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Historischer Fund:Absturz über Hörmannsdorf: Klarheit nach 76 Jahren

Deutscher Bomber Dornier Do 217 am Start zum Feindflug, 1942

So sah das zerschellte FLugzeug von Hörmannsdorf einst aus: Ein deutscher Kampfflieger "BMW 801, Dornier 217" im Jahr 1942 am Start zum "Feindflug".

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Am 11. Februar 1944 geriet unweit von Ebersberg ein deutscher Kampfflieger in Brand. Wo er abstürzte, war bisher unklar, nun hat ein Gärtner den Rotor der Maschine gefunden. Ein Besuch mit dem 20 Jahre alten Finder und einem, der damals mit 15 in den Krieg musste.

Von Korbinian Eisenberger, Ebersberg

Der Kraftfahrer Stanislaus Bulctak ist hellwach, als sich das Unheil am Ebersberger Himmel anbahnt. So wird er Zeuge an diesem 11. Februar des Jahres 1944. Es ist 3.45 Uhr, eine "helle Mondnacht", wie später in der Unfallanzeige zu lesen sein wird. Das Kampfflugzeug fliegt Richtung Westen, als Stanislaus Bulctak feststellt, dass die Motorengeräusche unruhig werden. Er sieht, "wie große Flammen aus dem Flugzeug schlugen", so steht es in der Anzeige von damals. Kurze Zeit später greift die Bauersfrau Helene Festl aus Vorderegglburg zum Telefonhörer und ruft beim Gendarmerieposten Ebersberg an: "Bei dem Orte Hörmannsdorf ist ein Flugzeug brennend niedergegangen."

Der 76 Jahre alte Bericht liegt im Bayerischen Staatsarchiv und wurde nun wieder ausgegraben. Gefunden hat ihn die Ebersberger Historikerin Antje Berberich. In ihrem Reich liegt der Beweis: Im Archiv der Ebersberger Kreisstadt bewahrt sie einen Rotor auf, der sehr wahrscheinlich zu der Absturzmaschine gehörte. Ein rostiges Eisentrum, so schwer, dass es einen Rollwagen braucht, um es zu bewegen. Anfang der Woche hat Berberich den Fund bekannt gegeben. So kommt es an diesem Dienstag zum Treffen am Fundort. Mit dabei: Ein Mann, der damals als 15-Jähriger für Hitler in den Krieg ziehen musste. Und der 20-jährige Finder.

Es nieselt über Hörmannsdorf, eine winzige Ortschaft südwestlich der Kreisstadt Ebersberg. Hier findet diese historische Zusammenkunft statt, wegen ihm: Daniel Dietz aus Hörmannsdorf hat den Eisenrotor in einem kleinen Waldstück entdeckt. Der 20-Jährige erledigte dort Holzarbeiten für einen Landwirt. "Ich dachte erst, dass es zu einem alten Bulldog gehört", sagt er. Als er seinen Fund jedoch von einem fachkundigen Freund untersuchen ließ, war schnell klar, dass um den rostigen Zylinder einst die Drehflügel einer Propellermaschine kreisten.

Dietz brachte das Artefakt zur Stadtverwaltung. So landete der Rotor in Berberichs Archiv. Die 80-Jährige ist mit Gummistiefeln und Regenjacke gekommen, sie hat das Treffen arrangiert. Wie sicher kann man sich sein, dass es nicht doch nur ein altes Traktorteil ist? Um solche Zweifel auszuräumen, sind zwei Fachmänner gekommen. Der Flugzeugtechniker Hans-Joachim Weidler aus Vohburg an der Donau hat wesentlichen Anteil an der Identifizierung. Es handelt sich um eine Drei-Mann-Propeller-Maschine "BMW 801, Dornier 217". Ein Flugzeug, das die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg einsetzte.

Ist von der Munition noch etwas übrig? Und wenn ja: Ist sie noch scharf?

Diesen Recherchen nach muss es sich um einen Nachtjäger gehandelt haben. Das Flugzeug war also nicht mit Bomben beladen, sondern mit scharfen Maschinengewehren, "22 und acht Millimeter", schätzt Weidler. Die Frage, die sich hier alle stellen: Ist von der Munition noch etwas übrig? Und wenn ja: Ist sie noch scharf?

Berberichs Rechercheverbund hat das Feld samt Waldstück mit Eisendetektoren abgesucht und sieben Stellen markiert, wo die Sonden ausschlugen. Je nach Signalstärke hat sie kleinere oder größere rote Kreise gezogen. "Man muss davon ausgehen, dass dort weitere Teile liegen", sagt Berberich. Das Problem: Aller Wahrscheinlichkeit nach sind sie tief unter der Erde.

Flugzeugabsturz Hörmannsdorf 02.1944

Reinhold Ficht, 93, hat den Krieg überlebt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Der Polizeibericht aus dem Februar 1944 geht ins Detail: "Die Maschine war vollständig zerschellt. Es lagen (...) Flugzeugteile in einem Umkreis von etwa 150 Metern zerstreut umher. Das vermutlich mit großer Wucht niedergegangene Flugzeug hat in den moorigen Ackerboden einen Trichter von ungefähr 15 mal 20 Meter aufgerissen." Erst nach einer halben Stunde fand die Gendarmerie die drei Leichen. Zwei Männer lagen "unter einem Fallschirm, der mit Schnee und Ackerboden bedeckt (...) zehn bis 15 Meter vom brennenden Flugzeug entfernt" lag. Das dritte Besatzungsmitglied war in der Maschine eingezwängt. "Sämtliche Leichen waren verstümmelt und zum Teil verbrannt."

Wer die drei Männer waren und warum sie abstürzten und starben ist nicht überliefert. Die entsprechenden Felder ließ der diensthabende Beamte vom Gendarmerieposten Ebersberg im Februar 1944 leer. Reinhold Ficht aus Kirchseeon war damals 17 Jahre alt und stand bereits seit zwei Jahren als Soldat auf Hitlers Schlachtfeldern. Auf dem Hörmannsdorfer Ackerfeld hat er einen Platz im Trocknen. Weil er Schwierigkeiten beim Gehen hat, sitzt er im Auto. Als Jugendlicher hatte der 93-Jährige den großen Traum, Profipilot zu werden. Doch der Krieg durchkreuzte alle Pläne.

Ein 15-Jähriger sollte französische Panzer mit der Panzerfaust zerstören

Ficht erzählt, wie er als 15-Jähriger genau wie alle anderen seiner Klassenkameraden beim Panzerjagdkommando unweit des Rheins bei Karlsruhe eingezogen wurde. Auftrag: Französische Panzer mit Panzerfäusten zerstören. Ficht hebt seinen Unterarm und deutet auf eine Stelle unter dem Pullover. "Hier steckte ein Granatensplitter drin", sagt er. Im Lazarett schnitten sie ihm deswegen den Arm auf, sagt er. "Da habe ich mein eigenes Fleisch gerochen". Als seine Kompanie 1943 begann, waren sie 18 Mann. Am Ende waren sie noch neun.

Nie wieder Krieg, nein zu Rassismus: Es gibt immer weniger Zeitzeugen wie Reinhold Ficht, die Hitlerdeutschland überlebt haben und diese Botschaften so eindringlich vermitteln. Ficht etwa kann noch die Namen der Kameraden nennen, die er tot vom Schlachtfeld trug, auf Zeltplanen legte und beerdigte. Wurden auch die drei abgestürzten Männer von Hörmannsdorf begraben? Die Task-Force Ficht, Berberich, Weidler will nun ihre Identität herausfinden. "Es geht mir um die Aufarbeitung", sagt Antje Berberich.

Reinhold Ficht hat eine Taschenuhr, die an einem Goldketterl hängt. "Aber nicht nur", sagt er und zieht den Ärmel hoch: Am Handgelenk stets mit dabei: Seine Fliegeruhr. Ficht musste den Krieg überleben, und die französische Gefangenschaft. Aber er hat seinen Traum nicht aufgegeben. Reinhold Ficht wurde Ingenieur, Motorenentwickler - und Pilot.

© SZ vom 10.06.2020/koei
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