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Folgen des Klimawandels :Der Wald kommt ins Schwitzen

Jahrzehntelang war die Fichte der Lieblingsbaum der Waldbesitzer. Nun aber ist man auf der Suche nach Ersatz.

(Foto: Christian Endt)

Der Fichte wird es in unseren Breiten zu heiß. Deshalb suchen Forstwirte nach hitzebeständigen Alternativen

Von Anselm Schindler, Ebersberg

Försterin Kirsten Joas arbeitet beim Ebersberger Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Schwerpunkt: Beratung von Waldbesitzern. Der Wald ist mehr als Joas Fachgebiet, stundenlang könnte sie von Fichten, Tannen und Laubbäumen berichten, von den tierischen Bewohnern des Waldes und seinem Anpassungs-Kampf im Klimawandel. Die Grüne Lunge ist ein fester Bestandteil in Joas Leben, und ein wenig wirkt es so, als würde sie sich um einen kranken Patienten kümmern.

Denn der Wald hat ein Problem, gerade in unseren Breitengraden. Die Borkenkäfer-Invasion, die in diesem Jahr auch die Wälder im Landkreises befallen hat, ist dafür nur ein Symptom. Jahrzehntelang haben Forstwirte auf das Pflanzen von Fichten gesetzt, einer Baum-Art die eigentlich in kälteren Gefilden zu Hause ist. Bedingt durch die Aufheizung des Klimas wird es den Fichten nun zu heiß, und, was noch schlimmer ist, zu trocken. Gerade in der Münchner Schotterebene, die sich auch bis tief in den Ebersberger Forst hinein erstreckt. Denn dort ist die Humus-Schicht im Schnitt nur rund 40 Zentimeter dick und kann deshalb nicht viel Wasser speichern. Gerade dort werden die zunehmenden Dürre-Perioden, die Meteorologen prognostizieren, deshalb umso verheerender ausfallen. Bereits im Jahr 2015 hatten die bayerischen Waldbauern bei den Fichten bis zu 40 Prozent Wachstums-Einbußen zu beklagen. Und mit der Trockenheit kommen die Schädlinge, die die Schwäche der Bäume ausnutzen.

"Die Verbreitungsgrenzen von Baum-Arten sind über Jahrtausende entstanden, über solche Zeiträume kann sich die Natur auch anpassen", erklärt Joas. "Aber im Klimawandel geht alles viel zu schnell, wir müssen jetzt eingreifen." Im kommenden Jahr wird Joas zusammen mit anderen Wald-Experten in die Ukraine reisen, um die dortigen Wald-Bestände zu erforschen. Denn Joas und ihre Kollegen sind auf der Suche nach Alternativen zur Fichte. Das Such-Profil: Ein Baum, dem es in unseren Breiten in hundert Jahren nicht zu heiß ist, der aber trotzdem kalte Winter mit langen Frost-Phasen verkraftet. Schwierig. Die Suche nach der Alternative zur Fichte führte Joas im vergangenen Jahr bereits nach Rumänien, dort gedeihen große Eichen- und Esskastanienwälder, es sind andere Arten als sie bei uns wachsen, angepasst an heiße, trockene Sommer und einen milden Winter. Theoretisch könnten diese Bäume auch hier wachsen, sie wären wie geschaffen für ein sich aufheizendes Klima in Bayern. "Aber wenn dann doch mal ein langer Winter mit minus 15 Grad kommt, dann schaut es schlecht aus", erklärt Joas. In der Landwirtschaft könne schneller auf ein sich veränderndes Klima reagiert werden, "aber beim Wald muss man langfristig planen. Die Waldbesitzer sind in großer Sorge, die sind ja mit verantwortlich für das, was die Kinder und Enkel vom Wald noch haben werden".

Einige Kilometer von der Landkreisgrenze entfernt, eine Baumschule in Großkarolinenfeld bei Rosenheim: Dort versucht der Leiter der Baumschule, Edward Blaha, sein Sortiment den sich verändernden Wünschen seiner Kunden anzupassen. Auch viele Forstwirte aus dem Landkreis sind Kunden in der Baumschule Blaha. "Klar versuchen die auch, ihren Wald an das veränderte Klima anzupassen, Menschen tragen ja im Sommer auch andere Kleidung", sagt der Leiter der Baumschule. So einfach ist es dann aber doch nicht, wie Blaha anfügt, "der Forst hat eine Umtriebszeit von durchschnittlich 100 Jahren". Unter Umtriebszeit verstehen Forstwirte die durchschnittlichen Dauer von der Begründung eines Baumbestandes bis hin zur Ernte. Der Wald ist wandlungsfähig, aber er braucht viel Zeit.

Viele Forstwirte setzten nun ihre Hoffnung in die Douglasie, einen Nadelbaum, der mit trockenen Böden und langen Hitzephasen gut zurechtkommt. Aber, erklärt Edward Blaha, auch andere Baumarten erlebten bedingt durch den Klimawandel eine Renaissance. Die Tanne, die Edelkastanie und auch die Buche gehörten zu diesen Arten. Jahrzehntelang zog man ihnen die Fichte vor, das ändert sich jetzt, auch wenn die Fichte einen höheren Ertrag abwirft. "Willst du, dass die Enkel fluchen, pflanze Buchen, Buchen, Buchen!", so lautet ein beliebtes Sprichwort unter Forstwirten. Die Enkel der Zukunft werden wohl anders denken.

© SZ vom 05.09.2016
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