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Forstinning:Der Traum von der Hanfplantage ist verraucht

Cannabis

Auch zu medizinischen Zwecken darf in Forstinning vorerst kein Hanf angepflanzt werden.

(Foto: dpa)

Warum der Landtag die Pläne für ein Cannabis-Therapiezentrum im Landkreis Ebersberg gestoppt hat.

Von Korbinian Eisenberger, Forstinning

Dass Deutschlands erste Großplantage für Medizinalhanf in Forstinning und damit ausgerechnet in Oberbayern entstehen soll, bleibt eine Vision. Am Dienstag hat der bayerische Landtag einen Antrag des Cannabis-Verbands Bayern (CVB) für ein Therapiezentrum mit Hanf-Anbauanlage abgelehnt. Im Frühjahr hatte der Verband per Eilbrief um einen Forschungsauftrag gebeten, mit dem Ziel, die etwa hundert registrierten bayerischen Schmerzpatienten mit ärztlichen Genehmigung für Medizinalhanf zu versorgen und zu betreuen. Mit der Entscheidung des Landtags bleibt vorerst alles beim Alten.

Bisher ist ein Großteil der bundesweit etwa 600 Cannabis-Schmerzpatienten auf teure Ware aus der Apotheke angewiesen. Seit einem Gerichtsurteil von Anfang April ist es in Deutschland mit Genehmigung zwar theoretisch erlaubt, selbst Hanf anzubauen. Die Auflagen an Plantagenbesitzer sind jedoch enorm hoch, was den Eigenanbau für viele unmöglich macht. Weil die Krankenkassen die Kosten für Medizinalhanf aus der Apotheke nicht übernehmen, haben viele Schmerzpatienten mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Die SZ berichtete kürzlich von einem Extremfall aus dem Landkreis Ebersberg: Ingenieur Thorsten Hetfeld aus Forstinning hatte mithilfe einer hohen Cannabis-Dosierung nach zehn Jahren seinen Rollstuhl verlassen - wegen der hohen Kosten droht ihm jedoch mittlerweile die Pleite.

"Für uns ist das ein Dämpfer", sagt Wenzel Cerveny. Der Vorsitzende des CVB setzt sich seit Jahren dafür ein, Patienten den Zugang zu Cannabis zu erleichtern. "Mit einem Forschungsauftrag hätten wir die konkreten Planung des Zentrums vorantreiben können", sagt er. Stattdessen werde der CVB den Ausschuss für Gesundheit und Pflege jetzt wegen unterlassener Hilfeleistung verklagen. Der Ausschuss hatte den Antrag mit dem Hinweis abgelehnt, dass es sich um eine Bundesangelegenheit handele. Cerveny hofft jetzt auf einen zweiten Antrag des Verbands, der in Bonn bei der Opiumstelle liegt - also auf eine Genehmigung des Vorhabens durch die zuständige Bundesbehörde.

Dass ausgerechnet in Bayern, wo unerlaubter Besitz bundesweit mit am härtesten bestraft wird, ein Cannabis-Zentrum entstehen soll, klingt immer noch kühn. Einen Finanzierungsplan hat der Verband etwa noch nicht. Mittlerweile hat der CVB jedoch einen Vermieter gefunden, der dem Verband eine Lagerhalle in Forstinning zum Anbau vermieten würde. "Ich stelle die Halle dem Cannabis-Verband zur Verfügung", sagt der Mann aus dem Landkreis Ebersberg. Nach jetzigem Stand würde für die 220 Meter große Halle eine Monatsmiete von 750 Euro anfallen, erklärt er. Sollte er das gemauerte einstöckige Gebäude umbauen müssen, würde sich die Miete erhöhen. Wo genau sein Grundstück sich befindet, will der Vermieter genauso wenig in der Zeitung lesen wie seinen Namen.

Kritiker warnen vor einer Verharmlosung

Beim Thema Cannabis hält sich die Offenheit nach wie vor in Grenzen, vor allem in der Politik sind die Vorbehalte groß. Die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler (CSU) sieht in Marihuana in erster Linie die Missbrauchsgefahr bei Menschen, die sich berauschen wollen. In der Rezeptfrage für Schmerzpatienten hatte sich Mortler zwar Anfang 2015 dafür ausgesprochen, Cannabis für chronisch Kranke auf Kassenrezept zuzulassen. Ein Gesetzentwurf wurde bisher allerdings nicht vorgelegt, weswegen Versicherungen nicht in Erklärungsnot kommen, wenn sie die Erstattung von Kosten für Medizinal-Hanf ablehnen.

Cannabis ist umstritten, Kritiker warnen vor einer Verharmlosung, weil es bei starkem Konsum die Hirnleistung einschränken kann und durch das Rauchen die Lunge beschädigt wird. In der Schmerztherapie-Forschung gibt es hingegen Ergebnisse, die dafür sprechen, das Cannabis als Medikament effektiver sein kann als herkömmliche Schmerzmittel. Studien deuten darauf hin, dass die Bestandteile THC und CBD hemmend auf Tumore und Metastasen wirken und Krebszellen zerplatzen lassen können - also möglicherweise sogar zur Heilung beitragen.

© SZ vom 01.06.2016/moje

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