Süddeutsche Zeitung

Flüchtlingssituation in Forstinning:Keine Gerüchte

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Die Regierung von Oberbayern steht in Verhandlungen, um in einem Appartementhaus im Forstinninger Gewerbegebiet Ost Flüchtlinge unterzubringen. Maximal 100 Personen könnten laut Bürgermeister Rupert Ostermair dort untergebracht werden.

Von Alexandra Leuthner, Forstinning

Eines war spürbar an diesem Donnerstagabend im Rupert Mayer Haus in Forstinning: Markt Schwaben, die große Nachbargemeinde jenseits der A94, war als unsichtbarer Teilnehmer gewissermaßen mit im Raum. Zumindest hatten die dortigen Geschehnisse um eine mögliche Unterbringung von 120 Flüchtlingen auf dem ehemaligen Atron-Gelände, die zu massiven Bürgerprotesten, der Gründung einer Bürgerinitiative und letztlich auch zum Rücktritt des Markt Schwabener Bürgermeisters Michael Stolze geführt hatten, ihre Schatten bis nach Forstinning geworfen. Ähnliches will man dort auf jeden Fall vermeiden, und so hatte die Gemeinde zu einer Veranstaltung eingeladen, um über die aktuelle Flüchtlingssituation zu informieren - frühzeitig, wie Bürgermeister Rupert Ostermair (CSU) und die Sprecher des Forstinninger Helferkreises betonten. Man wolle auf gar keinen Fall irgendwelche Gerüchte verbreiten, letztlich nur darauf hinweisen, "dass da etwas kommen könnte".

Welche oder wie viele Geflüchtete vielleicht demnächst mit einem Bus vom Landratsamt in die knapp 3500-Seelen-Gemeinde am Nordrand des Ebersberger Forstes geschickt werden könnten, ist also noch weitgehend unklar. Dass es aber ein Gebäude gibt, das in den Fokus der Regierung von Oberbayern und des Landratsamts gerückt ist, steht fest: Es geht um ein Appartementhaus des Unternehmens "Creativ Wohnen auf Zeit" im Forstinninger Gewerbegebiet Ost, das bisher der Unterbringung von Handwerkern diente. "Mein Stand von heute 18 Uhr ist, dass die Regierung verhandelt und das Landratsamt der Mieter werden soll", erklärte Ostermair. "Wir können aber nicht sagen, wie das zustande gekommen ist."

Zwischen 40 und 100 Menschen könnten in dem Haus eventuell unterkommen, wenn man die gesetzliche Berechnung von sieben Quadratmeter pro Person zugrunde lege, so Ostermair. Allerdings müsse zunächst eine baurechtliche Nutzungsänderung vorgenommen werden. Ein Vorgang, bei dem die Gemeinde nicht viel mitzureden habe, das machte er auf eine Nachfrage klar. "Wir sind als Gemeinde nur ein kleines Rädchen in dem Prozess."

Letztendlich habe das Rathaus in Forstinning weder Einfluss auf die Menge der Zugewiesenen noch auf deren Zusammensetzung, erläuterte der Bürgermeister den Zuhörern. Die etwa 80 bereitgestellten Stühle waren ausnahmslos besetzt. Dass das Thema die Gemeinde bewegt, war deutlich, aufgebracht schienen jedoch nur wenige zu sein, besorgte Wortmeldungen gab es dennoch.

"Was kann der Bürger machen, wenn er das nicht will?", fragte ein Forstinninger, der zugleich die Besorgnis äußerte, dass ja noch weitere Hotels und Pensionen im Ort Interesse an einer Vermietung ans Landratsamt zur Unterbringung von Geflüchteten bekommen könnten. Aber, wenn man so viele Menschen zusammen unterbringe, fördere das nicht gerade die Integration. Eine Zuhörerin pflichtete ihm bei. An wen sich denn die Bürger wenden könnten, wenn sie sich bedroht fühlten, und ob die Gemeinde die öffentliche Sicherheit gewährleisten könne. Ein anderer formulierte seine Sorge, dass das frei werdende Gamperlhaus in der Ortsmitte, in dem jetzt ukrainische Geflüchtete wohnen, einfach mit weiteren Neuankömmlingen aufgefüllt werden könnte, wenn die Ukrainer ins Gewerbegebiet verlegt würden. Eine Annahme, der Bürgermeister Ostermair prompt widersprach: "Der Stand jetzt ist, dass das Landratsamt nur noch eine Unterkunft haben will."

Aber warum überhaupt kein Vertreter des Landratsamts nach Forstinning gekommen sei, um Rede und Antwort zu stehen, im Gegensatz zu Markt Schwaben, wollte ein anderer wissen. Da war es wieder, das Gespenst Markt Schwaben. Und so wurde allen Appellen seitens Gemeinde und Helferkreis zum Trotz dann doch die Überlegung geäußert, ob es nicht sinnvoll sei, eine Bürgerinitiative wie in der Nachbargemeinde zu gründen und etwa eine Maximalbelegung in der neuen Unterkunft abzulehnen. Schließlich sei man gemeinsam stärker, könne eher erreichen, Auskünfte zu bekommen, als wenn man einzeln auftrete, sagte die Dame, die zuvor um die öffentliche Sicherheit gefürchtet hatte.

"Da kommen ja nicht nur schlimme Leute", sagte ein Mitglied aus dem Helferkreis

Dass sie von derartigen Ideen gar nichts halten, machten Bürgermeister und Helferkreis allerdings sehr deutlich. Er könne alle Ängste und Besorgnisse in der Bevölkerung gut verstehen, sagte Helferkreissprecher Toni Beer, aber letztlich könne man an der politischen Situation auf Gemeindeebene eh nichts ändern. Es gebe immer nur dann Schwierigkeiten, wenn die Integration nicht gelinge. Und genau das müsse versucht werden.

Während sich der Helferkreis mit all seiner seit 2015 gesammelten Erfahrung um die administrativen Probleme kümmern werde, könnten andere Forstinninger Bürger dem Beispiel einer Familie folgen, die vor Jahren einen jungen Afghanen bei sich aufgenommen hatte, Patenschaften übernehmen, sich um "das Menschliche" kümmern. "Wir nennen ihn heute immer noch unseren Freund", hatte die Helferin über den Afghanen gesagt, auch wenn er längst ausgezogen sei. "Da kommen ja nicht nur schlimme Leute", sagte ein anderer.

"Überlegen Sie sich, vielleicht eine Patenschaft zu übernehmen", appellierte Beer schließlich noch einmal eindringlich an seine Mitbürger, "vielleicht für eine alleinerziehende Mutter oder einen unbegleiteten Minderjährigen!" Und so hatte der Helferkreis bis zum Ende des Abends immerhin schon drei neue Mitglieder gefunden, wie Beer am Tag danach auf Nachfrage berichtet.

Wer zukünftig in der Flüchtlingsbetreuung mithelfen will, kann sich an die Gemeinde oder unter toni.beer@t-online.de direkt an den Helferkreis wenden.

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