersberg berichtet über ersteren. Die Quintessenz: "Es wird zu wenig gebaut und was gebaut wird, ist zu teuer."

Vor dem Beginn der eigentlichen Sitzung führte Geschäftsführer Maximilian Ihm (links im Bild) die Mitglieder des IHK-Ausschusses durch seine Firma. Hier erklärt er ein kabelloses Mikrofon. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Das Bevölkerungswachstum des Landkreises, führt Keller zu Beginn ihres Vortrags aus, sei überdurchschnittlich stark, insbesondere aufgrund arbeitsplatzbedingter Zuzüge. Eine Umkehrung dieses Trends sei nicht absehbar. Die Wohnbauquote hingegen wächst längst nicht in dem Umfang, um dem Zuzug standzuhalten. Sie gibt an, wie viele Wohnungen in einem Jahr pro 10 000 Einwohner fertiggestellt werden. In Ebersberg lag die Quote im Jahr 2014 bei 42. Bis zum Jahr 2021 war sie nur geringfügig gewachsen, auf 46,57. "Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein", kommentiert Keller diese Zahlen.

Die Baukosten der Wohnbaugesellschaft haben sich innerhalb von vier Jahren fast verdoppelt

Um die Quote zumindest ein bisschen zu verbessern, hat der Landkreis Ebersberg vor einigen Jahren - obwohl nicht originär für Wohnraum zuständig - die Wohnbaugesellschaft Ebersberg GKU (WBE) gegründet. Wie Brigitte Keller den IHK-Mitgliedern erklärt, ist diese getragen durch den Landkreis sowie die Gemeinden Grafing, Moosach und Anzing. Jede Gemeinde kann Mitglied werden, wenn sie ein Grundstück als Eigenanteil einbringt.

Das kann sich insbesondere für kleinere Gemeinden, die keinen eigenen Bauhof haben, lohnen. "Für manche Bauvorhaben kriegen wir bis zu 60 Prozent Zuschüsse vom Freistaat", erklärt Keller, die einer der beiden ehrenamtlichen Vorstände der WBE ist. Der Rest des Betrags wird als Darlehen aufgenommen und über die - sehr günstigen - Mieten abbezahlt.

Brigitte Keller vom Landratsamt bei ihrem Referat über die Wohnungssituation im Landkreis. Ziel der Politik müsse es sein, mehr kommunalen Wohnraum zu schaffen. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Ein weiterer Vorteil für die Gemeinden: Sie dürfen entscheiden, wer schließlich in die Wohnungen einzieht. So könne gezielt Wohnraum für Fachkräfte wie etwa Pflegepersonal geschaffen werden. Oft könnten sich Fachkräfte in Berufen mit niedrigem oder auch mittlerem Einkommen regulären Wohnraum nicht mehr leisten. Auch bei der WBE spüre man die steigenden Kosten, so Keller. Zahlte sie 2017 für ein Objekt in Grafing beim Bau noch etwa 2300 Euro pro Quadratmeter, lagen die Kosten 2022 für neue Wohnungen in der Nähe der Kreisklinik mit 4400 Euro pro Quadratmeter fast doppelt so hoch.

Dennoch - oder gerade deshalb - habe man bei der WBE die Vision, dass alle Gemeinden des Landkreises Mitglied werden, um mehr Wohnraum in kommunaler Hand zu schaffen. Vorbild sei hier die Stadt Wien, die circa ein Viertel des Wohnraums in ihrem Besitz hat. Zudem könnten in Zukunft mehr "urbane Gebiete" - also Gebiete, die sowohl für Wohnen, als auch für Gewerbe genutzt werden können - im Landkreis erschlossen werden.

Landrat Robert Niedergesäß will mehr Tempo bei der Mobilitätswende. Er fordert, ÖPNV und Auto nicht gegeneinander auszuspielen. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Noch seien jedoch viele Fachkräfte gezwungen, weiter weg zu ziehen. Das Pendeln wiederum belaste die Verkehrsinfrastruktur, womit man beim zweiten großen Thema des Treffen angekommen ist, bei der Zukunft der Mobilität im Landkreis. Annette Hilpert von der IHK und Landrat Robert Niedergesäß (CSU) stellen zunächst die im September gegründete Allianz "Mobiles Zentrum München" (MZM) vor. Akteure aus Politik und Wirtschaft - etwa der MVV, die Deutsche Bahn, BMW und Siemens - kommen dort zusammen, um über die Zukunft der Mobilität zu diskutieren und konkrete Projekte zu entwickeln. Der Landkreis, der Teil des MZM ist, beherbergt bereits ein Pilotprojekt, das Park&Ride-Konzept in Grafing. Weitere Projekte sind geplant.

Landrat Niedergesäß freut sich, dass für diese Mobilitäts-Allianz die Wirtschaft mit ins Boot geholt wurde, sie habe in anderen Initiativen gefehlt. Auch finde er es wichtig, schnell an konkreten Projekten zu arbeiten. Die Probleme seien hinreichend bekannt, "wir müssen jetzt an die Umsetzung kommen".

IHK-Umfrage: Der Fachkräftemangel ist die größte Sorge der Unternehmer

Zum Abschluss des Treffens gibt es Neuigkeiten aus der IHK. Zum einen stellen Elke Christian und ihr Kollege Jochen Wiegmann die Ergebnisse der jüngsten Konjunkturumfrage vor. Bei dieser habe sich einiges getan: Im Herbst vergangenen Jahres sei ein "Allzeittief" gemessen worden, seit 1993, dem Beginn der Umfrage, war die Sicht der befragten Unternehmer nicht derart pessimistisch gewesen. "Angst vor steigenden Energiepreisen und einem Corona-Winter sowie Lieferprobleme aus China waren hierbei die ausschlaggebenden Faktoren", erläutert Wiegmann. Im Frühjahr habe sich jedoch herausgestellt: Alles nicht so schlimm.

Obwohl die Stimmung nun mittlerweile fast wieder im neutralen Bereich sei, warnt Wiegmann: "Viele Unternehmer gehen davon aus: Die nächsten Jahre werden sehr holprig." Nicht zuletzt aufgrund eines Problems, das über der Veranstaltung schwebt wie die an der Decke montierten Scheinwerfer: der Fachkräftemangel. Laut IHK-Umfrage bereitet dieser - zusammen mit den Energiepreisen - das größte Kopfzerbrechen.

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