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Figuren der Weihnachtsgeschichte im Jahre 2012:Heilige Herde

Wie steht es eigentlich um Ochs und Esel? Eine Spurensuche in den Ställen des Landkreises zeigt vor allem eines: Es gibt die friedfertigen Tiere in der Landwirtschaft kaum mehr

- Eseloma Lilly ist schon leicht dement, weshalb sie den hölzernen Stall nicht immer auf Anhieb findet. Die letzen der spärlichen Sonnenstrahlen an diesem winterlichen Nachmittag verzaubern den Verschlag im Kirchseeoner Moos in eine warm leuchtende Stube inmitten der eisigen Kälte. Die sieben anderen Esel stehen schon an der Futterkrippe, jetzt reiht sich auch die 30 Jahre alte Lilly ein. Jedes Tier hat seinen festen Futterplatz - Lilly ist immer die Zweite von rechts, Demenz hin oder her. Dafür sorgt Eseldame Josy, die in Sonja Schmidt-Simmets Herde die Chefin ist.

"Ich mag sie alle", sagt die 48 Jahre alte Frau mit blondem kurzen Haar, sportlich leger gekleidet, fröhlich. "Doch Lilly bekommt immer ein paar Streicheleinheiten mehr", gesteht sie. Lilly, die aus Rumänien kommt, hat sie damals in einem "erbärmlichen Zustand" vor dem Schlachter gerettet. Aber von vorne, denn eigentlich beginnt die Geschichte von Sonja Schmidt-Simmet und ihrer Eselfarm 2006 - in Herrmannsdorf. Hierhin war sie zusammen mit ihrer Jugendliebe Christian Simmet gezogen, nachdem sich beide nach gescheiterten Ehen erneut ineinander verliebt hatten. "Was wünschst Du Dir eigentlich zum Geburtstag?", hatte er sie gefragt. "Und da habe ich gesagt, einen Esel", erzählt die gelernte Zahntechnikerin und zweifache Mutter. Sie habe immer schon einen Esel haben wollen, erzählt Sonja Schmidt-Simmet am hölzernen Tisch in der Küche ihres Hauses, im Ofen knistert das Holz. Ein Haus wie aus dem Märchen "Hänsel und Gretel", inmitten eines mächtigen Waldes. Der Schnee hat die vielen Wege von Rehen, Hasen und Eichhörchen festgehalten. Es ist meistens still, meint das Ehepaar. "Naja, außer die Esel schreien", sagt Christian Simmet. Aber können Esel denn so laut schreien? "An Allerheiligen haben sie in Sankt Coloman drüben mal den Gräberrundgang abbrechen müssen", erzählt Sonja Schmidt-Simmet, nicht ohne Stolz.

Als die Tiere Christian Simmet den Weg hinüber zur Koppel kommen sehen, erheben sie ihre Stimmen. Kein klassisches "I-A", mehr ein gegrunztes, lautes Stöhnen. Wie Kinder, die von ihren Eltern vom Kindergarten abgeholt werden, kommen sie herbeigelaufen. Der 49 Jahre alte Feinmechaniker streichelt die Tiere an ihren langen, warmen Ohren, krault die Flanken, verteilt ein paar Scheiben Brot, die eine Spaziergängerin vorbeigebracht hat. Josy mit ihrem bald zwei Jahre alten Sohn Moritz weichen nicht von seiner Seite, auch Tommi, Valentino, Ludwig, Quito und Leopold "der Große", ein franzözischer Pitou, genießen das Ritual, bevor es in den Stall geht. Wie Lilly, die sich erst jetzt langsam auf der Koppel in Bewegung setzt, haben sie alle ihre eigene Geschichte die sie auf die Eselfarm in das Kirchseeoner Moos geführt hat. Sonja Schmidt-Simmet spricht von großartigen und klugen Tieren, die allzu oft unterschätzt würden. Sie veranstaltet Eselkutschfahrten, -wanderungen oder aber Geburtstagsfeiern mit ihren Eseln. Einmal gab es sogar eine Eselweihnacht im Moos.

"Kaum einer kennt's mehr", hat Sonja Schmidt-Simmet in den vergangenen fünf Jahren auf ihrer kleinen Farm festgestellt. Nur in den Weihnachtskrippen, die alle Jahre aus Speichern und Kellern geholt werden, da fehlt der Esel nie. Obwohl er - wie auch der Ochse - in der Weihnachtsgeschichte nach dem Lukasevangelium gar nicht vorkommt. Wie so manch anderes vertraute Motiv biblischer Geschichten stammen die Tiere aus so genannten apokryphen Evangelien, Texten also, die im Verborgenen entstanden und nicht in den Kanon der neutestamentlichen Schriften aufgenommen wurden. Im sogenannten Pseudoevangelium des Matthäus etwa verkündet der Prophet Jesaja "Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn." Darüber hinaus haben die Tiere "tiefgreifendere Symbolgehalte", wie die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) auf ihrer Website erklärt. So stehe der Esel als demütiges und dienendes Tier für die Demut und Aufopferung Jesus Christus. Der Ochse als typisches Opfertier des Alten Testaments verweise auf die Kreuzigungsgeschichte. "Gelegentlich sieht man im Esel den Juden, im Ochse den Heiden verkörpert", heißt es über das tierische Gespann.

Der Ochse also das Opfertier. Wenn so eine Herde kastrierter Rinder inmitten einer staubenden Schneewolke durch das Brucker Moos trabt, dann ist man einen Moment lang gelähmt vor Angst - und von der Schönheit dieses Bildes. Dann bleiben die 15 dunkelbraunen Tiere mit den kurzen Hörnern und dampfenden Nasen vor dem hölzernen Zaun stehen. Bis zu einer Tonne schwer werden die Bullen von Josef Abinger in drei Jahren. Der 46 Jahre alte Bio-Landwirt hat in Bruck die einzige Ochsenmast im Landkreis. "Unglaublich zutraulich" nennt er seine insgesamt 100 Pienzgauer, die er regelmäßig im österreichischen Zell am See einkauft. Vier Monate alt sind sie dann, bereits kastriert und die Weide gewohnt. Der gelernte Industriekaufmann hat den Mastbetrieb vor zwölf Jahren von seinem Vater übernommen. Jede Woche fährt er ein Tier zum Schlachten in die Herrmannsdorfer Landwerkstätten. "Das mach' ich ganz ungern", sagt er. Er tröstet sich dann damit, "dass sie ein schönes Leben gehabt haben".

Die meiste Zeit dieses Lebens verbringen die Ochsen in einem großen Stall, den Abinger 2004 gebaut hat oder aber in einem Weidestand. Bis zu 15 Tiere stehen im Stall in einem Abteil, auf der Weide sind es bis zu 30. In jeder Gruppe gibt es eine Hierarchie, die in der Regel ausgerauft wird, "und die raufen ganz schön", wie Abinger meint. Doch steht die Rangfolge, ist Ruhe im Stall. "Die haben ihr eigenes Tempo", sagt Abinger. "Stress kennen die nicht." Ganz gemütlich kauen die mächtigen Tiere am Futtertisch vor sich hin und schrecken auch vor Besuchern nicht zurück. Nein, sie recken die Köpfe sogar einen Tick weiter unter den Stahlrohren hervor, blähen die Nasenlöcher und schieben die hellen, rauen Zungen hervor. 25 Kilo Futter frisst ein Ochse am Tag, überwiegend Silage. Im Sommer ist Abinger deshalb "sechszehneinhalb Stunden täglich" mit der Bewirtschaftung von 60 Hektar Land beschäftigt. Im Winter muss er dafür nur knapp zweieinhalb Stunden jeden Tag füttern und misten. Leben kann der Landwirt alleine von der Mast nicht. Doch den Betrieb aufgeben, das würde er nie. "Mein Vater hat 1980 mit der Ochsenmast angefangen, weil er keine Futtermittel zukaufen wollte", erklärt er. Und er, der gelernte Schreiner und Industriekaufmann, hat sich vor zwölf Jahren entschlossen, die Mast zu übernehmen. Er mag die Tiere, das spürt man. Manchmal scheint er sie regelrecht zu bewundern, für ihre Friedfertigkeit und Ruhe. "So gutmütig", beschreibt er seine Ochsen, oder er sagt "der tut nichts", als handele es sich bei dem riesigen Vieh um einen lästigen Kläffer.

Abingers größte Sorge ist, dass sich eines der Tiere eine Lungenentzündung holen könnte. Auch Sonja Schmidt-Simmet hat ihren Eseln inzwischen wärmende Decken übergelegt. Während Abinger bei der Frage nach der Zukunft seiner Ochsen die Brauen rümpft - "mal schauen" - hat Sonja Schmidt-Simmet große Pläne. Im Sommer will sie mit ihren Eseln den bayerischen Jakobsweg bis zum Bodensee laufen. Sieben Menschen und sieben Esel, so die Idee. Moment mal - nur sieben Esel? "Eseloma Lilly bleibt natürlich daheim!"